Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Bücherschau. — Kunstblätter. — Nekrologe. — Personalnachrichten.

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in die Heimat, das kleine alte Städtchen an den Bergen.
Wir werden wieder jung, wieder zu Knaben. Mit glän-
zenden verträumten Augen, die Sonne im Herzen, kehren
wir am Abend aus dem Walde, in dem wir gespielt, zurück.
Im Gärtchen an der alten epheuumrankten Stadtmauer
erwartet uns das Mütterchen, um uns die alten lieben
Märchen zu erzählen. Oder dann ist es wieder, als ob wir am
Samstag Abend nach langen Jahren des schweren Kampfes
zurückkehrten in das stille Heiinatdörfchen. Die Arbeit
ruht, Glockenklang schwebt durch die Lüfte, Sabbath-
vorahnung liegt über der Natur. Der weihevolle Zauber
eines deutschen Sonntags auf dem Lande zieht in unsere
Herzen.

Das alles empfinden wir bei dem Betrachten dieser
Blätter. Das alles klingt mächtig und lange in uns
nach. Wir segnen den Künstler, der solches vermag.
Denn eine Kunst, die diesen Zauber ausübt, ist doch
sicher köstlich, rein und wahr, sie ist bis in das Innerste
ihres Wesens deutsch und volkstümlich.

BÜCHERSCHAU.

A Midsummer Night's Dream. lllustra,ted by R. Anning
Bell, edited by Israel Gollancz. London, J. M. Dent & Co.,
1895.

The Banbury Cross Series. Edited by Orace Rkys.
Illustrated by R. Anning Bell, H. Qranville Fell, Charles
Robinson, Miss A. B. Woodward and others. London,
J. M. Dent & Co. 1894—1595.

An der Spitze der jüngeren Schule von Buchillustratoren
steht heute in England ohne Zweifel Robert Anning Bell.
Wie Walter Crane ist er nicht allein Illustrator, sondern
er hat in seiner verhältnismäßig kurzen Laufbahn auf den
verschiedensten Gebieten des Kunstgewerbes Ausgezeichnetes
geschaffen. Von seiner großen Vielseitigkeit zeugte das, was
er auf der letzten „Arts and Crafts Exhibition" in London
ausgestellt hatte; darunter fanden am meisten Bewunderung
ein großer dekorativer Fries, der nach seinen Zeichnungen
von Schülern der Liverpooler Kunstgewerbeschule ausgeführt
worden war, ein neu gezeichnetes Kartenspiel, dem er, ohne
stark von dem Herkömmlichen abzuweichen, einen ganz
originellen Charakter verliehen hatte, und endlich ein herr-
liches bemaltes Relief, das durch große Anmut und Einfalt
an die besten Schöpfungen der Frührenaissance erinnerte.
Seine Illustrationen zum Sommernachtstraum, die zu Weih-
nachten 1895 erschienen sind, mögen wohl das Schönste
sein, was die moderne Kunst auf diesem Gebiete hervor-
gebracht hat. Dieses kleine Buch ist in seiner Art ein
Kunstwerk ersten Ranges. Schon der Einband ist.ein Meister-
stück dekorativer Kunst; ich kenne wenigstens keinen andern,
der uns so schnell in den Inhalt, in die Stimmung eines
Buches versetzt, wie dieser. Die Verzierung ist sehr einfach:
ein naturalistisches Ornament von Heckenrosenzweigen, hinter
denen der Halbmond und einige Sternlein erscheinen; ein
paar Schmetterlinge umflattern die Rosen. Schlägt man das
Buch auf, so findet man zunächst das Vorsatzblatt, das mit
einem entzückenden kleinen Exlibris und mit schmalen Rand-
leisten verziert ist, ein Schmuck, der sich ähnlich am Schlüsse
des Buches wiederholt. Und mm folgt das Titelblatt und
damit die eigentlichen Illustrationen, zu denen die Ver-
zierungen des Einbandes und des Vorsatzblattes gleichsam

