Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Aus den Gemäldesammlungen in Olmütz und Kremsier.

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M. A. da Caravaggio's „Eccc Homo", ein aus-
drucksvolles und vortrefflich erhaltenes Bild.

Ferner muss eines kleinen Gemäldes von Lucas
van Leyden Erwähnung geschehen, welches der Staats-
sekretär A. A. Polowzew der Kaiserlichen Ermitage dar-
gebracht hat. Dasselbe stellt Christus vor Pilatus dar,
und variirt einen der bekannten Stiche des großen
Künstlers, der bisher nur durch ein einziges Bild (die
„Heilung des Blinden1' gilt bekanntlich für Lucas'
Meisterwerk) in der Ermitage vertreten war. —

Den wichtigsten Zuwachs aber erhielt die Gemälde-
galerie in fünf Bildern, die, aus der Sammlung Tischko-
witsch stammend, bisher das königliche Lustschloss
Lazienki in Warschau schmückten. Dorthin berufen,
um eine Neukatalogisirung des in vier Schlössern zer-
streuten, außerordentlich reichen kaiserlichen Bilder-
schatzes vorzubereiten,') setzte Herr von Soinow es
durch, die fünf interessantesten Bilder in die Ermitage
überführen, und an Stelle eines Bembrandt, Steen, v. d.
Heist, de Gelder und Fragonard — gute, aber minder
wertvolle Gemälde nach Warschau senden zu dürfen.

Ich lasse eine kurze Beschreibung der Bilder folgen:

1. Bembrandt van Rijn. Porträt eines jungen Mannes.
Das Brustild eines schönen, im 8/4 Profil nach rechts
gewandten Mannes in breitrandigem, schwarzem Hut und
Spitzenkragen. Rundbild. Rechts die Bezeichnung: Rem-
brandt f. 1634. Nach der auffallenden Ähnlichkeit mit
dem Bilde der Ermitage (Nr. 828) — ein Bruder des
vom Künstler in demselben Jahre gemalten Mannes.

2. Arent de Gelder. Selbstporträt. Der Künstler
hält eine Zeichnung in Händen, er blickt den Beschauer
an. Neben ihm, auf dem Tische, sein Hut. Halbfigur.
Bezeichnet.

3. Bartholomäus v. d. Heist. Sclbstporträt. Der
Künstler hält das Miniaturporträt der Prinzessin Hen-
riette Marie, Gemahlin Wilhelm II. von Nassau-Oranien,
in der erhobenen rechten, Palette, Pinsel und Malstock
in der linken Hand, und blickt den Beschauer an. Halb-
figur. Bezeichnet. Um 1650 gemalt, gehörte es J. 0.
Marek in Leyden und wurde 1773 in Amsterdam von
Yver ersteigert.

4. Jan Steen. Reichtum oder Liebe? Ein junges
Mädchen zwischen einem jungen Manne, der sie zärtlich
anblickt, und einem alten, der ihr einen Ring und Gold-
stücke zeigt. Ganze Figuren. Bezeichnet. Wunderbar
erhalten ist das Gemälde, vielleicht das schönste unter
den elf, in der Ermitage befindlichen, Werken des Meisters.

5. Jean-Honore Fragonard. ,,Le baiser ä la dero-
bee". Ein schönes, junges Mädchen reicht einem Jüng-
linge ängstlich die Wange zum Kusse; im Nebenzimmer
spielen ältere Damen Karten. Sehr bekannt ist der
Stich nach diesem Bilde von N. F. Regniault.

1) Der Katalog soll noch in diesem Jahre in russischer
Sprache erscheinen.

Sämtliche, in diesem Jahr erworbene Bilder sind
augenblicklich in der „Galerie der Geschichte der
Malerei" vereinigt und werden erst später den betreffen-
den Schulen zugeführt werden.

AUS DEN GEMÄLDESAMMLUNGEN IN
OLMÜTZ UND KREMSIER.

Einige Mitteilungen über die Bilder in den fürst-
bischöflichen Schlössern zu Olmütz und Kremsier sind
in der Kunstchronik im Jahre 1889 veröffentlicht worden
(vergl. Bd. XXIV, No. 21 und 22). Heute gebe ich einige
Nachträge zu jenen Mitteilungen, da ich Gelegenheit
hatte, eine nicht geringe Anzahl der fürstbischöflichen
Bilder in Wien beim Gemälderestaurator und Kupfer-
stecher Victor Jasper wiederzusehen und dort auch Bestand-
teile jener zweiteiligen Sammlung kennen zu lernen, die
mir neu waren. Denn Jasper hat auch mehrere Stücke,
die ich 1889 überhaupt gar nicht zu Gesicht bekommen
hatte, aus dem Vorrat hervorgeholt, wo sie bisher in
verwahrlostem Zustande der Erlösung harrten. Mehrere
Signaturen sind bei Gelegenheit der Wiederherstellung
zu Tage gekommen, bei jener mühevollen Arbeit, die
hier vom Restaurator in einer fast mustergiltigen Weise
geleistet worden ist.

Die Niederländer beanspruchen unter den Bildern,
die heute nachzutragen sind, das meiste Interesse. Gut
und interessant, wenn auch an vielen Stellen einfach
unrettbar verdorben, ist eine kleine, figurenreiche An-
betung durch die Magier aus der Richtung des Lucas
van Legden. Viel später fällt ein lebensgroßes Bildnis eines
feisten Herrn (Halbfigur), das aus der Nachfolge des
Jacob Jordaens zu sein scheint und nicht wenig an den
jüngeren Van Oost erinnert, ohne dessen Weichheit in
deutlicher Weise zu vertreten. Ein fröhliches Mahl
von Guilliam van Herp ist durch die Darstellung und die
Seltenheit des Meisters bemerkenswert. Wenn ich die-
jenigen Bilder des Van Herp ausschließe, die nach dem
zweifelhaften Schweriner Bilde bestimmt sind, bleiben
nur wenige sichere Arbeiten dieses Meisters übrig, der
erst in neuerer Zeit beachtet und studirt wird. Das
Berliner Bild (Nr. 945) ist signirt, desgleichen das in
der gräflich Harrach'schen Galerie in Wien und das in
der Bute-collection, das bei Ronald Gower in den „great
historic Galleries of England" (London 1883) abgebildet
ist. Demselben wirklichen Van Herp muss man eine
musikalische Unterhaltung im Wessenberg'schen Hause
in Konstanz (neu Nr. 123) zuschreiben.1) Ihm nahe

1) Vergl. Frimmel: Kleine Galeriestudien I. S. 12 f. und
SS. Die ältere Litteratur ist benützt bei Ron. Gower a. a. 0.
und bei Schlie im großen Schweriner Katalog. Die Bilder
in Cassel, Darmstadt, Bamberg, Mannheim (Nr. 21U) und
einige andere schließen sich dem Schweriner Bilde an. Ob
die V. Herps in New York (erwähnt in der Zeitschrift f. bild.
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