Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Die Architektur auf Kuust-Ausstellungen.

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Ferner sind nnter „Restroduktionen von Ge-
mälden" hier nicht diejenigen Arten zu rechnen, welche,
wie der Knpferstich und die Radirung, in sich selbst
den Anspruch einer Kunstleistung machen miissen.

Von den übrig bleibenden Reproduktionsarten
sehen wir wieder, daß die Photographie in Original-
größe die geeignetste ist, auf den Beschaner überhaupt
noch einen künstlerischen Eindruck hervorzurufen, welcher
im Stande wäre, dem des Originals einigermaßen
nahe zu kommen.

Beim kunsthistorischen Unterricht wird'dcnn auch
von der Photographie und, wo es geht, von der in
Originalgröße, ein ausgedehnter Gebrauch gemacht.

Auf Ausstellungen aber werden trotzdem von Ge-
mälden, die vielleicht aus irgend einem Grunde nicht
verschickt werden konnten, keine Photographien ausge-
stellt, obgleich es öfter gewiß erwünscht wäre, von
Fresken z. B., wenigstens zur Vergleichung mit anderen
Werken, Photographien vor Augen zu haben.

Die Maler wissen eben sehr wohl, daß es für sie
und die Beurtheilung ihres künstlerischen Schaffens
besser ist, auf die Vorführung des Werkes überhanpt
zu verzichten, als das Auge des Publikums durch'
Vorführuug einer, wenn auch nur in wenigen Stücken
unzureichenden, Reproduktion irre zu führen und da-
durch das öffentliche Urtheil auf eine schwankende
Grundlage zu stellen, welche vielleicht zur Verurtheilung
des Werkes fiihren könnte.

Von plastischen Sachen sehen wir allerdings öfter
Reproduktionen; beim Unterricht greift man der Ueber-
sicht wegen zu Photographien; sobald es aber irgend-
wie mvglich ist, geht man doch lieber vor die Gyps-
Abgüsse, die denn mit den bei anderen Zweigen be-
liebten Reproduktionsverfahren vor Allem das gemein
haben, daß sie das Original in natürlicher Größe
wiedergeben.

Offenbar hat der Gypsabdruck — resp. der gal-
vanoplastische Abdruck — mit dem Original in mehr
Punkten und in höherem Grade Aehnlichkeit, als alle
übrigen Reproduktionsverfahren der übrigen Kiinste;
Gestalt und Größe des Originals können getreu
wiedergegeben werden; was unausgedrückt bleibt, ist
höchstens Material und Farbe.

Das ist denn natürlich der Grund, weshalb auch
auf Ausstellungen der Plastiker sich schon leichter als
andere Künstler dazu versteht, eine Kopie seines viel-
leicht schwer transportirbaren Originals dem Publi-
kum zu zeigen.

Anders in der Architektur; hier ist es nöthig,
Gestalt, Farbe und Größe wiederzugeben; die Re-
produktionsfähigkeit der letzteren schließt sich von
selbst aus, und doch sehen wir, daß bei allen Kunst-
gegenständen gerade die natürliche Größe das wesent-

lichste Moment bei der Natürlichkeit der Kopie ist;
schon plastische Werke verlieren durch Reduktion der-
maßen, daß man es eigentlich nie wagt, Reduktionen
vorzunehmen, wo es darauf ankommt, einen dem Ori-
ginal ähnlichen Eindruck hervorzurufen.

Für die Farbe giebt es überhaupt kein niecha-
nisches Reproduktionsverfahren, und die Gestalt des
Bauwerkes, d. h. des ganzen Bauwerkes ist ebenfalls
unmöglich in einer Art wiederzugeben, welche einen
ästhetischen Eindruck im Gemüthe aufkornmen ließe.

Das rektanguläre Darstellnngsverfahren, wie es
bei architektonischen Plänen gewöhnlich auftritt, ist nuii
ganz nnfähig, das Werk so darzustellen, daß ein ästhe-
tischer Eindruck überhaupt hervorgerufen werden könnte;
nnr lange Schulung des Auges von Jugend auf, wie
sie nur beim Architekten von Fach möglich ist, er-
leichtert das klare Erfassen des Gedankens, der nns
auf diese, mit dem natürlichen Erscheinen des Gegcn-
standes in sehr geringem Zusammenhange stehende
Weise übermittelt wird. Dem Laien muß ein geo-
metrischer Aufriß, Grundriß und Querschnitt todt er-
scheinen, eben wegen des Mangels an Schulung des
Auges.

Dies hat nian denn auch eingesehen und ist
wenigstens in letzter Zeit mehr darauf bedacht ge-
wesen, durch perspektivische Ansichten, mit Weglassung
der im Allgemeinen nnverständlichen geomctrischen
Zeichnungen, das Werk dem Auge des Beschauers zu
zeigen.

Dadurch, ebenso wie durch Photographien bereits
ausgesührter Bauten, ist wenigstens Etwas erreicht,
nänilich die Möglichkeit, dem Beschauer die Gruppirung
der Räume außen und die Gestalt der Näume innen
in einzelnen Bildern zu zeigen.

Die Leistungen aber, welche hierdurch dem Auge
gezeigt werden, siud nur ein Theil und zwar ein
kleiner und ein verhältnißmäßig unbedeutender Theil
der eigentlich architektonischen Lcistung, die gerade in
ihrer Hauptsachc, in ihrem eigentlichcn, innersten Wesen
sich überhaupt jeder reproduzirenden Darstellungsart
vollständig entzieht.

Diese Hauptsache, dieses eigentliche Wesen der
architektonischen Leistung ist aber die Anordnung,
Gruppirnng und Gestaltung der Räume zu einein
Gebäude von ausgesprochcn charakteristischer Wirkung'

Ob diese Aufgabe gelöst ist und wie sie gelöst
ist, zeigt nur der Bau selbst; es ist unmöglich, und
noch nie gelnngen, auch nur mit einiger Sicherhcit
den Eindruck eines RaumeS durch Projektionen der ihn
einschließenden Wände u. s. w., durch Perspcktiven und
Photographien wiederzugebeu; die berühmtesten und
gewiegtesteu Kritiker sind bei Benrtheilung architek-
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