Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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s8. ^ahrgaiiI.
^eiträge

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Lützow (lvien, There-
sianumgaffe 25) oder an
die verlagshandlung in
teipzig, Gartenstr. 8,

22. Hebruar

Inserate

ü 25 für die drei
Mal gespaltene petit.
zeile rverden von jeder
Buch- u.Aunschandlung
angenommen.

s883.

Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.

Erscheint von Mktober bis Iuli jede lvoche am Donnerstag, von guli bis September alle Tage, für die Abonnenten der ,,Aeitschrift für
bildende Aunst" gratis; für sich allein bezogen kostet der Icchrgang 9 Mark sowcchl im Buchhandel als auch bei den deutschen

und österreichiichen Aostanstalten.

gnbaltl Rorrespondenz aus paris. — viktorSchultze, Die Ratakomben. — I-B. A. Llesinger -f. — Neue Ausgrabungen Schliemanns in
Atben; Antiquitäten aus Ninive; Aufdeckung einer römischen villa in Lurschweiler. — Der Goldfund von vettersfelde; gtalienische
Ausstellungen. — Barchel Bruin; p. Meyerheims wanddekoration in der Berliner Nationalgalerie; wallots ssrojekt des deutschen
Reichstagsgebäudes. — Dresdener Runstauktion. — Neuigkeiten des Buch- und Runschandels. — Zeitschriften. — gnserate.

Aorrespondenz.

Paris, im Januar 1883.

Wenn wir heute unsere Ausstellungsrevue mit der
Kunstschule beginuen, wo soeben nach Pariser Sitte
die Bilder eines verstorbenen Künstlers dem Publikum
zu übersichtlicher Beurteilung dargeboten werden, so
drängen sich uns verschiedene Fragen auf. Erstens
wäre es interessant festzustellen, ob Herr Henri Leh-
mann, — denn um dessen künstlerischen Nachlaß
handelt es sich hier, — den größten Teil seines Ruhmes
der sranzösischen Kunst verdankt oder ihr vererbt; so-
dann, welchen Einfluß er auf seine zahlreichen Schüler
hatte, welchen Platz ihm die Nachwelt einräumcn
wird, ob er überhaupt Anspruch aus Unsterblichkeit er-
heben darf.

Bei seinen Lebzeiten hat Henri Lehmann eine
ziemlich bedeutende Rolle gespielt. Deutscher von Ge-
burt, war er durch seine Erziehung Franzose geworden.
Er war ein Schüler von Jngres und wnrde später
durch seine Berufung an das Jnstitut vollständig
naturalisirt. Jn allen Streitfragen, sei es über Unter-
richtswcscn oder über die Bildung der Jurp's, bekanntc
sich Lehmann stets rückhaltlos zu den Ansichten des
Änstituts. Feind aller Neuerungen, leidenschaftlicher An-
hänger der Vorschrift und der Tradition, hat Lehmann
inuner zur Fahne der „bioolo äs Koins" geschworen, so
daß die junge Malergeneration, die seine Bilder kaum
kennt, ihn für einen außerhalb der Fortschrittslinie
stehenden Reaktionär halten mußte. Daher jetzt die große
Neugierde, zu sehen, ob das Können des verstorbenen
Meisters auch wirklich auf der Höhe seiner Prinzipien

stehe, ob seine Strenge und sein Stolz durch Muster-
giltigkeit seiner Schöpfungen berechtigt gewesen sei.
Ein sehr trauriger Umstand stimmt ohnehin schon, wenn
auch nicht gerade zur Nachsicht, so doch gewiß zur Teil-
nahme für den Künstler. Er hatte nämlich einen
großen Teil unseres Rathauses mit Bildern geschmückt,
das bekanntlich im Jahre 1871 von den Jnsurgenten
zerstört worden ist. Schlimmeres kann wohl einen
Künstler nicht treffen, als wenn, wie im vorliegenden
Falle, diejenigen Schöpfungen, denen er den besten
Teil seines Lebens und seines Talentes gewidmet hat,
mit einem Schlage vernichtet werden. Die Abwesen-
heit jener Wandgemälde bildet jedenfalls eine große
Lücke in der jetzigen Ausstellung, doch ist die Lücke
nicht groß genug, um die Bedeutung und den Wert
des Mannes unterschätzen zu lassen. Was befremdlich
wirken muß, ist, daß der Beschauer einen ganz anderen
Menschen kennen lernt, als er von einem eingefleischten
Schüler von Jngres erwarten mußte. Anstatt nur
der strengen Form zu huldigen, sehen wir ihn zuweilen
mit Lichteffekten und mit der Farbe kokettiren. Nicht
selten läßt er die erhabenen Posen, die korrekte Akt-
zeichnung tinks liegen und verirrt sich auf das Gebiet
der Phantasie. So bringt er einen Hamlet und eine
Ophelia, denen er gar zu gerne einen romantischen
Zauber verleihen möchte, stellt religiöse Scenen dar,
die in Beleuchtungseffekten, nicht in der Schönheit und
im Ernst der Linien ihre Wirkung suchen. Weder als
Historien- noch als Porträtmaler gelingt es ihm, uns
die Tatze eiues Löwen fühlbar zu machen. Wir stehen
vor einem fein- und vielseitig gebildeten Geiste, der
alles Banale haßt, der sein ganzes Leben nach dem
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