Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Bilderrahmen.

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2. Auf einem Hügel steht Paulus als Hirt, um ihn
herum weiden Schafe. Inschrift: „Aus einem Wolf
ein Hirt."

3. Am Meeresufer stehen auf Felsblöcken, einander
gegenüber, zwei Apostel als Fischer, jeder einen
Menschen, einen weißen und einen schwarzen, an
der Angel emporziehend. Inschrift: „Menschenfischer."

4. Ein Triumphwagen, auf dem das Lamm steht, vom
Löwen, Adler und Ochsen gezogen, vom Engel
geleitet. Inschrift: „Des Lammgottes Triumphwagen."

5. Ein reich gekleideter Mann blickt in halbknieender
Stellung nach dem Himmel, an dem Sonne und
Mond stehen. Inschrift: „Ihr seid das Licht der
Welt. Matth. 5,13."

6. Ein Heiliger in braunem Bauernkittel (St. Isidor?)
legt die Hände auf zwei zu seinen Seiten stehende
Salzstöcke, die von Schafen beleckt werden. Inschrift:
„Ihr seid das Salz der Erden."

7. Auf einem Felsen steht eine (italienische?) Stadt,
deren Türme mit Nummern (1—10) bezeichnet
sind. Inschrift: „Eine Stadt auf einem Felsen kann
nicht verborgen bleiben. Matth. 5, 14."

8. Zwei Propheten stehen in hügeliger Landschaft
einander gegenüber; zwischen ihnen die Weltkugel;
beide blasen, begleitet von Engelschören in den
Lüften, auf Posaunen, deren Tücher die Inschrift
„Jesus" tragen. Inschrift: „Erhebe deine Stimme
wie eine Trompete. Isa. 58."

Der auf der Epistelseite aufgestellte Schrank zeigt
die folgenden, für die Ikonographie der Stände interes-
santen Darstellungen:

1. Auf einem Hügel kniet ein betender Mönch (St. Leon-
hard?), im Hintergrunde sitzen zwei Einsiedler.
Inschrift: „H. h. Mönch und Einsiedler."

2. Der hl. Franz Xaver steht in einem Zelt und tauft
eine reich gekleidete Indianerin (sie!); im Hinter-
grunde das Meer. Inschrift: „H. h. Priester."

3. Auf freiem Meer ein großes Schiff mit geblähten
Segeln und dem Haller Stadtwappen (!) am Bug;
darüber in den Wolken St. Nicolaus. Inschrift: „H. h.
Bischöfe."

4. Ein Papst sitzt schreibend vor einem mit Büchern
bedeckten Tisch, auf dessen herabhängendem Tisch-
tuch der österreichische Bindenschild (!) angebracht
ist. Inschrift: „H. h. Päpste."

5. SS. Isidor und Nothburga stehen in einem Korn-
feld. Inschrift: „H. h. Bauersleut."

6. Vor einer Schmiede in hügeliger Landschaft be-
schlägt St. Eulogius ein Pferd; über ihm schwebt
ein Engel mit einer Infula. Inschrift: „H. h. Hand-
werker."

7. Hinter der Bude eines Kaufmannsgewölbes steht
St. Homobonus, einem auf Krücken gestützten
Bettler Almosen spendend. Inschrift: „Kauf-Leut."

8. Am Ufer eines kleinen See's knieen SS. Joachim
und Anna, den über ihnen in den Wolken schweben-
den Heiland erblickend. Inschrift: „Heilige Eheleut."
Es ist zweifellos, dass dieser ganze in seiner Kom-
position überaus reiche Gemäldecyklus nicht der Er-
findungsgabe des primitiven Malers seinen Ursprung
verdankt, er mit ihm, schlecht und recht, die beschei-
denen, laut Stadtchronik von dem im Jahre 1675 ver-
storbenen Pfarrer Stephan Gipfel auf eigene Kechnung
beschafften Kästen geschmückt hat: sowohl die Art der
Komposition als auch das weit über das Können unseres
anonymen Künstlers hinausgehende Streben nach kolo-
ristischen Effekten, vor allem aber das direkt an die
italienischen „Carri" sich anlehnende vierte Bild des
linken Schrankes verweist uns aufs bestimmteste auf
das nachbarliche Italien, das ja mit Tirol von jeher
künstlerisch in engster Verbindung gestanden hatte, und
das seit der Einführung des Jesuitenordens in Tirol,1)
namentlich aber zu Zeiten Claudia's von Medici, die
nach dem Tode ihres Gemahls, Herzog Leopold's V.
von Tirol (1632), für ihre minderjährigen Söhne die
Regentschaft führte, die Kunst Tirols aufs nachdrück-
lichste beeinflusst hat.

Angesichts des innigen Zusammenhangs der Tiroler
Kunst, namentlich der kirchlichen, mit der gesamten
süddeutschen Kunst (man denke an die zahlreichen aus
Tirol stammenden Schnitzaltäre Süddeutschlands!), wäre
es für die Erforschung des Konnexes der italienischen
und der mitteleuropäischen Kunst nicht ohne Interesse,
den Vorbildern des Haller Cyklus auf die Spur zu
kommen. — Wenn auch das Vorkommen des hl. Franz
Xaver uns hier frühestens in die zwanziger Jahre des
17. Jahrhunderts verweist, so ist doch namentlich für
die Darstellungen des zuerst besprochenen Schrankes
ein, wenn auch indirekter, Einfluss der mittelalterlichen
Malerei Italiens nicht von vornherein abzuweisen.

FRITZ MINKUS.

BILDERRAHMEN.

Welchem Besucher von Gemäldegalerien und Kunst-
ausstellungen wird es noch nicht aufgefallen sein, dass
in unserer Zeit ein großes Gewicht auf eine prunkvolle
Ausstattung der Kunstwerke, also bei Gemälden auf die
Einrahmung, gelegt wird; und welchen ästhetischen
Sinn hat es noch nicht unangenehm berührt, in wie ge-
schmackloser und widersinniger Weise dies in den meisten
Fällen ausgeführt wird! Man kann getrost behaupten,
dass unter 100 Gemälden nicht fünf sind, bei denen
man wirklich sagen kann, dass der Rahmen die Bild-
wirkung erhöht oder sich derselben auch nur anpasst.
— Wenn dies bei geringeren Kunstwerken fast aus-
schließlich geschieht, so sollte es doch bei Meister-

1) Das ehemalige Jesuitenkollegium in Hall war im
Jahre 1569 errichtet worden,
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