Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Aus Aom — Unsere Lilder. Pom Herausgeber — Personal- und Ateliernachrichtdn

ordentlich feine und gewandte Modellierung. Was die
Herren Skulptoren sonst noch der staunenden Roma
unter die Augen zu stellen wagten —: damit verschonen
wir unsre Leser in Hinblick auf die baldige Eröffnung
der alljährlichen Ausstellung im Pallazzo dell' Espo-
sizione, zu deren Martyrium die Ausstellung im inter-
nationalen Kunstverein ja doch nur das schwache Vorspiel
sein mochte. Ltll.

Unsere Bilder

vom kserausgeber

pezifisch nationalen oder individuellen Reiz bei
ihren christlichen Märtyrern zu erreichen war
Fräulein Margarethe Löwe weder möglich noch
ihre Absicht. Wir wissen zu wenig von diesen ersten
Christen, die ja überdies in der Weltstadt Nom aus
allen möglichen Volksstämmen zusammengemischt waren.
Offenbar befinden sie sich in einem der untersten Ge-
wölbe des Colosseums, um von da aus den wilden
Tieren vorgeworfen zu werden zum Entzücken eines
vornehmen und geringen Pöbels, der noch viel gefühlloser
war als die Bestien. Der Künstlerin ist es dafür aber
gelungen, uns diese frommen christlichen Schwärmer mit
echter Empfindung zu schildern, besonders die Frauen und
Kinder, welche ihr entsetzliches Los mehr ahnen als be-
greifen. Daß Fräulein Löwe zur Lösung solcher Aufgaben
ein bei Frauen ganz ungewöhnliches Maß von Kenntnis
der Komposition wie gestaltenbildender Phantasie mitbringt,
hat sie auch hier wieder glänzend bewiesen, wo die einzel-
nen Gruppen ebenso mannigfaltig erfunden, als rührend
dargestellt sind.

Unter den Düsseldorfer Bildnismalern hat sich
in neuerer Zeit Crola besonders vorteilhaft bekannt
gemacht. So bei der letzten Münchener Ausstellung durch
die schlagend wahren Porträte Bendemanns und Ed. v.
Gebhardts, dann durch unser heutiges, die anmutig trotzige
Rheinländerin in jedem Zuge verratendes Mädchenbildnis.
Meint man doch den Lippen des schönen Kindes gleich
im nächsten Augenblick jenes reinste Kölnisch entströmen
hören zu müssen, das im Frauenmunde so angenehm naiv
klingt. Selbst wenn es wie hier einige Ungeduld verrät,
daß der Wagen noch immer auf sich warten läßt oder
was dergleichen schwere Mädchenschicksale mehr sind. Es
ist aber immer einer der größten Vorzüge eines Bildnisses,
wenn es uns die Herkunft des Dargestellten so genau
anzeigt, da es dem allgemeinen Reiz der Erscheinung eine
besondere Glaubwürdigkeit, etwas Apartes beimischt und
ihn dadurch erhöht.

Der unmittelbarsten Gegenwart hat Schwabe seine
„Ungelösten Fragen" entnommen, in welchen er die Haupt-
parteien des deutschen Reiches in drei vortrefflich gewählten
Vertretern sich beim Nachtisch unter Anfeuchtung durch einige
Flaschen Weißen und Roten über die schwebenden Pro-
bleme der Politik auseinandersetzen läßt. Der stark semitisch
angehauchte Advokat oder Journalist als Vertreter des
„Fortschritts" ist denn auch höchst gereizt durch die
kaltblütige Abweisung des nationalliberalen oder frei-
konservativen Gutsbesitzers, der für die Segnungen des
Freihandels nur mäßige Sympatien zu besitzen scheint.
Der geistliche Herr oder Professor aber, der als Repräsen-

