Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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MICHELANGELO'S SKLAVEN IM LOUVRE.

Wenn man sich mit der Litteratur über die beiden
Louvre-Sklaven beschäftigt, so kommt man zu dem Re-
sultat, dass bisher nicht festgestellt worden ist, was die
beiden Gefangenen am Juliusdenkmal bedeuten sollen.
Die Erklärungen von Condivi und Yasari, Michelangelo
habe in den Postamentfiguren die freien Künste oder
unterjochte Provinzen verkörpern wollen,') zeigen sich
durchaus unhaltbar, sobald man versucht, mit derartigen
Deutungen die Gefangenen verstehen zu lernen. Fast
alle modernen Autoren, welche über das Juliusdenkmal
geschrieben haben, führen die betreffenden Stellen von
Condivi und Vasari an, ohne sich des Näheren mit der
vorhandenen Schwierigkeit auseinanderzusetzen. Schmar-
sow allein weist die litterarische Uberlieferung „wegen
ihrer Fragwürdigkeit'' zurück und will die „gefesselten
Jünglinge" als „plastische Verkörperung architektonischer
Kräfte" ansehen.2) Auch mit dieser Erklärung dürfte
es kaum möglich sein, den Louvre-Sklaven geistig nahe
zu kommen und sie einer einheitlichen Gesamtidee des
Denkmalschmuckes leicht verständlich einzuordnen. Ich
glaube nun, dass sich in den Gedichten Michelangelo's
Wendungen linden, welche den Schlüssel zur Auflösung
des bestehenden Rätsels darbieten. „Prigione", ^Gefan-
gener", dies Wort wird von dem Dichter Michelangelo
nicht selten symbolisch gebraucht. Michelangelo, von
Liebe zu Cavalieri ergriffen, nennt sich „prigion d'un
Cavalier armato".3) An anderer Stelle sagt er, dass
es erhabener Schönheit nicht von nöten geworden sei,
ihn mit irgend einer Fessel zu binden; denn durch einen
Blick sei er Gefangener und Beute gewesen.4) In einer
der Grabschriften auf den jungen Bracci heißt es, das
nun Staub gewordene Fleisch zeigt dem Liebenden, in
welchem Kerker die Seele hienieden lebt!r') Im Sonett 72
finden sich die an Christus gerichteten Worte: „Du be-
stimmst auch die göttliche Seele für das Zeitliche und
in diese gebrechliche und müde Hülle hast Du sie ein-
gekerkert zu harter Bestimmung." Man sieht, der Mensch
als Gefangener, der Mensch in Banden, die Seele zu
harter Bestimmung eingekerkert: diese Vorstellungen
waren Michelangelo sehr vertraut. Wollte er, wie ich
glaube, in den Postamentfiguren in allgemeinen Allo-
gorieen an dem Denkmal eines Toten den Kampf und das
Leid des Lebens versinnbildlichen, so suchte der Künstler
hierfür durch eine ihm geläufige Symbolik, nämlich
durch Fesselung der Gestalten, eine bildnerisch anschau-
liche Grundlage zu gewinnen. Alle Lebenden waren für

1) Le vite di Michelangelo Buonarroti scritte da Giorgio
Vasari e da Ascanio Condivi, herausgegeben von C. Frey.
Berlin, 1887. S. 05 u. S. 68; S. 67.

2) A. Schmarsow, Ein Entwurf Michelangelo's zum Grab-
mal Julius' II. Jahrb. d. kgl. Preuss. K. 5. Bd., S. 75.

3) C. Guasti, Le Rime di M. B. 1863. Sonett 31.

4) C. Guasti, a. a. 0. Madrigal 72.

ö) C. Guasti. a. a. 0. Epitaffi per C. Bracci No. 17.

Michelangelo „prigioni", trotzige, kämpfende, leidende,
sich sehnende Gefangene. Seiner leicht und reich schaf-
fenden Phantasie hätte es nicht an Motiven gefehlt, der-
selben Grundidee außer in den beiden ausgeführten
Jünglingen noch in einer größeren Zahl andrer Gefan-
genen immer erneuten Ausdruck zu verleihen.

Augenblicklich verhindert, den vors teilenden Gedanken
in eingehender Darstellung näher zu entwickeln, behalte
ich mir vor, auf das Thema mit Ausführlichkeit zurück-
zukommen.

Wiesbaden. OSKAR OLLEN DORFF.

DER NEU ERWÄHLTE PRÄSIDENT DER
ENGLISCHEN AKADEMIE.

Die Wahl für einen Nachfolger Lord Leighton's
und Millais', um den Stuhl von Joshua Reynolds würdig
zu besetzen, war diesmal eine außerordentlich schwie-
rige. Amtlich repräsentirt der Präsident des Kunst-
instituts die englische Kunst in vielerlei Richtungen,
und besitzt in Folge dessen einen viel größeren Ein-
fluss auf die gesainte Kunstentfaltung des Landes,
als man dies nach den sonstigen freiheitlichen Institu-
tionen Englands anzunehmen geneigt sein möchte. Die
Reden, welche Lord Leighton in amtlicher Eigenschaft
hielt, interessiren uns hauptsächlich, weil sie den Maß-
stab abgaben für das Verhältnis und die Wertschätzung
englischer und auswärtiger Kunst. Ganz abgesehen
davon, dass allgemein in Deutschland die hohe Selbst-
schätzung Englands auch in der bildenden Kunst nur
zu sehr bekannt ist, muss daran erinnert werden, wie
Leighton im Besonderen der deutschen Kunst, und zwar
I sowohl in der Vergangenheit als auch augenblicklich,
keinen der Wahrheit entsprechenden Platz anwies.
Das englische Publikum erblickt in dem Präsidenten
hauptsächlich nur den Leiter der jährlichen Winter- und
Sommerausstellung, während die ihm zur Verfügung ge-
stellten Mittel, die Oberaufsicht über die Lehrthätigkeit,
die Anstellung von Professoren u. s. w. ihm den eigentlichen
und wesentlichen Einfluss in allen Kunstboziehungen
sichern. Millais, der Nachfolger Leighton's, war bei der
Übernahme seiner Stellung bereits so krank, dass er in
Wirklichkeit sein Amt niemals anzutreten vermochte.
Jedenfalls sind Millais' eigene Werke bedeutender als die
Schöpfungen seines Vorgängers und geeigneter, ihn zu
überleben. Wie schwierig die Nachfolgerfrage sich ge-
staltete, geht daraus hervor, dass die Wahl auf E. J.
Poynter fiel, der zur Zeit Direktor der englischen Na-
tional-Galerie ist. Mit Spannung sieht man daher in
den beteiligten Kreisen der Entscheidung entgegen, oh
beide Ämter von ihm gemeinschaftlich verwaltet werden
dürfen, und ob abermals ein anderer ausübender Künstler
Direktor des ersten bezüglichen Nationalinstituts werden
sollte, oder einem gelehrten Fachmanne die Leitung des
letzteren anzuvertrauen sei. Zahlreiche Stimmen drin-
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