Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

Page: 373
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Auf dem Grabe. Novellette. von Ulatilda 5erao.

„Diese Künstler!"

Dann führte er sie auch auf den Ball. Er fühlte
sich dort nicht an seinem Platze, mit seinen viereckigen
Schultern, welche den Frack zu durchbrechen drohten, mit
seinem ernsten Gesichte, über das nur selten ein Lächeln zog.

Sie blieb bis zur Morgenröte und tanzte, wie eben
nur schmale, schlanke und graziöse kleine Frauen tanzen
können. Er sah sie aus den Armen eines gestriegelten
Narren in die eines dummen
oder schlechten Menschen eilen,
immer guter Laune, ihren Geist
und ihre Reize an eine Menge
von Gleichgiltigen verschwen-
dend. Aber er machte ihr keine
Vorwürfe, sehr zufrieden, wenn
er sie in den weißen, mit Federn
geschmückten Mantel hüllen und
mit sich nach Hause führen
konnte. Im Wagen gähnte sie
im Halbschlaf. Wenn der Gatte
ihr einen scheuen und leichten
Kuß gab, blieb sie unbeweg-
lich und stellte sich, als ob sie
ihn nicht empfangen habe, da-
mit sie ihn nicht zurückgeben
müsse. Im Anfänge war sie
alle zehn Minuten in sein Ate-
lier gegangen, um ihm eine
frohe Überraschung damit zu
bereiten und er empfand Selig-
keit bei diesen Besuchen, welche
ihm den etwas düsteren Raum
mit Liebe aussonnten. Aber
es führten viele Treppen zu
ihm, das ermüdete sie und sie
that es nicht mehr.

Die Stunden der Arbeit
flössen nun langsam und träge
dahin; sie kam nicht mehr, um
deren Gang zu beschleunigen,
sie ihm kürzer erscheinen zu
lassen. Und der starke Mann,
der große Künstler beugte das
Haupt und sann. Einen Tag
oder den andern, man weiß
nicht mehr, welchen, nahm die
Frau des Künstlers einen Ge-
liebten. Sie war fast immer
allein, unbeschäftigt, vernach-
lässigt, über jenen vier Fuß
bemalter Leinwand —- wie sie
sagte: „Tenn diese großen
Genies sind nicht dazu ge-
boren, gute Ehegatten zu sein!" fügte sie hinzu. Und
sie betrog ihn ruhigen Herzens. Der Geliebte kam
an den Empfangstagen, wie so viele andere, er saß mit
am Familientisch, nahm Anteil an den Dingen des Hauses.
Der Gatte hatte keinen Verdacht. Er drückte die Hand
freundschaftlich dem, welcher ihm die Gattin raubte. Alle
wußten; nur er nicht. Das ist die Regel, die Ordnung
der Sachen. Wahrhaft einsam, wahrhaft verlassen, malte
er außerordentliche Bilder. Eines davon kaufte der Freund
der Frau für zwölftausend Franken. Diese Schande erfuhr

Autorisierte Übersetzung von Alfred Friedmann Z7Z

sich, kam heraus. Nur der Gatte wußte nichts. Wenn
der Meister von der Güte, dem Wert seines Werkes sprach,
lächelte das Weib seltsam, als ob sie sagen wollte:

„Wenn Carlo mich nicht liebte, würde er niemals
deine gemalte Leinwand gekauft haben!"

Endlich begann er doch etwas zu merken. Bianca ging
zu unmöglichen Stunden aus. Sie war gesehen worden,
als sie in ein Hans trat, in dem eine Tante Carlos

wohnte. Er empfand es wie einen Stoß, trotz seines
blinden Vertrauens. Er sprach mit ihr darüber. Sie
antwortete von oben herab, hochfahrend. Sie sagte, daß
sie keine Bemerkungen dulde.

Er schwieg.

Endlich, als der Verdacht über die Schwelle der
Gewißheit taumelte, erwiederte sie nur:

„Wenn du fortfährst, mich zu beleidigen, verlaß ich
dich auf immer! Du wirst mich nie mehr sehen."

Er schwieg.

Bildnis eines Bauernmädchens, von Fritz v. Uh de

Erste Münchener Iahres-Ausstellung ^689
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