die Präludien sind. Die Illustrationen selbst sind von dem
glücklichsten Geschmack; sie folgen nicht sklavisch dem
Texte; aber sie spiegeln den innern, wir möchten sagen, den
musikalischen Gehalt des ewig schönen Märchens wieder,
etwa so, wie Mendelssohn's herrliche Musik. Den Zeichnungen
R. Anning Bell's ist ein keuscher Reiz, eine liebenswürdige
Anmut eigen, wie wir sie seit der Renaissance kaum in
irgend einem illustrirtem Buche gefunden haben. Obwohl
Anning Bell sich gewiss die Kunst der Frührenaissance gut
angesehen hat, so ist doch das, was er hier geschaffen hat,
ganz von modernem Gefühl erfüllt. Nach allen diesen
Worten scheint es wohl überflüssig, das Buch den wahren
Bücherfreunden auf das Wärmste zu empfehlen. Wie groß
schon jetzt der Einfluss ist, den R. Anning Bell auf die
jüngeren Illustratoren ausübt,davon zeugt die „Banbury Cross
Series", eine Reihe von kleinen Märchenbüchern, die be-
weisen, dass sich geschmackvolle Buchausstattung auch mit
einem ganz billigen Preise verträgt. Diese anspruchslosen,
hübsch gebundenen Duodezbändchen sind mit Zeichnungen
von Anning Bell und einigen jüngeren Künstlern geschmückt.
Auch das reizende Vorsatzblatt, das in allen Bändchen
wiederkehrt, rührt von Anning Bell her. Am nächsten
kommt ihm H. Qranville Fell mit seinen Illustrationen zum
Aschenbrödel und zu dem englischen Märchen Jack und der
Bohnenstengel, ünter den übrigen Zeichnern seien noch
Charles Robinson und Miss Alice IVooduard genannt, die
sich beide durch ihre Kinderbücher in kurzer Zeit einen
guten Namen gemacht haben. G- °-

KUNSTBLÄTTER.

Von der Hofkunsthandlung J. Velten in Karlsruhe sind
vor kurzem 25 Künstler-Postkarten in den Verkehr gebracht
worden, die wir unsern Lesern empfehlen möchten, weil
sie etwas Neues bringen. Es ist hier mit der landläufigen
Art der illustrirten Postkarten gebrochen, indem Aquarelle
von Künstlern als Vorlagen dienten. Die Karten bringen
Landschaftsbilder vom Schwarzwald und vom Oberrhein, die
Originale stammen von jüngeren Karlsruher Künstlern, die
zu einer Konkurrenz aufgefordert waren; für die Preise hat
das Badische Ministerium einen erheblichen Beitrag gegeben.
Die Reproduktion ist im allgemeinen vortrefflich geraten —
in einzelnen Blättern könnten die Töne etwas gedämpft sein;
da der Preis für die Mappe (25 Bl. 2,50 M.) mäßig ist, sind
wir sicher, dass die Karten, namentlich jetzt bei Beginn der
Reisezeit, viele Liebhaber finden werden, und würden uns
freuen, wenn der Verlag auf dem betretenen Wege weiter
fortschreiten würde und bald neae Serien in den Verkehr
brächte.

NEKROLOGE.

*** Der Bildhauer Hans Bauer, der Schöpfer des Krieger-
denkmals in Konstanz, ist daselbst am 10. Juni gestorben.

*** Geh. Regierungsrat Dr. Zoellner, Ehrenmitglied der
Kgl Akademie der Künste in Berlin, ist daselbst am 13. Juni
im Alter von 76 Jahren gestorben. Er war der Vorgänger
R. Dohme's im Amte des ersten ständigen Sekretärs der
Akademie gewesen (1876—1891) und bei seinem Ausscheiden
aus diesem Amte zum Ehrenmitglied ernannt worden.

PERSONALNACHRICHTEN.

*** Zum Direktor des österreichischen Museums für
Kunst und Industrie ist an Stelle des in den Ruhestand
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