Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Bücherschau. — Kunstblätter. — Nekrologe.

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stören des Alten ein Ende haben. Solcher Erfolg seines
größten Werkes wird das schönste Denkmal Eudorf
Rahn's sein.

BÜCHERSCHAU.

H. Werle, Ein malerisches Bürgerheim. Darmstadt, 1897,
A. Koch. 5. Lfgn. ä 8 M. (Lfg. F. 6 Blatt Entwürfe.
Gr. Fol., Vorwort.)

Werle hat sich durch seine Entwürfe für die Ausstattung
eines „vornehmen deutschen Hauses" in Fachkreisen schnell
zur vollen Anerkennung gebracht. Auf modernen Prinzipien
baut er seine Möbel auf, aus der Gebrauehsform sie ent-
wickelnd und frei nach eigenem Empfinden sie dekorirend.
Er kennt die Tiroler Gotik und die englischen Zierformen,
aber er unterwirft sich ihnen nicht. Jetzt hat er oben ge-
nanntes Werk „Ein malerisches Bürgerheim" gebracht, das
die besten Hoffnungen erweckt. Die Formen sind hier in
der That höchst einfach, praktisch ausführbar, was ja bei
seinen reicheren Möbeln nicht durchgängig der Fall war.
Sie sind originell. Einzelne Möbel, wie der Schreibtisch im
Herrenzimmer, der Nachttisch, zeigen ganz neue und für den
Gebrauch sehr wertvolle Motive. Nur das Küchenspind zeigt
ein paar Pfosten, die es unmöglich machen, die tiefer liegende
Thüre voll zu öffnen. Aber dieses selbe Spind bietet in den,
in der Diagonale eingeordneten mit Stäben geschlossenen
sechseckigen Ausschnitten der oberen Thüren ein sehr hüb-
sches und eigenartiges Schmuckmotiv. Überhaupt wird man
die durchgängig der Fähigkeit eines geschickten Schreiners
angepasste Bauart der Möbel, die einfache und doch an
rechter Stelle wirkende Ausschmückung mit Freuden sehen.
In dieser Hinsicht verdient Werle hier höchstes Lob. Für
die Dekoration rechnet Werle auf die Mitwirkung der Be-
sitzer, auf Brandarbeit, Kerbschnitt, Bemalung, durch Sticke-
rei u. s. w. Sehr begreiflich, denn so billig der Spott über
die „Kunst im Hause" ist, so werden doch selbst die Spötter
zugeben, dass bei einigem Fleiß und sorgfältiger Wahl der
Vorbilder ein geschickter Dilettant manches in der Beziehung
leisten kann, was ihm die Freude am eigenen Heim erhöht,
und ihn auch in der Auswahl des Mobiliars, der Stoffe etc.
zu eigener Wahl und zu eigenen, vom Lieferanten unab-
hängigen Wünschen führt. Aus Werle's Werk kann man
lernen, wie auch mit geringen Mitteln eine nicht der Ber-
liner Schablonenfabrik entstammende Einrichtung zu be-
schaffen ist. Man kann aber auch lernen, wie durch Auf-
stellung und Arrangement aus wenigem etwas zu machen
ist. Freilich setzt der Entwurf doch hier eine Wohnung
voraus, wie sie der einfache bürgerliche Mieter kaum vor-
finden wird. Man vergleiche das reizende, aber in Miet-
wohnungen wohl kaum vorkommende Treppenhaus mit Diele.
Vielleicht entschließt sich der Verleger A. Koch einmal, in
seiner trefflichen Zeitschrift für Innendekoration den Mit-
arbeitern die Aufgabe zu stellen, in einer einfachen Miet-
wohnung ohne Erker, Diele, englische Tapeten, Holzdecken
u. dergl. einmal derartige Möbel mustergültig zu ordnen.
Einzelne Fingerzeige hierfür geben übrigens die Einzel-
blätter in Werle's Werk, wie das Blatt mit den verschiedenen
Portieren. M. Sch.

KUNSTBLÄTTER.

