Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Hans Thoma's Kunstblätter.

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Paris, Polotsoff-Petersburg, Charbonneaux-Keims, Marq.
Carcano-Paris U. s. w. Und biblische Gegenstände aller
Art in zahlreichen Privatsammlungen in Florenz, Paris,
New York, Downton Castle, Brüssel u. s. w. Lauter i
neues Studienmaterial für die Entwicklung Eembrandt's,
dessen ganze Arbeit mit dem Pinsel nach und nach an
unsern Augen vorüberziehen wird.

Diesem ersten Band werden noch sechs andere folgen,
dazu ein achter Band, mit eingehenden Registern, den
sämtlichen auf Rembrandt sich beziehenden Urkunden,
und die Äußerungen seiner Zeitgenossen über ihn, Ver-
zeichnissen aller Handzeichnungen und Kadirungen, Ab-
bildungen verschollener Bilder, und eine Darstellung
Bode's über das Leben und die künstlerische Eigenart
des Meisters. Band I enthält 71 Photogravüren, die
meisten vortrefflich gelungen; einige hätten wir lieber
etwas heller gehalten gesehen, aber natürlich erheischte
diese Publikation so wenig wie möglich retouchirte
Platten. Diese 71 Bilder entstanden in der ersten Zeit
seines Wirkens, von 1627—1633; der nächste Band
wird noch etwa 30 Bilder, namentlich Porträts bringen,
welche zu dieser Periode gehören, also mehr als 100 Bil-
der in den ersten 7 Jahren! Bode giebt uns schon gleich
einen klar und warm geschriebenen Text zu diesem
ersten Bande, der das Wirken Rembrandt's in seiner
Jugendperiode eingehend schildert. Außerdem die Be-
schreibung, sowie eine möglichst ausführliche Geschichte
eines jeden Bildes. Nur wer sich selbst mit derartigen
Arbeiten befasst hat, weiß, wie zeitraubend solche Studien
sind. Bei dieser Arbeit wurde Bode kräftig unterstützt
von dem früheren zweiten Direktor der Königlichen
Gemäldegalerie im Haag, dem jetzigen Direktor des
Kupferstichkabinetts in Amsterdam, Dr. C. Hofstede de
Groot, der auch die Urkunden im letzten Bande neu
herausgeben und kommentiren wird.

Für den Rembrandtfreund kann es keinen größeren
Genuss geben, als das Durchblättern dieses lehrreichen
Buches, als die Lektüre des den Gegenstand so voll-
ständig beherrschenden, dabei sehr unterhaltend ge-
schriebenen Textes. Der nächste Band wird uns noch
die Fortsetzung der frühen Werke, namentlich Porträts
aus den Jahren 1632—1634 bringen, sowie die bibli-
schen Gegenstände aus dieser Zeit. Zum ersten Male
werden wir deutlich sehen können, wie Rembrandt sich
als Porträtmaler zunächst an seine großen Vorgänger,
van der Voort, Eliasz, Th. de Keyser und Ravesteyn
anschloss, um erst später zu dem einzigen Porträt-
künstler heranzuwachsen, der eine Gruppe wie die Braun-
schweiger Familie, ein Selbstbildnis wie das bei Lord
Ilchester, eine Regentenkomposition wie die Staalmee-
sters zu schaffen wusste.

Zweifellos wird in Kürze dieses Werk in den Händen
aller wahren Kunstfreunde sein; der Preis ist zwar
für den Forscher etwas hoch, aber wer brächte nicht
gerne für solch einen Schatz ein kleines Opfer? Und,

verglichen mit anderen Prachtwerken, ist der Preis für
mehr als 500 Heliogravüren und 8 Foliobände sogar
ein sehr billiger. Dazu kommt, dass erst in etwa vier
Jahren das Werk komplett vorliegen wird, so dass die
Summe — 1000 Mark — sich über diese Zeit ver-
teilen lässt.

Dem Verfasser sowie dem Herausgeber möchte ich
zum Schluss ein von Herzen kommendes „Glück auf"
zurufen zur Vollendung dieses wahrhaft großartigen
Monumentes, dem großen Holländer Rembrandt Har-
menszoon van Rijn errichtet. B RED WS.

HANS THOMA'S KUNSTBLÄTTER.

VON Dr. EDMUND BRAUN (NÜRNBERG).

Im ersten Jahrgange der Kunst-Chronik vom Jahre
1866 berichtet der Karlsruher Korrespondent von einigen
Bildern des Johannes Thoma, unter denen die Land-
schaften in der Stimmung viel Poetisches haben, be-
sonders die regnerischen Gewitterlüfte zeichnen sich
durch Wahrheit des Tons aus; ein Genrebild: „Ein
Mädchen, Geflügel fütternd", verdient „sowohl durch
seine stilvolle charakteristische Zeichnung, als auch
tüchtige Farbe und Durchführung Aufmerksamkeit". Der
Berichterstatter war sicher ein über das Maß seiner
Zeit hinausgehend kunstsinniger Mann, wenn er auch der
einseitigen Auffassung von Landschaftsmalerei, wie sie
in jenen Tagen herrschte, insofern Konzession macht, als
ihm die Motive der Landschaften „von geringerem Inter-
esse" sind. Aber das konnte er nicht ahnen, dass dieser
Maler, ohne sich wesentlich zn ändern, einen langen
beschwerlichen Gang bergauf machen würde, dass er
spät zwar die Spitze erklimmen würde, dass ihn aber
da oben in der Sonnennähe ein Hauch der Unsterblich-
keit umgeben würde, wie er nur die Größten einer
Zeit umweht. Unbeirrt durch die furchtbaren Kämpfe
um die Kunst, wie sie die Kunstgeschichte kaum er-
bitterter und tiefeinschneidender gesehen, hat Thoma nur
nach seinem Herzen gemalt und gestrebt, hat er nur den
Eingebungen seiner schönheitsdurstigen, starken, reich-
fühlenden Seele nachgegeben: deutscher WTaldduft lag
über seinen Werken. Nichts vermochte ihm Paris, nichts
Italien von seiner deutschen herrlichen Individualität zu
rauben.

Wir leben heute in der Sehnsucht nach der natio-
nalen, der volkstümlichen Kunst. Je größer die Sehn-
sucht, desto weitgehender ist die Hoffnung, die sich an
diese anklammert. Wir möchten am liebsten die sociale
Frage mit der volkstümlichen Kunst lösen. Nationale
Architektur verlangt man, nationaler Sitte und Tracht
wendet man, da es wohl zu spät ist, alle mögliche
Sorgfalt zu, die Volkskunst erweckt Liebe und Fürsorge;
einer unserer feinsinnigsten Kunstgelehrten schrieb in
seiner warmherzigen, formvollendeten Weise ein Büchlein:
„Was uns die Kunstgeschichte lehrt", und als einen der
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