Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Farbige Bildnerei. von Paul Schumann — Personal- und Ateliernachrichten

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rechtigung der farbigen Plastik herzuleiten, würde un-
gerecht sein. Ein derartiges Urteil würde das Wesen
der Plastik verkennen.

Wir kommen schließlich auf den Stoff der bemalten
Bildwerke zu sprechen. Welchen Stoff soll man dafür
wählen, welchen darf man etwa nicht bemalen? Diese
Fragen berühren mehr die Technik als die Ästhestik der
Kunst. Über die Bemalung unedlen Stoffes werden die
Ansichten kaum auseinandergehen. Gips, Terracotta,
minderwertiges Metall u. a. können durch die Farbe nur
gewinnen, da sie an sich reizlos sind, ja die Wirkung
eines Kunstwerks sogar schwer schädigen können. Bronze
und Marmor zu bemalen erscheint zwecklos, wenn man
den Charakter dieser edleren Stoffe durch die Farbe zer-
stört, ihren Glanz verdeckt, kurz sie unkenntlich macht.
Es ist ja sicher, daß der Wert des Marmors in unser»
marmorarmen Gegenden verhältnismäßig überschätzt wird.
Bei uns gilt der Marmor als der edelste Stoff der
Plastik; in Italien dient er zum Bauen wie bei uns der
Sandstein, in Athen Pflastert man die Straßen mit
Marmor wie bei uns mit Granit; sein Wert bestimmt
sich also nach der Menge seines Vorkommens. Die alten
Griechen haben den Marmor mithin ohne jedes Bedenken
bemalt. Wir, die wir den Marmor höher schätzen
müssen, werden ihn insoweit bemalen dürfen, als die
Farbe seine natürlichen Eigenschaften nicht zerstört, son-
dern eher zu höherer Geltung bringt: Die Technik steht
dieser Forderung nicht im Wege. Die malenden Bild-
hauer, darunter der eingangs erwähnte C. v. Üchtritz in
Berlin haben schon eine Menge technischer Schwierigkeiten
aus dem Wege geräumt: Tönung, glänzende und glanz-
lose, deckende und durchscheinende Farbengebung ver-
wenden sie nach Belieben, und ohne Zweifel werden
künftige Versuche die Technik der farbigen Plastik noch
fester gründen als dies in den letzten Jahren schon ge-
schehen ist.

Somit steht der farbigen Bildnerei weder von der
Seite der Ästhetik noch seitens der Technik ein Hindernis
im Wege. Daß die Geschichte der Kunst ihr recht gibt
—- nicht das Vorrecht vor der farblosen Plastik, sondern
das gleiche Recht neben ihr — bedarf hier weniger der
Erwähnung, da ja die ganze litterarische Bewegung zu
gunsten der farbigen Plastik sich von vornherein auf die
geschichtliche Betrachtung gestützt hat. Tagtäglich sind ja
überdies in den letzten Monaten von den griechischen
Ausgrabungsfeldern Nachrichten eingelaufcn, daß man
farbige Bildwerke in größerer oder geringerer Zahl neu
aufgefunden habe. Es mag aber verstattet sein, hier kurz
auf die altägyptische Kunst zu verweisen, wo sich Plastik
und Malerei in dauernder Verbindung Jahrhunderte hin-
durch gehalten haben, so daß man von einer selbstän-
digen Wandmalerei im gründe genommen gar nicht sprechen
darf. Von den farbigen Reliefs der alten Ägypter ist
es schwer zu sagen, ob man sie der Malerei oder der
Plastik zurechnen soll. Die Hauptgattung derselben wurde
so hergestellt, daß man die Umrisse in den Grund ein-
ritzte und letzteren dann weniger oder mehr wegkratzte.
Die Erhebung ist ganz gering, die Malerei eintönig, die
Mitwirkung des Lichtes von außen gleich null oder ganz
gering. Eine eigentliche Wandmalerei hat sich hieraus,
wenigstens bei den Ägyptern, gar nicht entwickelt. Das
Relief als rein plastische Schöpfung ging daraus hervor,
indem man die Rundung, die Körperlichkeit der Gestalten

mehr und mehr betonte, die Mitwirkung des Lichtes zur
Erzielung voller plastischer Wirkung mehr und mehr her-
beizog. Der Ausschluß der Farbe wurde hierdurch nicht
bedingt; wir sehen im Mittelalter Plastik und Farbe
vielfach vereint wirken. In der Renaissancezeit schaffen
die Robbia, Cozzarelli, Donatello u. a. köstliche Werke
farbiger Plastik. Nachdem die falsche Lehre von der
Klassizität des reinen Weiß in unsrer Zeit gebrochen
worden ist, sehen wir die farbige Plastik erneut zu kräf-
tigem Wirken erstehen. Es liegt an ihr selbst, ihr Daseins-
recht von neuem durch die Thal zu beweisen, und sie
thut es mit dem besten Erfolge.

