Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Bücherschau.

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der großen Paradieslandschaft von Eichard Riemenschmid
in München, die symbolisch gemeint, aber nicht kräftig
genug angeschaut ist, um glaubhaft zu erscheinen.
Beim Nachdenken über diejenigen deutschen Gemälde,
die sich aus der Menge guter Sachen dem Gedächtnis
besonders eingeprägt haben, fallen uns noch drei hervor-
ragende Landschaften ein: des Weimarer Fritz Brändel's
wasserreiche Frühlingslandschaft: „Ende März" bei
Sonnenuntergang, Theodor Hagen's Waldidyll vom Ufer
der Ilm, und Hans von Volkmann's im frischen Grün
prangendes Birkenwäldchen, das die feierliche Euhe
eines friedlichen Frühlingsabends mit warmer Empfindung
wiedergiebt.

Die außerdeutsche Malerei ist in der Ausstellung
mit ungefähr ebenso viel Bildern wie die deutsche ver-
treten. Eine offizielle Beschickung von Paris aus ist
nicht erfolgt, doch ist dafür gesorgt, dass man die ver-
schiedenen Richtungen der französischen Malerei aus
jüngster Zeit in wenigen, aber bezeichnenden Beispielen
kennen lernen kann von der derb naturalistischen Art
Edgar Degas' an bis zu den überzarten melancholischen
Schilderungen Eugene Carriere's und seines Nachahmers,
des Spaniers Antonio de la Oandara. Glänzend sind die
Belgier vertreten, unter denen Franz Courtens mit einem
herrlichen Wald und Emile Claus mit vier sonnigen
Landschaften in herbstlicher oder winterlicher Beleuch-
tung obenanstehen. Indessen finden sich gerade in der
belgischen Abteilung eine Reihe Absonderlichkeiten, um
nicht zu sagen Ausschreitungen, die man sonst glück-
lich vermieden hat. Wir rechnen dahin die durch die
Auffassung der Arbeiter als Herdenvieh abstoßenden
Gemälde von Eugene Laermans, die jedoch wenigstens
koloristisch nicht ohne Reiz sind, Theo van Ryssel-
berghe's an die Karikatur streifende Porträts, in denen
der Pointiiiismus ad absurdum geführt wird, William
Degouves de Nuncques farbensymbolistische Tollheiten und
Henry de Groux' verworrene „Rettung des Moses aus
den Wassern" und die „Zigeuner auf der Flucht". Die
Holländer und Italiener haben sich nicht besonders zahl-
reich beteiligt, die Schweden und Norweger fehlen ganz,
und von den Dänen genügt es Kristian Zahrtmann, der
eine seltsam anmutende, aber nicht uninteressante „my-
stische Hochzeit" ausstellt, und Viggo Johannsen, den
man als Landschafter bewundern lernt, zu nennen. Be-
deutend ist die Ausstellung der Amerikaner. Fast alle
die Namen amerikanischer Maler, die in den letzten
beiden Jahrzehnten von sich reden gemacht haben, sind
vertreten und zwar durchaus hervorragend. Es ist er-
freulich, dass man sich entschlossen hat, eine Anzahl
ihrer Bilder für die Galerie anzukaufen, z. B. George
Hitcheock's „Mädchen in den Talpen", und Cari Melchers'
„Zimmermann". Als einKolorist von feinstem Geschmack
erweist sich Edivin Lord Weeks, dessen „Beladung einer
Karavane", eine Morgenstimmung aus Persien, zu den
besten Orientbildern gehört, die wir kennen. Julien L.

Stewart entzückt durch einen weiblichen Akt an einem
Weiher im Walde, der in der Art von Alexander Harri-
son, nur noch farbiger und frischer gehalten ist.
Harrison selbst aber ist diesmal am besten in seinem
„Waldteich", einer Landschaft ohne alle Staffage, und
Walter Gag rivalisirt in seinem „Waffenschmied" mit
den besten Kleinmalereien Meissonier's. Die Engländer
und Schotten hat man sowohl in Berlin als in München
schon besser gesehen. Doch bekommt man immerhin
einen guten Begriff von ihrer Leistungsfähigkeit, wenn
man das vorzügliche Porträt George Spencer Watsons,
William Strang's „badende Mädchen" und „badende
Männer", sowie die wundervollen Landschaften James
Paterson's und die beiden Blumenstücke Stuart Park's
betrachtet. Wendet man sich dann, ermüdet von dem
Anschauen so vieler Bilder, um Erholung zu suchen in
die aus Bing's Kaufhaus in Paris in die Ausstellung
übergeführten Zimmer, die den modernsten französischen
Geschmack in Einrichtung und Ausstattung vorführen,
aber bereits von anderer Seite in der „Kunstchronik"
gewürdigt sind, so wird man sicher mit dem Eindruck
scheiden, eine Fülle von Anregungen und eine erhebliche
Summe künstlerischen Genusses in der Ausstellung ge-
funden zu haben. H. A. LIER.

BÜCHERSCHAU.

H. A. L. Über das unlängst ausgegebene 2. Heft des
2. Jahrgangs der Vierteljrihrsliefte des Vereins bildender Künstler
Dresdens (Druck von Wilhelm Hoffmann und Kommissions-
verlag von E. Arnold, Hofkunsthandlung (A. Gutbier) in
Dresden), ist zu melden, dass es in der von Otto Fischer
entworfenen Steinzeichnung einer Sommerlandschaft ein Blatt
von solcher Schönheit enthält, dass ihm keines der bisher
veröffentlichten Blätter an künstlerischem Werte gleich-
kommt. Alles vereinigt sich in diesem Blatte, um den Be-
schauer zu entzücken: Feinheit der Zeichnung, Lieblichkeit
des Motives, Kraft der Stimmung und Gediegenheit der
technischen Ausführung. Schade, dass der letzte dieser
Vorzüge der gleichfalls durch die Lithographie wiederge-
gebenen Landschaft Oskar Seidel's abgeht. Der Vorder-
grund ist zwar recht gut gekommen, aber die Wolken heben
sich nicht genug am Horizont hervor und beeinträchtigen
dadurch die Klarheit des Gesamteindruckes. Die dritte
Steinzeichnung des in Rede stehenden Heftes rührt von
Georg Liihrig her. Sie stellt das Bildnis einer Frau dar
und ist vorzüglich gezeichnet, aber nicht ganz glücklich in
der Wahl der braunen und blauen Töne auf einem matt-
violett gefärbten Papier. Von Max Pietschmann''s Original-
radirung, auf der wir zwei Faune im Kampf um einen
Weinschlauch erblicken, ist zu rühmen, dass die Zeichnung
bedeutende anatomische Kenntnisse verrät, die Radirung
selbst aber ist hart, und ihr brauner Sepiaton wirkt geradezu
ungünstig. Ganz verhauen hat sich endlieh Robert Stert
mit seiner Steinzeichnung von der Arbeit heimkehrender
Schnitter. Man erkennt hier nur einige Umrisse von Ge-
stalten, die Andeutung zweier Gesichter, die stark von der
Seite genommen sind, und müht sich im übrigen vergebens,
zu begreifen, was die Unmasse dicker und ungemein flüchtig
hingesetzter Kohlestriche bedeuten soll.
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