Neue Publikationen. Bei J. Lmvy in Wien ist eine
Folge von 36 Lichtdrucktafeln nach den hinterlassenen Ar-
beiten des österreichischen Bildhauers August Kühne er-

schienen. Kühne wurde am 29. Juli 1845 geboren und starb
den 15. August 1895. Seit 1877 war er Lehrer am Öster-
reichischen Museum für Kunst und Industrie in Wien. Was die
in gutem Lichtdruck wiedergegebenen Arbeiten betrifft, so
zeigen sie, zusammen mit dem sympathischen Bildnis des
Künstlers, einen ernst und ehrlich Strebenden, dessen etwas
ungleichwertige Produktionen zuweilen einen tüchtigen An-
lauf nehmen und dann wieder auf halbem Wege stecken
bleiben. Ziemlich verhängnisvoll scheint ein längerer Auf-
enthalt in Dresden auf ihn gewirkt zu haben; denn was er
in den Bahnen Hähnel's zu leisten versucht, gehört nicht
zum Besten. Hätte er sich ganz von diesem Einfluss frei
halten können, so wäre das für die natürliche Entfaltung
seiner Anlagen besser gewesen; die ihn geradeswegs auf den
schlicht beobachtenden Realismus hinweisen. In den Volks-
typen aus den österreichischen Alpen, Bauern, Feldarbeitern,
Kegelschiebern, Spielern und dergl. leistete er das, was in
den Grenzen seiner Begabung lag. Er zeigt hier eine
schlichte, liebenswürdige Einfachheit, ohne Pose, von durch-
aus ungekünstelter Empfindung. — Mit Genugthuung und
Beifall können die von Gerlach herausgegebenen Original-
entwürfe lebender Künstler begrüßt werden, die unter dem
Titel „Neue Folge von Allegorien" im Verlag von Oerlach &
Schenk in Wien erschienen sind. Sie behandeln das alte
Thema „Wein, Weib, Musik und Tanz", ohne in den abge-
tretenen Pfaden konventioneller Langeweile stecken zubleiben.
Die verschiedenen Auffassungen dieser Entwürfe bieten Ab-
wechslung genug, und man kann sich manche hübsche An-
regungen aus ihnen holen. Es sind Bilderbogen für Er-
wachsene. Außer einigen schwächeren und sich nicht über
die Grenzen einer gewissen „Bravheit" erhebenden Blättern
finden sich welche von Stuck, Lefler, E. Unger, H. Kauf-
mann, Schmutxer, Klimt, Jul. Diex, Koloman Moser und
einige gute anonyme. Stuck's „Tanz" vereinigt wieder die
für ihn so bezeichnende Sinnlichkeit und suggestive Intensität
mit der an Brutalität grenzenden Kraftmeierei, die gerade
noch erträglich bleibt, weil sie von so starkem Humor und
Talent begleitet ist. Diese fliegende Bewegung des sich
wollüstig andrückenden, tanzenden Mädchens, die herkulische
Gestalt des sie umfassenden Jünglings und dann wieder der
urkomische Faun links, der die Flöte bläst und dabei so
prachtvoll „knickebeinig" dasteht, sind nicht nachzumachen
und zeigen Stuck's Zeichentalent von der stärksten Seite.
Des verstorbenen E. Unger's „Bauerntanz" wirkt sehr kräftig
und überzeugend, und ein fein empfundenes Blatt („Liebe")
von Moser zeigt ein kaum dem Kindesalter entwachsenes
Paar, das, im Sonnenschein auf dem Grase liegend, zwei
Schmetterlingen zuschaut, die sich umflattern, verfolgen,
haschen und —• lieben. Heinrich Lefler bringt ein reizend
gezeichnetes und kolorirtes Blatt, von welchem bei der Be-
sprechung der Originale im Künstlerhause näher die Rede
ist. Der weiteren Folge der Publikationen darf man mit
Interesse entgegensehen. w- s-

NEKROLOGE.

* Der Kunsthistoriker Jakob v. Falke ist am 11. Juni in
Lorana bei Abbazia gestorben. Er war am 21. Juni 1825
zu Ratzeburg geboren. Seit 1858 war er Direktor des öster-
reichischen Museums und der Liechtenstein-Galerie und -Bi-
bliothek. Vorher, von 1855 bis 1858, war Falke Konservator
am Germanischen Museum in Nürnberg gewesen. Der Ver-
storbene war als Schriftsteller auf kulturhistorischem und
kunstgewerblichem Gebiet vielfach und mit Erfolg thätig.
Von seinen Schriften sind zu erwähnen: „Die deutsche
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