Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

Page: 165
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1897/0089
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
165

Allegorieen und Embleme.

166

Kampfs Scene ist keiner von beiden verwandt; es ist
die technisch geschickte Naturstudie eines einfachen Rea-
listen, der nicht ins Herz der Dinge zu schauen vermag.
Ebenso missglückt ist sein Debüt als Bildhauer, da er
sich auch hier eine psychologisch ebenso schwer zu
lösende Aufgabe gestellt hatte. In der Büste „Der
Sieger" versuchte er die seelische Blasirtheit einesjungen
römischen Cäsaren zu gestalten und kam über einen
missmutig verzogenen Mund und eine geistlos gerunzelte
Stirn nicht hinaus.

Bocholl's Schlachtenbilder stehen an Pittoreskem
früheren Leistungen nach.

A. Frenz giebt mit seiner „Nacht" wohl seine
bisher schwächste Leistung. Was sagt uns dieser
geistlose, oberflächlich gemalte, von Eulen umflatterte,
sich am Nachthimmel hin wälzende Frauenakt? Es ist
schade, wie das Talent dieses von Natur reich begabten
jungen Künstlers im Schlendrian und in der gegen-
seitigen Beweihräucherung mehr und mehr versandet.
Desgleichen macht Spatz, jener junge Künstler Düssel-
dorfs, der das Wesen der neuen Kunst am tiefsten er-
fasst hat, bedenklich Halt; es wäre ihm ein zweiter Frühling
von Herzen zu wünschen. Seine jetzigen Bilder sind
ermüdende Wiederholungen seines alten Leitmotivs vom
„Weibe als Mutter'1 etc. und stellen teilweise koloristisch
früheren Arbeiten nach. Auf seinem Bilde „Verklingende
Töne" ist das Kolorit schwer, unpersönlich und un-
lyrisch, welch letzteres es doch bei ihm, dem Neu-
idealisten, am wenigsten sein müsste.

Ein überaus frischer Zug weht durch die junge
Landschaftsschule, doch bemerkt man leider bei ihr auch
schon ein allzufrühes Stehenbleiben. In der Metropole
bedeutet das Abklärung, in der Provinz, da man es
leicht aus Mangel an frischem Wind zu früh thut, Rück-
schritt. Nichtsdestoweniger sind eine Reihe guter Sachen
vorhanden. Da ist vor allem Olaf Jemberg und Her-
manns; ersterer mit ausgezeichneten Herbst-und Winter-
bildern, letzterer mit einer Amsterdamer Gracht, Leistungen,
die infolge ihrer koloristischen Sicherheit von großer
Suggestionskraft der Stimmung sind. Desgleichen sind
Liesegang, Herzog, Wendling mit tüchtigen Leistungen
vertreten. Eugen Kampfs „pointillistischer Versuch-
wirkt erkünstelt; man hat das Gefühl, als wolle er uns,
nachdem seine Kunst in bedenklichen Stillstand ver-
sunken, nun einmal ..spanisch" kommen.

Von Auswärtigen sandte Uhde seinen „Christus und
Nikodemus"; Stuck ein kleines Bild „Orpheus", das in
seinem koloristischen Lyrismus wie ein Zaubergesang aus
der Unterwelt wirkt; Liebermann das äußerst duftige
Porträt einer Dame am Seestrand; Maris zarte silber-
graue Landschaften; Claus, der Belgier, virtuose Licht-
studien und Walter Grane, der große Tapetenkünstler
und Buchillustrator, einige Kleinigkeiten, die nicht ge-
eignet sind, dem Unkundigen einen Begriff von der Be-
deutung dieses Mannes zu geben. RUDOLF KLEIN.

ALLEGORIEEN UND EMBLEME.')

Die Ausstellung, womit das Wiener Künstlerhaus
seine diesjährige Saison eröffnete, bot eine Fülle nütz-
licher und dankenswerter Anregungen für diejenigen,
welche die Kunst nicht mehr vom Leben abtrennen,
sondern in innigere Beziehungen zu ihm treten lassen
möchten.

Die bekannte Verlagsflrma Gerlach & Schenk blickt
heuer auf eine fünfundzwanzigjährige Thätigkeit zurück,
welche der Hebung der dekorativen Künste gewidmet
war, eine redliche Arbeit, die unter der Leitung Martin
Gerlach's mit Verständnis durchgeführt und mit jenem
verdienten Erfolge gekrönt worden ist, der in der Er-
reichung des Besten seine alleinige Befriedigung findet.
Die oberen Räume des Künstlerhauses gaben in der ge-
schmackvoll angeordneten Ausstellung von Original-
zeichnungen, Aquarellen, Ölbildern, Drucken und Vorlagen
einen Überblick über diese Arbeit und interessante Ein-
blicke zugleich in das Schaffen oder — um es prak-
tischer und prosaischer auszudrücken — die Verwend-
barkeit hervorragender Künstler auf kunstgewerblichem
Gebiete.

Der Gedanke, ein und dasselbe Thema von ver-
schiedenen Künstlern behandeln zu lassen, ist nicht neu;
aber er hat sich immer gelohnt und lohnt sich auch
heute noch. Die Ausstellung hat es bestätigt. Die
schwierigste Aufgabe und vom Scharfsinn in der Auf-
spürung der geeigneten Talente mehr als vom geschäft-
lichen Sinn abhängig war diejenige, für die einzelnen
Gebiete die passenden künstlerischen Individualitäten
heranzuziehen. Auch sie ist im großen Ganzen mit
Glück gelöst worden.

Voran muss hier F)-anz Stuck genannt werden.
Die Hälfte der ganzen Ausstellung trug seinen Stempel.
Und zwar den des jungen Stuck, den wir kaum mehr
kennen. Hier haben wir die Leichtigkeit und unbe-
kümmerte Frische des armen, aber seiner unerschöpflichen
Kraft bewussten Künstlers, dessen geschickte Hand so
trefflich zeichnet und zugleich etwas Geld verdienen
muss. Und wie gut weiß sie sich in diesem halben
Zwang, unter diesem wohlthätigen Druck, zu bewegen!
Stuck ist gerade eine Natur, die unter solchen Verhält-
nissen gedeiht, ihr Bestes zu geben vermag. Wo
eine zartere, sprödere Individualität verkümmert, da
blüht sein urwüchsiges und handfestes Talent auf. Stuck
hat später anders gearbeitet. Vom Erfolg rasch in
etwas gefährliche Höhen getragen, wo die Selbst-
kritik aufhört, bekam er jenes selbstgefällige Drauflos-
pinseln, jenes absichtlich Unfertige, Hypergeniale, welches
so vielen seiner späteren Bilder anhaftet, aus denen dann
von Zeit zu Zeit noch ein Treffer von suggestiver
Intensität und wirklichem Können herausragt, wie der
„Krieg" und die „Sphinx". In den früheren Arbeiten

1) Durch Mangel an Raum verspätet. (Anm. d. Red.)
loading ...