Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Die Gemälde an den ehemaligen Reliquien-Schränken der Pfarrkirche zu Hall in Tirol.

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seinem Handbuch 1862 mit Bestimmtheit Hans Mem-
ling dafür eingesetzt hat. Ganz eigentümlich ist dort
die Bezeichnung des Bildes „König David und Bethseba",
als ob David als Hauptfigur auf dem Gemälde erscheinen
würde, während derselbe nur für ein gutes Auge sichtbar
ganz klein im Hintergrund auf der Terrasse des Ge-
bäudes steht, wenn man diese Figur überhaupt für David
gelten lassen will. Bichtig ist die Bemerkung Waagen's,
dass die Bethseba als die einzige nackte Figur in Le-
bensgröße von Memling sehr merkwürdig und in Zeich-
nung und Modellirung für diese Zeit sehr gelungen sei.
Lübke erwähnt das Bild in seiner Neubearbeitung von
Kugler's Kunstgeschichte, Bd. II, S. 457, wo er es als
ein frühes Werk des Qiiintin Massys von schlagender
Echtheit und von großem Interesse für den Bildungs-
gang des Meisters bezeichnet. Auch Lübke scheint das
Sujet nicht recht verstanden zu haben, denn es ist ge-
wiss keine „aus dem Bade steigende Bethseba", das Bett
kann doch unmöglich als Badewanne angesehen werden ?
Crowe und Cavalcaselle sagen ungenirt Bethseba im
Bade, treten aber der Anschauung Lübke's bei, dass es
kein Memling, sondern offenbar späteren Ursprunges
und vielleicht der Schule Quintin Massys entstamme.
Auch Schnaase im letzten Band seiner Kunstgeschichte
(1876) kommt auf das Bild zu sprechen. Er nennt es
eine lebensgroße Naturstudie, welcher der Maler durch
Hinzufügung einer Dienerin und des Hintergrundes mit
dem lauschenden König den Charakter der Historie ge-
geben hat, dabei aber in altertümlicher Zeichnung der
flandrischen Schule verwandt und mit einer Farben-
behandlung, die jene beiden älteren Meister (Bogier und
Memling) ausschließt und einen Nachfolger Memling's
mit einer von ihm abweichenden naturalistischen Ten-
denz zeigt.

Booses in seiner Geschichte der Antwerpener Maler-
schule erwähnt das Bild nicht, doch stimmt seine Cha-
rakteristik des Massys ganz zu unserem Bilde. Die
Farben sind alle in gleicher Stärke aufgetragen und
zeigen fast keinen Schatten und keinen abgetonten Über-
gang. Auf der Höhe der Falten wird die Farbe wohl
blässer und in den Tiefen etwas dunkler, aber sie
schwindet nicht und schwächt sich nicht ab zu Gunsten
der nebenstehenden Töne.')

Alle Autoren sind darüber einig, dass die Figuren
des Massys von einer wunderbaren geistigen Feinheit
und Zartheit, sowie in der Färbung des Fleisches und
der Gewänder durch einen hellen, sehr gebrochenen Ton
sich vor allen anderen Meistern dieser Schule auszeich-
nen; ferner wird besonders hervorgehoben, dass er erst-
mals seine Figuren in Lebensgröße malte, in der Be-
kleidung der heiligen Figuren sich von dem herrschenden

1) Th. v. Frimmel, dem ich eine Photographie des Bildes
schickte, ist von der Bestimmung Massys noch nicht über-
zeugt, doch würde er auch nicht für Memling stimmen.

Kostümzwang loslöste, auch erstmals genrehafte Gegen-
stände, Geldwechsler u. dgl. einführte, somit als einer
der Urheber der Genremalerei gelten darf. Er ist zu-
gleich der letzte der großen niederländischen Maler, die
sich an die Schule der van Eyck anschlössen, sein Fühlen
und Schaffen ist schon von der kommenden Renaissance
beeinflusst, aber trotzdem ist er immer noch großartig
in der Gewandung und ohne Anzeichen des bald darauf
eintretenden schwulstigen Stils, wie wir es schon bei
Lukas von Leyden treffen.

Ein Vergleich mit den Flügelbildern des Altars im
Museum zu Antwerpen, welche das Martyrium der bei-
den Johannes darstellen — man betrachte nur die bei-
den Köpfe der Herodias und Salome — mit unserem
Gemälde, dürfte gewiss alle Zweifel zerstreuen, welchem
Meister man das Werk zuweisen solle? keinem andern
als Quintin Massys. Nur bei ihm treffen alle Momente
zusammen, die bei der Betrachtung des Bildes als cha-
rakteristische Eigentümlichkeiten uns entgegen treten,
nur ihm ist die klare, lichte Berbling, die naturalistisch-
genrehafte Behandlung der Figuren eigen, wie wir sie
bei seinen Vorgängern niemals finden.

Stuttgart. MAX BA CTf.

DIE GEMÄLDE AN DEN EHEMALIGEN
RELIQUIEN-SCHRÄNKEN DER PFARR-
KIRCHE ZU HALL IN TIROL.

In der durch die Eigentümlichkeit ihres schief an
das Langhaus angebauten Chors, sowie durch das groß-
artige, spätgotische Gitter der Waldaufschen Kapelle,
eine Eeihe anderer schöner Schmiedearbeiten und
mehrere bemerkenswerte Gegenstände ihres Schatzes
in Kunstforscherkreisen bekannten Pfarrkirche der Stadt
Hall in Tirol befinden sich zwei große, zwischen 1640
und 1670 in einfachen Barockformen angefertigte Holz-
schränke, welche bis in die fünfziger Jahre unseres Jahr-
hunderts die reichhaltige, jetzt in der Waldaufschen
Kapelle untergebrachte Reliquiensammlung bargen, die
Bitter Florian von Waldauf im Jahre 1501 der Pfarr-
kirche gestiftet hatte.

Jeder dieser zwei auf beiden Seiten des Haupt-
altars aufgestellten Schränke ist mit acht medaillon-
förmigen Gemälden geschmückt, die infolge ihrer künst-
lerischen Geringwertigkeit bislang fast unbemerkt ge-
blieben sind, aber in ikonographischer Beziehung be-
achtenswert erscheinen.

Der auf der Evangelienseite stehende Schrank weist
die nachstehenden Bilder auf.
1. Auf einem Felsen steht der hl. Petrus, eine Kirche
auf den Schultern, tragend, daneben Christus, auf
ihn zeigend, und über demselben schwebend ein
Engel mit einem Schlüssel. Darunter die Inschrift:
„Auf diesen Felsen will ich meine Kirche erbauen.
Matth. 16."
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