Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.
Ankündigungsblatt des Verbandes der deutschen Kunstgewerbevereine,

HERAUSGEBER:

CARL von LÜTZOW und Dr. A. ROSENBERG

WIEN BERLIN SW.

Heugasse 58. York Straße 20.

Verlag von SEEMANN & Co. in LEIPZIG. Gartenstr. 17. Berlin: W. H. KÜHL, Jägerstr. 73.

Neue Folge. VIII. Jahrgang. 1896/97. Nr. 21. 15. April.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur „Zeitschrift für bildende Kunst" und zum „Kunstgewerbeblatt" monatlich dreimal, in den
Sommermonaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der „Zeit-
schrift für bildende Kunst" erhalten die Kunstchronik gratis. — Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden,
leisten Redaktion und Verlagshandlung keine Gewähr. Inserate, ä 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Verlagshandlung
die Annoncenexpeditionen von Haasenstein & Vogler, Rud. Mosse u. s.w. an.

Da ich während der Osterferien eine Studienreise antrete, bitte ich die Herren Korrespon-
denten, ihre Einsendungen vom 1. April bis 8. Mai sämtlich direkt an die Verlagshandlung nach
Leipzig zu adressiren. c. v. LÜTZOW.

DIE WINTER AUSSTELLUNGEN
IN LONDON.
II. F. Leighion.

Frederic Leighton ist 1830 in Scarborough als Sohn i
eines angesehenen Arztes geboren. Schon 1840 wurde
er in Rom von Filippo Melin im Zeichnen unterrichtet,
und nachdem er in Dresden die Schule besucht, bildete
er sich in Florenz, Paris, Brüssel und auf der Akademie
in Berlin zum Maler aus. Im Jahre 1847 studirte er
mit gelegentlichen Unterbrechungen bis 1852 im Städel-
schen Institut in Frankfurt a. M. unter Steinle. Dieser
war wiederum befreundet und in naher Beziehung zu Cor-
nelius und Overbeck, so dass ein gewisser indirekter
Einfluss dieser drei Künstler auch anfangs bei Leighton
bemerkbar wird. Das erste Bild, welches er im ge-
nannten Institute als IS jähriger Jüngling ausstellte,
„Cimabue den Giotto in den Feldern bei Florenz findend",
und das kürzlich in London für 2500 Mark verkauft wurde,
bildet thatsächlich das Produkt eines Gemisches der oben
erwähnten drei Künstler. Aus einer sehr wohlhabenden
Familie stammend, war es Leighton möglich, vielfach
größere Reisen zu unternehmen, die ebenso wie seine
wechselnde Umgebung stets wesentlichen Einfluss auf
seine Malweise ausübten. Trotzdem vermochte der Künstler
niemals seinen akademisch-dekorativen Grundzug gänzlich
zu verleugnen. Romantisch ideale Tendenz, Idealität des
Stils, streng korrekt akademische Sujets und Klarheit der
Zeichnung sind die Basis seines Schaffens. Dass ein
solcher Mann wie geboren war zum Vorstande eines eng-
lischen Staatsinstituts, und außerdem nach dem Herzen der

stimmberechtigten Akademiker sein musste, wird ohne
weiteres einleuchtend. Mehr durch seine liebenswür-
digen persönlichen Eigenschaften, seine sociale Stellung
und seine bedeutenden Lehrvorträge als gerade durch
sein vorbildlich künstlerisches Schaffen übte er seit 1878
als erwählter Präsident der „Royal-Academy" einen
maßgebenden Einfluss in den Kunstkreisen Englands aus.
Von der Königin Victoria wurde er geadelt und noch kurz
vor seinem 1896 erfolgten Tode zum Lord und Pair des
Reiches ernannt. Außer der Zugehörigkeit zu fast allen
englischen Universitäten und Kunstinstituten war
Leighton gleichzeitig Ehrenmitglied der Akademieen von
Berlin, Wien, Paris, Rom, Florenz, Genua, Perugia,
Brüssel und Antwerpen, sowie Ritter des preußischen
Ordens „Pour le merite" für Kunst und Wissenschaft,
des Leopold-Ordens, der Ehrenlegion u. s. w. Persönlich
hatte er keine, Feinde. Seine Anschauungen über deutsche
Kunst waren uns im allgemeinen nicht zu günstig, und
sollen seine hierauf bezüglichen offiziellen Äußerungen
am Schlüsse unter dem Motto: „Zeigt mir der Freund,
was ich kann, lehrt mich der Feind, was ich soll", kurz
zusammengefasst werden.

Seit dem Jahre 1870 ist es das erste Mal, dass
die Königliche Akademie keine Leihausstellung alter
Meister vorgeführt hat, vielmehr die Sonderausstellung
von Werken nur eines Meisters, und zwar in diesem
Falle die Lord Leighton's, ihres verstorbenen Präsidenten.
Im ganzen ist das Publikum mit dieser Neuerung nicht
einverstanden, da die modernen Meister während des
Sommers gewohnheitsmäßig in denselben Räumen zu
ihrem Recht gelangen. Zwei Gründe aberhaben die Aka-
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