Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Auf den Ruinen von Metapont

Ein Aüstenbild vom jonischen Meer. Von Woldemar Kaden

/.//^72:! Tarentum!

„Dieser Ort, diese goldne Bergflur, Septimius,
nehm' uns beide zugleich auf —

„Wo der Himmel längen: Lenz und immer
Laue Winter sendet, und Aulon, fruchtbar
Durch Lyaeus Huld, die Falerner Traube
Wenig beneidet!"

Diese Worte Horazens haben die „goldne Bergflur"
von Tarent überlebt; wir suchen sie heute vergebens;
denn was von der alten schönen Taras übrig geblieben,
ist eine braune Mumie in einem Grabgewölbe, und in der
Landschaft ringsum suchen wir vergebens, was in unsrer
Seele den Wunsch wecken könnte, hier zu leben.

Das Land ist trocken und tot, von weißlichgrauem
Staube, der beim geringsten Luftzuge anfwirbelt, bedeckt;
staubige unschöne und unwirtliche Ufer fassen das Meer
ein, das auch hier in seiner heitern Bläue das einzig
Große und Schöne, die unwandelbare Herzensfreude ist.
Noch immer breitet es seine Arme gleich Jphigenia sehn-
lich verlangend nach dem Lande der Griechen hinüber,
von dem seine Anwohner dereinst hellenische Bildung und
alles Glück empfingen.

Wie anders, da diese Stadt noch ihr Jugendleben
lebte, da, wie Horaz sagt: „Neptun des heiligen Tarents
Beschützer" war; da sie noch jauchzend den Thyrsos
schwang und die Großen und Weisen die Dichtkunst in
der schönsten Sprache der Welt, und Künste und Wissen-
schaften pflegten, der Philosophie und aller hohen Kultur
lebten; da hier ein Archytas einen Plato beherbergen, vor
den Verfolgungen eines Dionysius beschützen durfte und
die pythagoräische Schule in Blüte stand. Griechische
Bildhauer, Maler und Architekten wetteiferten, die geliebte
Stadt durch herrliche Werke zu verschönern; sie selbst —
heute eine Stadt von kaum 20,000 kümmerlich dahin-
lebenden Einwohnern — reich und groß, stellte 30,000
Mann Fußvoll, 3000 Reiter und 1000 Hipparchen
ins Feld.

Und dann fiel sie bei bacchischem Feste, eine be-
rauschte Königin im schmutzigen Rinnstein liegend. Sie
hatte sich vermessen, mit den Göttern an goldenen Tafeln
zu zechen und die Götter schenkten ihr die köstlichste Traube
und so kam die Zeit, wo man in Tarent mehr Feste
feierte, als Tage im Jahre waren, wo die besten Bürger
schon in den ersten Morgenstunden zu zechen begannen,
daß man betrunken sie auf den öffentlichen Plätzen sehen
konnte. Der Wein beherrschte die reiche Stadt, er be-
thörte sie; seine Güte preisen Horaz, Plinius, Martial,
Statius, Polybius, und Weinblätter und Trauben sehen
wir auf den antiken Stadtmünzen, die im Gartenlande
des heutigen Taranto zerstreut gefunden worden.

Von diesem alten Frohsinn ist der Stadt nicht ein
Schatten geblieben, sie liegt wie im bleichen Katzenjammer
oder sitzt an den Wellen und fängt salzige Fische und
fischt Austern.

Das moderne Taranto ist eine melancholisch-ernste
Stadt, und wenn ihr die Sommersonne ins Gesicht scheint,
sind ihre verfallenen Züge doppelt traurig zu sehen, wenn
man ihr auch die welken Wangen aufgeschminkt und die
Stirn getüncht hat. Schmutz und feuchte Schattenluft

erfüllt die untere Stadt, wo das arme fleißige Volk vor
dunklen Höhlen seine Netze strickt und das Schwein in
voller Gesetzesverachtung ein freies Leben führt. Alle
Wohlgerüche von Sybaris würden nicht genügen, den hier
herrschenden Gestank zu überduften. Nur von der Stadl-
höhe aus, wo einst die tarentinische Burg stand, und nur
im Mondenschein, in der Nachtstille erscheint dem träu-
menden Auge das Bild des alten Tarent, vom sanften
Schleier der Geschichtsnebel umhüllt. Weit drüben auf
den Inseln S. Pietro und Paolo werden die Leuchtfeuer
angezündet und werfen lange rote Strahlen über die
weißen Rosen, die der Mond auf die Wellen streut. Jene
Inseln, einst die Chairaden, sahen die atheniensische Flotte
unter Befehl des Nikias und Alkibiades, da sie gegen

Sizilien auszogen, landen-— jetzt leuchten dort

wie zu einer Totenfeier die lodernden Kienfackeln der
Nachtfischer.

Durch Träume aber hebt die Stadt sich nicht. Die
Wirklichkeit erheischt harte arbeitstüchtige Hände und diese
sind zu Tausenden jetzt da, um aus Taranto das vorzüg-
lichste Arsenal der italienischen Marine zu machen. Bei
den Hammerschlägen der eisernen Arbeit fliehen die Schatten
über die Ebene hinaus.

In Metapont ist es stiller. Metapont ist für ewig dahin.

Metapont? Wer bestimmt mir das Gebiet der ge-
waltigen Nachbarstadt. Um die in freiem Felde liegende
elende Eisenbahnstation (anderthalb Stunde Fahrt von
Taranto her) Torre di Mare*) soll Metapont gelegen
haben. Unsere aus den Büchern der Alten geschöpften
Kenntnisse nützen uns hier nur wenig. Wir wissen, die
metapontinische Region der Magna Graecia dehnte sich
zwischen dem linken Ufer des einst schiffbaren Aciris (Agri),
der südlichen Grenze, zum rechten des Bradanus (Bradano),
der nördlichen, hinüber. Zwischen diesen Flüssen flössen
noch der Basento und die Salandrella, einst Casuentus
und Talandrus. Der Bradanus kommt 167 Kilometer
weit aus den lukanischen Bergen her, sein unteres Gebiet
ist eine weitoffene Thalebene, an deren Rande, dicht am
Meer, Metapont lag.

Lag! Alle Städte Großgriechenlands: nunc sunt
solituckines! Wer orientiert sich von hier aus über die
Lage Metaponts?

Von Taranto aus läuft die Bahn hart an den
Wellen hin über sandige Dünen, an halbausgetrockneten
Tümpeln vorbei, über stockende Flußbetten: Alles von
einer wüstenhaften Vegetation umkleidet. An den niedri-
gen Fichten und Wachholdersträuchern, die der Meerwind
schief geblasen, kriechen die tausend Gewinde der Waldreben,
andre Schlingpflanzen und Stachelgewächse wie Schlangen
hinan. Die Heidekräuter, Menthen und Myrten erfüllen
die Luft mit betäubend süßem Dufte. Mitten hinein
flicht der Asphodelus seine tröstlichen Blumen, und die
Hände der Nereustöchter haben als buntes Spielzeug die
Mosaik von unzähligen Muschelgehäusen und farbigen
Steinbrocken dazwischen gestreut.

Gen Westen überschaut mau eine weite bebaute Ebene,
an deren Rande die blauen Berge der Basilikata wie eine

*) Heute wieder auf „Metaponto" getauft.
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