Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Unsere Bilder, vom Herausgeber — Personal- und Ateliernachrichten

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Unsere Vilder

vom Herausgeber

ie Bilder aus dem altvenetianischen Leben, welche der
Herr Präsident der Berlinischen Akademie seit vierzig
Jahren in immer gleicher Frische malt, gelten der neuesten
Kritik für veraltet. Glücklicherweise nur ihr, denn die
Eigenschaften, welche ihnen einst so große Beliebtheit mit
Recht verschafften, veralten überhaupt nicht. Die meist
glücklich erfundene Handlung, welche aus den Charakteren
mit einer gewissen Notwendigkeit hcrvorgcht, jene immer
harmonische Pracht der Färbung, das heitergefällige,
malerische seiner Erfindungen, die uns bisweilen rühren,
nie peinigen, das alles sind so echt künstlerische Vorzüge,
daß sie seinen Werken ihren Wert wohl immer erhalten
werden. Er will uns angenehm beschäftigen, nicht er-
schüttern, und erreicht das vollkommen: weil er nie mehr
will als er kann, befriedigt er immer. So hier, wo
der sichtlich von Gicht geplagte Doge von einer Bittstellerin
erwartet wird, deren Mann wahrscheinlich sich in irgend-
etwas vergangen hat, oder dergl., und die in der hübschen
Dogaressa eine so freundliche Fürsprecherin findet, daß wir
dem Ausgang mit einiger Ruhe entgegensehen, da in der
ganzen Szene auch gar nichts Beklemmendes liegt. Denn
Becker huldigt freilich noch immer der antiquierten An-
schauung, daß die Kunst eigentlich zum Erfreuen und nicht
zum Ersatz für die abgeschaffte Folter da sei!

Auch Konrad Kiesel ist dieses Glaubens, und schil-
dert darum von der Menschheit nicht nur die schönere Hälfte
überhaupt, sondern vor allem die modern elegante Frauen-
welt deutscher Abstammung. Er beweist uns, daß sie nicht
nur hinter der keiner andern Nation zurücksteht, sondern
auch vor vielen die äußere und ganz besonders die innere
Sauberkeit voraus hat. Das thut er aber mit so viel Anmut
und Seele zugleich, daß man gar gerne etwas zur Stillung
der Sehnsucht seiner süß schmachtenden Damen beitragen
möchte. Es ist das umsomehr der Fall, als es bei seiner
heutigen Angelika trotz des Lilienbouketts am Busen
immer noch zweifelhaft bleibt, ob sie sich mehr nach einem
himmlischen oder irdischen Tröster sehne. Man kann sich
daher nur darüber freuen, daß der die deutschen Frauen-
charaktere mit so viel Glück schildernde Künstler jetzt
neuerdings vom Kaiser dazu berufen worden ist, sein
Talent unserm Hofe zu widmen. Es ist das ein neuer
Beweis, wie richtig unser Kaiser seinen Beruf erkennt, die
deutsche Gesinnung überall, nicht nur in der Politik zu
fördern, was gerade in Berlin durchaus nicht über-
flüssig ist.

Was dann eine echte Volksschilderung leisten kann und
soll zeigt uns Aranda's Kapuzinerpredigt im Hofe der
Kathedrale von Sevilla mit überraschender Schärfe. Wir
wüßten wenigstens nicht, wie man das spanische Volk
aller Klassen in seiner Denkart, seinen Sitten und seinem
Äußern, wie es im Anfang unsres Jahrhunderts war,
noch überzeugender wiedergeben könnte, als es auf
diesem Meisterwerk geschieht. Wie ihnen der Kapuziner
da droben die Hölle heiß macht, daß ihnen Maul
und Nasen offen stehen, besonders den Alten, die sich
bereit machen müssen, bald Rechenschaft zu geben! Das
junge Volk freilich verhält sich schon kühler, weil sie
denken, daß die Reihe noch nicht an sie kommt und die
hübschen Mädchen vollends benützen wie jede andre auch
diese Gelegenheit zum Kokettieren nach Kräften. Alles un-

