Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.
Ankündigungsblatt des Verbandes der deutschen Kunstgewerbevereine,

HERAUSGEBER:

CARL von LÜTZOW und Dr. A. ROSENBERG

WIEN BERLIN SW.

Heugasse 58. Yorkstraße 20.

Verlag von E. A. SEEMANN in LEIPZIG, Gartenstr. 15. Berlin: W H. KÜHL, Jägerstr. 73.
Neue Folge. VIII. Jahrgang. 1896/97. Nr. 4. 12. November.

Die Kunstehronik erscheint als Beiblatt zur „Zeitschrift für bildende Kunst" und zum „Kunstgewerheblatt" monatlich dreimal, in den
Sommermonaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der „Zeit-
schrift für bildende Kunst" erhalten die Kunstchronik gratis. — Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden,
leisten Redaktion und Verlagshandlung keine Gewähr. Inserate, ä 30 Pf- für die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Verlagshandlung
die Annoncenexpeditionen von Haasenstein & Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

die freie kunst-liga in new york.

In New York ist eine neue vielversprechende Ver-
einigung von Künstlern (Liberal Art League) ins Leben
getreten, deren erste Ausstellung im Frühling statt-
gefunden hat. Die freie Kunst-Liga stellt es sich zur
Aufgabe, einem tiefgefühlten Bedürfnis der amerikanischen,
in erster Linie der New Yorker Künstlerschaft entgegen
zu kommen, indem sie der ganzen professionellen Kunst-
welt — für einen geringen Beitrag zu den Ausstellungs-
kosten — die Gelegenheit giebt, ihre Werke dem Publi-
kum zu zeigen.

Das Jurysystem ist hier mit so viel Parteilichkeit
gehandhabt worden, dass die Ausstellungen der zwei
bestehenden Gesellschaften „National Academy of Design"
und „Society of American Artists" vollständig zu kleinen
Klubausstellungen von besonderen Cliquen herabge-
sunken sind. Die Academy existirt nur noch für ihre
Mitglieder und einige Schüler derselben. Man zieht es
vor, die vorhandenen Käumlichkeiten unbenutzt zu lassen
oder drapirt sie mit Gobelins, anstatt andere tüchtige
Kräfte zu berücksichtigen. Man ladet diese ein, aber
die Jury weist ihre Bilder — mit Vorliebe die der deutschen
Künstler — zurück! Die „Society of American Artists",
welche sich vor achtzehn Jahren zuerst als eine kleine Ver-
einigung von Neuerern von der Academy getrennt hat,
ist durch die mächtige finanzielle Hilfe der Vanderbilt's
emporgewachsen zu einer bedeutenden Künstlervereinigung
der Impressionisten, aber gerade, weil die Gesellschaft
finanziell sehr unabhängig ist, kann sie es durchführen,
nur dieser Richtung die Thore zu öffnen. Freilich, der
einzelne Künstler, der in dieser Richtung arbeitet, hat
wohl die Satisfaktion, zu der jetzt fashionablen Richtung
zu gehören, aber Käufer finden seine Bilder nicht, denn
man geht hier bis zur äußersten Grenze der Extra-

vaganz. Der Laie erklärt meistens „das muss wohl sehr
schön sein, — weil es Mode ist — aber ich verstehe
es nicht" und darum kauft er auch nicht diese im-
pressionistischen Experimente.

Der großen Menge tüchtiger Künstler aller Rich-
tungen einen Markt zu schaffen, ohne von der Gnade
der Kunsthändler abzuhängen, das hier in Kunstfragen
noch sehr unselbständige Publikum zu gewöhnen, selbst
zu urteilen, ist der Zweck der neuen Liga. Dies soll
nach und nach dem Künstler durch seine Gunstbezeugung
oder Ablehnung einen Fingerzeig geben, wie er, ohne
seinem Beruf ganz untreu zu werden, — was jetzt die
meisten Künstler zu thun gezwungen sind, — doch dem
Geschmacke Rechnung tragend mehr Brot aus seiner
Kunst schlagen kann. Jetzt können die meisten Künst-
ler das Bildermalen nur nebenbei aufrecht erhalten,
um ihre Reputation als Künstler zu erhalten, aber für
den Erwerb müssen sie sich ganz der kommerziellen
Arbeit hingeben. Durch Skizzen für Annoncen, billige
Porträtmalerei für Photographieen, die nicht ihren Namen
tragen, fristen viele ganz treffliche Künstler ihr Leben.

Eine mehr ideenreiche Kunst, — wenn auch ferne
dem alten Anekdotenbild — eine Kunst, die wieder dem
Schönen Raum giebt, wird jedenfalls die Kauflust auch
mehr animiren, die Technik allein fesselt nicht Aber
so lange die Künstler eine ausgeschiedene Kaste sind,
fehlt ihnen Anregung und Kontakt mit der "Welt. So
hofft die neue Liga, eine breite Lücke im amerikanischen
Kunstleben auszufüllen.

Die erste Ausstellung war gut beschickt und gut
besucht. Auch die Verkäufe überstiegen an Zahl die
der andern Ausstellungen. Für die Zukunft ist noch
Besseres zu hoffen, denn jetzt waren viele der tüchtigsten
Künstler noch zu feige, eine neue Ausstellung auf liberaler
Basis zu beschicken, in der sie fürchteten, in geringere
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