Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Syrische Architektur.

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dadurch gleichsam ein Mittelglied in der Gestaltung des
Domes, wie es im Laufe der Zeiten entstanden war,
erhalten unv den gothischen Theilen des Domes die feh-
lende Krönung geschasfen worden, ohne daß der Gesammt-
eindruck des Baues minder harmonisch geworden wäre.

Herr Cuypers erwähnt in seiner Schrist die Frage
des Straßburger Vierungsthurmes bei Darlegnng der
Gründe, welche von einer Wiederherstellung des alten gothi-
schen Thurmaufsatzes am Mainzer Dom abhalten mußten,
und wir stimmen ihm vollständig darin bei, „daß bei
aller Treue, womit in Sachen monumentaler Restau-
rationen zu versahren ist, hier (und ebenso in Straß-
burg) einer sreien Schöpfung Raum gelassen werden
mußte." Wir deuten diese Worte (man vergleiche sie
im Zusammenhange) in dem Sinne , als entscheide sich
Herr Cuypers gegen das Klotz'sche Projekt und sür die
sogenannte Bischofsmütze. (Herr Klotz scheint sich an
die Oeffentlichkeit nur deshalb gewendet zu haben, um
die früheren Gutachten der Herren Viollet-le-Duc und
Denzinger umgehen zu können.) Herr Cuypers uwti-
virt zum Schlusse seiner Schrist das Nestaurationspro-
jekt, wie es uns in Abbildung jetzt vorliegt, unN über
dieses möchten wir einige Worte sagen.

Der Gesammteindruck sowohl des Ostchores als
des ganzen Domes wird danach voraussichtlich nach sei-
ner Vollendung nur günstig erscheinen; ein Gleichgewicht
der Massen, auf welches hier soviel ankommt, ist trotz des
großen Gegensatzes zwischen dem Ost- und Westbau dnrch
alle die Mittel erreicht, welche innerhalb der gegebenen
Grenzen zulässig waren; Würde und Ruhe in der Hal-
tung sind die Vorzüge dieser Komposition. Auch fehlt
es ihr nicht an den verbrämenden Znthaten, die mil Maß
und am rechten Ort angebracht, zur Belebung der mächti-
gen Baukörper beitragen und der Silhouette das Pikaute
geben, welches denBauten des Mittelalters niemals sehlte.

Was uns an dem Projekte besonders erfreute, das
ist die beabsichtigte Restauration der Seitenschiffkapellen.
Zum Gedächtniß des ehemals so knnstreichen Mainz will
man sogar als Vorhalle des nördlichen Domeinganges
das Prachtportal der Liebfrauenkirche wieder herstellen, von
welchem wir, Dank dem Fleiße des Architekten Hun des-
hagen, noch genaue Aufnahmen nnd die mannich-
fachsten Ueberreste besitzen, mit welchen dies Portal ge-
schmückt war. Hundeshagen hatte drei Schiffe, beladen
mit den Bruchstücken von Statuen und Ornamenten, nach
Bonn geführt. Dort befinden sich dieselben bis zur
Stunde, und der Vorstand des Alterthumsvereins in
Bonn theilte uns gelegentlich mit, man würde wohl be-
reitwillig diese Ueberbleibsel des Prachtportals behufs
seiner Wiederherstellung zurückgeben. Möge auch dieser
Gedanke zur Ansführnng kommen nnd der Dom bald
in seiner ganzen Pracht vor uns stehen!

Wer des Herrn Cuypers vortreffliche Restanrations-

arbeiten an den Domkirchen zu Maastricht und Roer-
mond, sowie seine zum Theil sehr bedeutenden Kirchen-
neubanten aus eigener Anschauung kennt, kann nicht
daran zweifeln, daß man in Mainz den rechten Mann
zum Dombaumeister ernannt hat, nnd wird ohne Sorge
der Vollendung des Mainzer Domes entgegensehen; was
bis jetzt dort vollendet wurde, die neue Marienkapelle,
ist ein würdiger Anfang in dem großartigen Restau-
rationswerk. Der noch nicht vollendete Ostthurm mit
seinem massigen Helmdach entzieht sich vorerst unserem
Urtheil, da er nur im Zusammenhange mit den auszu-
bauenden Seitenthürmen nnd all seinem Schmuck an
Krönungen der Dachluken rc. die richtige Wirkung
machen wird. Uns wollte indeß scheinen, als sei die
Ausladung der Dachluken etwas zu bedentend, der Thurm-
knops, über welchem sich das Kreuz erhebt, zu tief unten
angebracht, und als habe man sich bei den, an sich sehr
gelungenen, Zierrathen der Dachluken etwas zu viel von
rheinischer Architektur entfernt und französischem spät-
romanischem Stil genähert. Doch wollen wir diesen
kleinen Ausstellungen keine allzu große Wichtigkeit bei-
legen. Der Dom ist einem in Frankreich, Belgien und
England längst hochgeschätzten Künstler anvertraut, und
wir dürfen erwarten, daß dieser sich auch unsere An-
erkennung in vollem Maße erwerben werde. II. 0.

Syrische Ärchrtektur.

Jm Herbst 1875 wnrde von der ,,^ni6rionn Un-
Ibstins Rxplorntion LooieG" eine Eppedition nach
dem Haurnn abgeschickt, und soeben sind die photo-
graphischen Aufnahmen an die Mitglieder der Gesell-
schaft znr Vertheilung gelangt. Es sind deren 99, und
sofern sie nicht rein topographischen Jnteressen dienen,
enthalten dieselben kunsthistorisches Material. Aus cko
VoAuck's „8)N'i6 oontlmlo, ^.roliitnotnro oivilo 6t
roli^ionstz" sind uns bereits zahlreiche Bauwerke aus
dem Ostjordanlande bekannt, aber diese photographischen
Aufnahmen haben doch den Vorzug größerer Genanig-
keit. Wenn die Hofsnung auf eine Teptzugabe zu der
französischen Publikation nachgerade schwinden muß, so
darf man wohl auch nicht fest darauf baueu, das vor-
liegende Material werde baldigst einer wissenschaftlichen
Behandlung durch die Herren in New-Nork, welche sich
dieses Recht reservirt haben, unterzogen werden. Die
Ausgabe ist in der That schwierig, aber unsers Bedün-
kens gehört sie zu den reizvollsten Problemen der Kunst-
forschnng. Die großartigen Tempelbauten des Haurnn
und Syriens überhaupt tragen ja im Allgemeinen den
Charakter griechisch-römischer Architektur an sich; denn
ihre Entstehung fällt gutentheils in die Zeit der ersten
römischen Kaiser; aber in allen Details weisen sie For-
men aus, welche der abendländischen Kunst bis dahin
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