Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Die Münchener Ausstellungen von ^888. Schlußbetrachtung, von Friedrich Pecht

Goldoni such! auf dem Markusxlalz Stoff für seine Lustspiele, von Giacomo Favretto

Mit diesem unerwarteten Auftreten eines der höchsten idealen Richtung der Kunst in ebenso selbstän-
digen als mustergiltigen Formen huldigenden Künstlers erledigt sich denn auch die letzte unsrer Fragen: ob sich
unsre Nation noch immer im Aufsteigen befinde, oder einer Periode des Niedergangs nähere, „ob ihre ideale
Welt ärmer, gemeiner und niedriger, oder reicher, edler und höher geworden sei in den letzten Jahren". Wer
es weiß, was ein den edelsten Zielen nachstrebender und zugleich mit echter Schöpferkraft begabter Künstler für
seine Nation wert ist, der wird über die Antwort nicht in Verlegenheit sein. Denn nach ihrer Fähigkeit, geniale
Männer hervorzubringen, bemißt man mit Recht die auf- oder absteigende Kraft der Nationen. Freilich auch
nach der sie zu schätzen und an den richtigen Platz zu stellen, was wir einstweilen noch keineswegs bewiesen,
sondern nur unsre alte Neigung gezeigt haben, das Fremde auf Kosten des Einheimischen thöricht zu bevorzugen.

Es gibt indes auch noch andre Gründe, die uns zu einem günstigen Schlüsse auf die sittliche Gesund-
heit der großen Masse unsres Volkes berechtigen nach den im Glaspalast gemachten Beobachtungen. So neben
der Häufigkeit und Vertiefung der religiösen Bilder besonders die unverminderte Stärke unsrer Kunst in der
Schilderung der Reinheit des deutschen Faniilien- und Kinderlebens, wie der zunehmenden Hinwendung zu dem
Reiz der heimischen Natur. Nicht minder, daß alle Versuche, die französische Hetärenmalerei auch bei uns ein-
zubürgern, wie sie gewöhnlich von ihren Talentmangel durch Spekulation auf die Lüsternheit ersetzenden Künst-
lern gemacht werden, bis heute nicht verfangen haben. Die Nation wendet sich vielmehr mit kaltem Wider-
willen von dergleichen ab und stellt sich damit ein viel besseres Zeugnis ans, als die betreffenden Künstler.

Endlich spricht für unsre Kunst die zunehmende Aufmerksamkeit, die sie nicht weniger als unsre Gesetz-
gebung dem Loos der Arbeiter zuwendet. In dieser Schilderung des Proletariats eröffnet sich ihr zugleich ein
neuer Stoffkreis, der noch ebenso großer Ausdehnung wie besonders Vervollkommnung fähig ist. Denn warum
sollte es diese neueste Kunstrichtung nicht doch endlich aus mehr oder weniger glücklichen Versuchen und aus
Theorien heraus, die mehr als billig nach dem Talent oder dem Maß des Könnens ihrer Urheber zugeschnitten
sind, zu wirklich dauernden Kunstwerken bringen, die ihre Berechtigung beweisen? Früher oder später wird sie
ihre Aufgaben von geschickteren Händen neuen Arten der Lösung zugeführt sehen, wenn die heutigen sich nicht
als künstlerisch wertvoll genug erweisen sollten. Denn von der Tagesordnung verschwinden werden sie offenbar
nicht mehr.

Aber auch selbst heute hat die Nation als oberste Richterin allen Grund, mit Befriedigung das Bild
zu sehen, das unsre Kunst von ihrem Leben wie von ihren Idealen entwirft. Zeigt es doch zweifellos beide,
wenn nicht großartiger, doch unendlich reicher und selbständiger, als sie es vor einem halben Jahrhundert, also
zu der Zeit waren, da Cornelius eben unsrer Stadt den Rücken kehrte und man deshalb der nationalen Kunst
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