Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Ausstellung des Düsseldorfer Künstlerklubs „St. Lucas".

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müssen, den Begriff „Nationalgalerie" fallen zu lassen
und durch ein „Museum der modernen Kunst" zu ersetzen.
Es soll also systematisch nach historischen Gesichtspunkten
gesammelt werden. Haben wir denn aber jetzt schon
einen so weiten historischen Abstand, dass man mit
Sicherheit behaupten kann, über Ifanet und Degas werde
nach Jahrzehnten nicht mehr gelacht werden? Über Knaus.
Vautier, Defregger und andere dieses Schlages hat man
freilich auch gelacht, aber aus freudigem Herzen, nicht aus
Hohn. Und es würde schlimm bestellt sein um das
deutsche Volkstum, wenn einmal diese Meister mit Hohn
begossen werden würden. Dann kann allerdings einmal in
Deutschland die Zeit kommen, die für Manet, Degas, Monet
und Segantini reif ist. Jetzt haben wir sie noch nicht. Die
neuen Erwerbungen der Berliner Nationalgalerie, die aus
der Absicht historischer Ergänzung entstanden sind, haben
wir zunächst also nur als seltene und seltsame Kunst-
pfianzen instruktiven Wertes zu betrachten, und unter
diesem Gesichtspunkt ist die Auswahl im großen und
ganzen glücklich getroffen. Die Hauptwerke der „Bahn-
brecher" scheinen in festen Händen zu sein. Geringere
Werke sind dafür um so billiger zu haben, und da es
sich zunächst um Proben handelt, bevor ein großer Schlag
gewagt werden kann, hat man sich mit dem Erreichbaren
begnügt. Wenn man von zwei schönen in Ol gemalten
Landschaften und einer Reihe von noch feineren Aquarellen
von John Gonstable, dem „Bahnbrecher" der modernen
Stimmungslandschaft, dem in Frankreich unter dem
Namen „La serre" (das Treibhaus) bekannten Bilde Manet's
und der prächtigen, im vorigen Heft der „Zeitschrift"
wiedergegebenen Bronzebüste des Bildhauers Dalou von
Rodin absieht, sind die Erwerbungen aus den Mitteln
der Kunstfreunde meist solche, an denen selbst die
wärmsten Verehrer nur die Klaue des Löwen, nicht
den Löwen selbst zu entdecken vermögen. Dafür sind
diese Werke aber auch sehr billig. Die Künstler dieser
Bichtung sind durch Kunsthändler niemals verwöhnt
worden; sie brauchen keine prunkvollen Ateliers und
freuen sich königlich, wenn sie nur ihre Individualität
durchsetzen können. Selbst Liebermann hat eine Eeihe
von Zeichnungen nach der Natur, unter denen sich
übrigens manches Gute, anKembrandt erinnernde befindet,
für einen billigen Preis hergegeben. •

Für eine wertvollere Bereicherung der National-
galerie halte ich die aus dem kaiserlichen Dispositions-
fonds angekauften Kunstwerke, die die fremdländische
Kunst wohlwollend berücksichtigen, aber auch nicht
ihren Ausschreitungen allzusehr entgegen kommen. Wir
citiren nur in bunter Beihe ein Damenbildnis von Fantin-
Latour, das Bildnis Menzel's von Boldini, den November-
tag in der Normandie von F. Thaulow, den Sommerabend
in Schweden von A. Zorn, die Witwe von A. Farasyn,
den Sommerabend bei Scheveningen von H. W. Mesdag,
eine Ansicht des Canale Grande in Venedig von Ciardi,
eine Gebirgslandschaft von Fragiacomo und eine Bronze-

Düste des Catilina von dem Belgier Vinpotte. Über
Einseitigkeit oder über Abneigung gegen gewisse Eich-
tungen kann man bei uns also nicht mehr klagen. Es
wird aber immer noch an dem bewährten Grundsatz alt-
preußischer Sparsamkeit insofern festgehalten, als man
für gutes Geld auch gute Ware haben will.

Über diesen Ankäufen ist freilich die deutsche Kunst
nicht so berücksichtigt worden, wie sie es verdient hätte.
Aber wer einmal das nobile officium einer internationalen
Kunstausstellung übernommen hat, der hat auch die Ver-
pflichtung, den fremden Künstlern Entschädigung in
klingender Münze zu bieten, und das dafür Erworbene
kommt den öffentlichen Sammlungen zu Gute, damit die
deutschen Künstler daraus lernen können, wie sie es
anzustellen haben, um auch einmal auf die Höhe des
internationalen Kunstinteresses zu kommen.

ADOLF ROSENBERO.

AUSSTELLUNG DES DÜSSELDORFER
KÜNSTLERKLUBS „ST. LUCAS".

Wie alljährlich im Dezember, hat der Künstlerklub
„St. Lucas" — die geschlossene Vereinigung der hervor-
ragendsten Mitglieder der Secession — seine Jahres-
ausstellung in den Räumen des Schulte'schen Kunstsalons
veranstaltet. Diesmal zeigt sich die Ausstellung des
Klubs dadurch von einer neuen Seite, dass man eine
Anzahl auswärtiger und ausländischer Meister zur Be-
schickung eingeladen; v. Uhde, Stuck, Liebermann, Maris,
Claus, Walter Crane sind ihre Namen.

Im Mittelpunkte des Interesse's steht Prof. A. Kampf
mit einer Anzahl neuer Schöpfungen, deren wertvollste
das Kolossalgemälde „Rückzug 1812, mit Mann und
Ross und Wagen hat sie der Herr geschlagen", ist: ge-
wiss eine tüchtige Leistung, die aber dennoch nicht zu
erwärmen vermag. Es fehlt dem Werke in erster Linie
jener Hauch des Persönlichen, der auch das Nebensäch-
lichste belebt und kunstvoll macht. Mit diesem Mangel
geht das Fehlen jenes Gefühls für den Geist der Ge-
schichte Hand in Hand, dessen Verkörperung zur Be-
geisterung zwingt. Dies Gefühl besitzt ein anderer
Düsseldorfer, der ausgezeichnete Schwarz-Weiß-Künstler
Sehreuer in ausgiebigem Maße, wie sein Cyklus „Aus
dem alten Düsseldorf" beweist, welche Blätter teilweise
Menzel's Beobachtungsgabe und Sinn fürs Historische
bekunden. An dem fehlenden Vermögen, sich in den
Geist eines Thema's zu vertiefen, scheitert ein anderes
Bild von Kampf: „Am hl. Gnadenbilde in Kevelaer" noch
weit mehr. Es giebt in der Darstellung religiöser
Themata jetzt, wie einst, zwei Strömungen: jene heitere
der Südländer, bei denen — wie vornehmlich bei den
modernen Spaniern und Italienern — ein Kirchenfest
stets etwas von einer festlich-frommen Maskerade an
sich hat, und jene der Germanen, die bei religiösen
Vorgängen stets die mystisch-tiefe Verzückung gestalten.
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