Personal- und Akrlirrnachrlchkrn

O.^V. Berlin. Aus Berliner Bildhauerateliers.
Unsre hervorragenden Bildhauer R. Begas, Calandrelli, Eberlein,
E- Encke, N. Geiger, F. Hartzer, E. Herter, Paul Otto, Schaper,
Siemering u. a. sind gegenwärtig, wie wol die meisten ihrer
hiesigen und auswärtigen College» hauptsächlich mit Entwürfen
für Kaiser Wilhelm- und Kaiser Friedrich-Denkmäler beschäftigt.
Sehr originelle, für die Ausführung wol aber weniger geeignete
Modelle für das für die Reichshauptstadt bestimmte „Kaiser
Wilhelm National-Denkmal" gab es da zu schauen; für jetzt
genüge indessen die Bemerkung, daß die Ausstellung der frag-
lichen Entwürfe, welche bekanntlich im September d. I. im
hiesigen Landesausstellungsgebäude am Lehrter Bahnhof statt-
finden wird, eine überaus Pollständige und hochinteressante zu
werden verspricht. — Auch zahlreiche Porträtbüsten Kaiser Wil-
helm II. werden in kurzem aus den Ateliers verschiedener
Künstler hervorgehen. Eine überaus malerisch komponierte,
ähnliche und trefflich durchgebildete Büste unsers Kaisers schuf
Eugen Boermel. Johannes Boese vollendete kürzlich
eine vorzüglich gelungene Statuette des jungen Herrschers All-
deutschlands, die in Bronzeguß vervielfältigt ist, und das Modell
zu dem Kriegerdenkmal für den hiesigen Garnisonkirchhof in der
Hasenheide. ÄlbertBergmeier arbeitet gegenwärtig an dem
für den Guß bestimmten Modell zu dem großartig angelegten
Monumentalbrunnen für Magdeburg, dessen Vollendung und
Aufstellung in etwa drei Jahren zu erwarten ist. Ferdinand
Hartzer, welcher kürzlich den ersten Preis in dem Wettbewerb
um das Bischof Bernward-Denkmal für Hildesheim davontrug,
hat das für den Bronzeguß bestimmte Gipsmodell des Denkmals
vollendet, welches dem Andenken des berühmten Chemikers
Friedrich Wähler in Göttingen errichtet werden wird.
Von Fritz Zadow sah man eine lebenswahre, charakteristische
Büste Ludwig van Beethovens, von Ludwig Manzel, einem
Schüler von Albert Wolfs, der erst kürzlich von einem mehr-
jährigen Studienaufenthalt in Paris nach hier zurückgekehrt ist,
eine kolossale, vortrefflich ausgeführte Gruppe „Ter Friede durch
Waffen geschützt". Der Friede, dargestellt durch eine ideal auf-
gefaßte weibliche Figur, schmiegt sich angstvoll an einen Krieger,
der in voller Rüstung, den rechten Arm mit dem Speer bewehrt,
seinen linken, von einem Schilde geschützten Arm schirmend über
den bedrohten Frieden ausstreckt und mutvoll dem Feinde ent-
gegensieht. Bei Ernst Herter ist nunmehr der Entwurf zu
einem Heine-Brunnen, zur Ausführung in dem Düsseldorfer
Hofgarten bestimmt, sowie eine überaus charakteristische Bronze-
statuette Heinrich Heines für ihre Majestät die Kaiserin von
Österreich vollendet worden, und harrt der Brunnen-Entwurf
nur noch der Ausführung, die demnächst von einem Komitee,
das sich neu konstituiert hat, veranlaßt werden wird. Professor
Moriz Schulz schuf einen „Ganymed mit Pfau" in Marmor
und Bildhauer Emil Hundrieser eine überlebensgroße
Nischengruppe „Der Schlaf", während Michel Lock eine etwa
vier Meter hohe „Kreuzabnahme", vortrefflich komponiert, mit
großer Meisterschaft vollendete. Der Künstler wollte dies Werk
gelegentlich der diesjährigen großen akademischen Kunstaus-
stellung dem Publikum vorführen; diese seine Absicht ist
aber vereitelt worden, da die Akademie der Künste ihm zu
erkennen gegeben hat, daß es ihr in diesem Jahre zur Auf-
stellung kolossaler Bildwerke an Raum gebreche, da sie den
wiederholt aufgetauchten Wünschen''hiesiger Künstler Rechnung
tragend, nunmehr von seiner Heranziehung von' Räumen des
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