tant des Zentrums so zugeknüpft und überlegen lächelnd
dasitzt, glaubt sichtlich über beiden Parteien gleich hoch zu
stehen und sie ebensoweit zu übersehen als er von ihnen
abgerückt ist. Daß sie alle drei die Entscheidung wohl
dem Kanzler überlassen müssen, der über ihnen an der
Wand hängt, das hat der Künstler sehr witzig angedeutet.
Man kann das Stück ungefähr so in allen eleganten
Restaurants von Königsberg bis Konstanz am Bodensee
spielen sehen, obwohl unser Maler seine Originale offen-
bar in Westphalen oder am Rhein geholt hat. Jedenfalls
zeugt dieser Griff mitten ins modernste Leben und seine
Strömungen hinein, von einem ganz gesunden Talent bei
dem noch jungen Künstler schon darum, weil ihm die
Charaktere die Hauptsache waren, während er dem Prozeß
der Umbildung des der Natur entnommenen Stoffes zum
Bilde noch geringere Aufmerksamkeit schenkte. Das ist
aber ein viel sicherer Weg als der umgekehrte.

Unter den mit Vorliebe die Heimat schildernden
Düsseldorfer Landschaftern nimmt Oed er eine hervor-
ragende Stellung schon darum ein, weil es wenigen so
auffallend gelingt mit den anscheinend einfachsten Mitteln
einen so tiefen Eindruck auf unser Gemüt zu machen.
Oder wäre es möglich, die Stimmung eines November-
morgens mit ihrer ernsten Trauer noch ergreifender dar-
zustellen? Man glaubt das Rauschen der langsam fallenden
Blätter zu hören, wie sie über den Weg hintanzen, um
in irgend einer der vom letzten Regen hinkerlassenen Pfützen
liegen zu bleiben, oder das Gekrächze der Raben zu hören,
die allein von allen Vögeln noch geblieben und an die
Stelle der fröhlichen Sänger des Frühlings getreten find.
Die weite Ebene mit ihren braunen Feldern führt auch
unsre Gedanken unwillkürlich in sonnigere Fernen, während
von den Bäumen am Weg nur die Eichen noch einige
welke Blätter festgehalteu haben, die nur zu warten
scheinen, bis der erste Schnee auch sie vollends herab-
schütteln soll. Trägt so alles dazu bei, uns ein Bild
des Absterbens zu geben, so weht uns dennoch wohl tiefer
Ernst aber immerhin nur gesunde Luft aus dem Bild
entgegen; fühlen wir doch, daß dieser Erstarrung dereinst
fröhliches Wiederaufleben und ein neuer Frühling folgen
wird.

Personal- und Mrliernachrichlen

O. L. Paris. In den hiesigen Ateliers herrrscht augen-
blicklich lebhaftes Treiben. Gilt es doch im Monat Mai, wenn
möglich, in den drei großen, ihre Pforte öffnenden Ausstellungen
vertreten zu sein. Wir haben im Monat Mai: 1. Die retrospek-
tive Ausstellung, welche die Hauptwerke der französischen Kunst
von 1789 bis 1878 umfassen soll; 2. die zehnjährige Aus-
stellung, welche die in Frankreich und im Auslande in
den letzten zehn Jahren entstandenen bemerkenswerten Bilder
und Kunstwerke enthalten wird und 3. den alljährlichen Salon,
der seine Pforten aber dieses Mal schon am 20. Juni
schließt. Für die ersten beiden Ausstellungen hat man mit
großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Eine bedeutende Anzahl der
besten Bilder befindet sich in den Händen von Privaten und
Communen, die sie in der Besorgnis, daß dieselben Schaden
leiden möchten, nicht hergeben wollen. Wir sind schon heute in
der Lage über einzelne Bilder, welche die Künstler ausstellen
werden hier zu berichten. Detaille wird zu der zehnjährigen
Ausstellung den den Lesern aus der Schilderung des letzten
Salons bekannten „Traum" hergeben, den der Staat zu dem
wirklich lächerlichen Preise von üOOO Frks. erworben hat, ferner
ein augenblicklich noch unvollendetes Bild, welches dem Czaren
gehört und das „Schützen aus der kaiserlich russischen Familie"
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