beschadet der gewissen südlichen Schlamperei, die ihnen
wie den Italienerinnen eigen. Die Herren Kollegen des
Paters aber, von denen einer ganz vorne eine Prise nimmt,
kritisieren offenbar den Herrn Mitbruder und finden, daß
er zu starken Tabak brauche. Auf dem ganzen Bilde ist
aber auch nicht eine Person, der man nicht ihren Stand
und Charakter sofort ansehe, so daß man bei der über-
dies mit so feinen: Humor gewürzten Schilderung Aller
nicht satt wird, ihr zu folgen. Dazu gibt das Kolorit
wenigstens den heißen Sonnenschein, der auf diese Menge
herabbrennt und alle Schatten aufsaugt, vortrefflich wieder,
so daß man sich beinahe mit unter die grünen Bäumchen
flüchten möchte, unter welchen die Prozession hervorge-
kommen. In solcher unübertrefflich feinen Schilderung
einer ganzen Bevölkerung hat denn auch die moderne
Kunst hier etwas erreicht, wovon die alte kaum eine Spur
zeigt, da sie auf dergleichen kaum je ausgeht. Man denke
sich z. B. nur eine flandrische Kirmesse von Teniers, wie
arm und einförmig bleibt sie neben solcher von Witz und
Leben, von individuellen Zügen aller Art sprudelnder
Darstellung!

Ähnliche Überlegenheit kann man auch dem köstlichen
„Vorfrühling" des Wieners Robert Ruß nachsagen, aller-
dings einer der Perlen unsrer letzten Ausstellung, die aber
wiederum eine bestimmte Periode im Naturleben mit einer
Feinheit und einem tief poetischen wie malerischen Reiz
schildert, welche die alte Kunst schon darum nie erreicht,
weil sie sich dergleichen Aufgaben schärfster Charakteristik
einzelner Momente überhaupt kaum je stellt. Wie uns
der Maler durch sein dreivicrtel des Bildes einnehmendes
Wäldchen die Empfindung jenes geheimnißvollen Erwachens
des Lebens in der Natur, des Sprosscns und Treibens
gibt, das ist ebenso vortrefflich, als wie er diesen Ein-
druck durch den Ausblick auf die weite, mit Pflügenden
und fernen Gehöften, blitzenden Bächlein und Fußpfaden,
mit Wanderern belebte Ebene vervollständigt. Hier lebt
buchstäblich alles und man glaubt den Frühlingsduft in
der leichten sonnigen Luft cinzuathmen, ja, das ganze
Glück zu empfinden, das uns dieses erste Ausathmen der
Natur nach langer Erstarrung einflößt. — Auch hier ist
wiederum die Charakteristik so fein, daß wir keinen Augen-
blick im Zweifel bleiben, daß wir uns nicht nur auf
deutschem Boden, sondern höchst wahrscheinlich in Öster-
reich befinden. Was aber die Glaubwürdigkeit eines Kunst-
werkes erhöht, steigert allemal auch seinen Wert.

Personal- und Kkrlirrnschrichlen

tt. Straßburg. In der hiesigen Glasmalereianstalt der
Gebrüder Ott ist ein neues prächtig ausgeführtes Fenster für
die ehemalige Benediktiner-Reichsabtei und spätere Stiftskirche,
die jetzige Haupt-Pfarrkirche der Katholiken in Weißenburg be-
stimmt, zu sehen; der Gegenstand der Darstellung ist die „Ver-
kündigung Mariä" und lieferte hierzu Farbenskizze nnd Kartons
der Maler Feuerstein in München. Das neue Glasmalerei-
fenster soll das Gegenstück des durch Hans von Wackenheim im
15. Jahrhundert der Stiftskirche gewidmeten Fensters bilden und
wurde vom jetzigen Präsidenten des Unter-Elsaß von Stichauer,
zur Erinnerung an seinen Aufenthalt in Weißenburg als Kreis-
direktor von 1872- 1886 gestiftet.

Ir. Berlin. Das von dem Bildhauer, Professor vr.
R. Siemering gefertigte Modell zu der für die Herrscherhalle
der hiesigen Ruhmeshalle bestimmten Reiterstatue Kaiser Wilhem I
hat den ungeteilten Beifall Sr. Mas. des Kaisers nicht gefunden,
und ist der Künstler ersucht worden, verschiedene Aenderungen
vorzunehmen.
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