Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Laokoonstudien.

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cine Thätigkeit und daniit auch Zeit Vvrher vder
nachher voraussetzt. Da die Vorstellung der Zeit hier
durch die Vorstellung des Raumes geweckt, d. h. an-
gedcutet werden soll, so kaun fernerhin nnr von einer
solchen Bewegung die Rede sein, Welche einen dem
Auge sichtbar werdenden Raum zurücklegt. Eine sich
nm sich sclbst drehende Kugel (vgl. S. 74) kann daher
nicht so dargestellt werden, daß sie für sich allein die
Bewegung andeutet: ihre Bewegung ist keine solche,
welche eine sichtbare Strecke des Raumes zurlicklegt;
somit kann anch kein Rückschluß auf die mit der Raum-
bewegung Hand in Hand gehende Zeitbewegung ge-
macht werden. Ein vertikal hängendes Pendel tragt
nicht die Nvtwendigkeit der Bewegung in sich, kann
daher eine svlche auch nicht andeuten; ein nach der
Seite hin ausgewichenes Pendel trägt diese Notwen-
digkeit in sich: es deutet somit die Bewegung an. Es
kommt daher auch nicht auf die spitzfindig herbeige-
holte Thatsachc an, daß auch ein bcwegter Körper im
einzelnen Momcnt in Ruhe sich befinde: auch das
schwingende Pendel ist einen Momcnt lang in der Lage
des vertikal rnhig hängenden PendelS, „wenn auch
nur ein kleines Teilchen eines Momeiites" (S. 63),
nnd dennoch vermag es nicht die Vvrstellung der Be-
wegnng zu crwecken. Da nnn aber die Bildkunst
thatsächlich nur einen einzelnen Moment darstellen
kann, so kann auch nur eine solche Bewegung ange-
deutet werden, welche ohne Unterbrcchung von dem
gewählten Moment bis znm Ende sortgeht oder, wenn
man von dem gewählten Momente rückwärts schließen
mnß, von Anfang der Bewegung bis zu dem darge-
stellten Augenblickc ohne solche Unterbrechung möglich
ist: jede neue, infolge von Unterbrechung entstandene
Bewegung bedarf einer ncuen Andeutung. Zwei An-
deutungen zugleich sind aber durch die Natur der Sache
von der Darstellung eines einzigen Momentes ausge-
schloffen. Also jede intcrmittirendc Thätigkeit liegt
außer dem Bereich der Bildknnst, jede ununterbrochene,
in einer sichtbar werdenden Ranmstrecke sich vollziehende
kann sie andeuten. Es fällt hierbei gänzlich fort, ob
die Bewegung schnell oder langsam sich vollzieht, und
damit der vage Unterschied des Transitorischen und
des „eminent Transitorischen", welchen Blümner macht
und von dem er (S. 68) selbst sagt: „Jn manchen
Fällen wird es freilich schwer sein, das Grenzgebict
zwischen dem; ennnent Transitorischen und dem bloß
Schnellcn fest zu normiren." Jst dies der Fall, dann
taugt die Unterscheidung zu einer objektiven, wiffen-
schaftlichcn Bestinimnng nichts. Es sällt fcrner die
andre vage Erklärung fort, „daß es . . . in der That
nur der außerordentlich hohe Grad von Geschwindig-
keit ist, welcher diese Erscheinung zu einer eminent
transitvrischen macht", (S. 68 f.): was ist „nußer-

vrdeutlich schnell" ? Es fällt fernerhin der Widerspruch
dieser Bestimmung mit dem Gesetze fort, welches S. 64
gegeben wird: „Nicht auf dcn Grad der Gesckwindig-
keit an und sür sich kommt es an, sondern auf das
Verhältnis zwischen der Zeitdauer der Erscheinung und
ihrer Schnelligkeit". Der, so wie er dem Auge erscheint,
als zackige Linic gemalte Blitz und die durch ihn er-
regte Helligkeit stehen in ununterbrochenem Zusammen-
hang: mit dem Blitze, dessen rasches Verschwinden jeder
kennt, auch wenn der gemalte Blitz vor unserem Auge
bleibt, muß natürlich auch die durch ihn veranlaßte
Helligkeit verschwinden. Wollte dagegen der Maler
ein Wetterleuchten maten, so würde nichts uns an-
deuten, daß die Helligkeit eine momentane ist, sondern
sie crschiene als bleibende nnd der Charaktcr der Er-
scheinnng wärc ein andrer — es wäre kein Wetter-
leuchten mehr, es fehlte die Andeutung der Notwen-
digkeit der Bewegung: also kann der Maler zwar den
Blitz, aber nicht das Wetterleuchten darstellen (S. 66).
Das intermittirende Achselzuckcn, welches in eineni
wicderholten Heranfziehen nnd Hinabseuken der Achseln
besteht, kann der Maler nicht andeuten; ein einmaliges
bedenkliches Heraufziehen der Achseln kann er sehr gut
verwenden: also nicht weil „diese Bewegung des Achsel-
znckens eine so schnelle" ist, „daß sie sich der Darstellung
entzieht" (S. 72) — ist sie obendrein notwendig immcr
schnell und was heißt „schnell"? —, sondern weil sie
eine interinittirende ist, nicht aber weil sie „zugleich
eine aus sv wenigMvmenten zusammengesetzte" (S. 72)
ist — wie lange darf nian niit den Achseln zucken?
nnd wird sie darstellbar, wenn sie aus vielen Momen-
ten besteht? —, cntzieht sie sich der Bildkunst. Es
kann allerdings „der Schlag mit dem Schwerte oder
mit dem Hammer dargestcllt werden" (S. 72), aber
freilich nicht „wirklich", weil dazu eine Zeitdauer ge-
hört, welche die Bildkunst nicht zur Verfügung hat,
und eine Bewegung, die ihr totes Material nicht
„wirklich" ausführen kann. Aber so darstellen, wie
sie überhaupt darstellen kanu, wie sie den Hammer
und das Schwert selbst darstellt, d. h. andeutet, kann
sie auch diese Bewegung darstellen, und es ist tausende
von Malen geschehen, bis endlich Blümner das große
Wort spricht, daß sie darzustellen „unmöglich ist; man
kann den Augenblick vorher, wo Waffe oder Werkzeug
geschwungen ist, oder auch den Augenblick nachher, wo
sie niederfallen oder ihr Ziel treffen, nicht aber die
Bewegung des Schlages oder Stoßes selbst bildlich
wiedergeben" (S. 72). Heißt das nicht den Herakles
loben, den niemand tadelt? Denn auch Lessing thut
es nicht; er verwendet seinen Satz, daß Erscheinungen,
welche „plötzlich ausbrechen und plötzlich verschwinden",
wenn sie durch die bildende Kunst eine „VerlängeruNg"
erhalten, widernatürlich werden, fiir seinen ganz spe-
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