Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Hans Thoma's Kunstblätter.

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Burgkmair und Baidung erreicht unser Meister ebenfalls
mit den seinen.

Tief unten liegt zerklüftetes Land und Wasser, und
oben durch die geballten Wolken sausen die seltsamen
„Wandervögel", die Boten des Winters. Eine große
wilde Stimmung liegt in diesem Blatte, wie jauchzender
Walkürenruf tönt es durch die Lüfte.

Verwandt ist das Blatt „Harpye". Im düstern
zerrissenen Gewitterhimmel hängt groß und leuchtend
der Mond. Auf einem alten Weidenstrunk sitzt die Harpye,
der Nachtmahr, Kopf und Brust eines hässlichen Weibes
auf einem Eulenkörper, die Personifikation des Alpes.

Freundlicher, voll zarter Innigkeit ist die „Centaurin
am Wasserfall". Das entzückende junge Geschöpf steht
mit der Laute am Wasserfall. Saitenklang und Gesang
mischen sich mit dem Bauschen des deutschen Gießbachs.

Eines der herrlichsten und dekorativ wirksamsten
Blätter ist das Tritonenpaar auf blauem Papier. Eine
Herrlichkeit wie am ersten Schöpfungstage liegt Uber
dem Wasser. Feierlich zieht der Triton die aufschäu-
mende Bahn, das Muschelhorn blasend. Seine schöne
Liebste ruht auf seinem Bücken, die Linke um des
Gatten Leib gelegt, die Rechte erhoben, als ob sie die
Töne liebkosen wollte. Golden versinkt der Sonnenball
in den Wogen, Gold glänz liegt auf seinen Strahlen, auf
dem Meer und Goldglanz umgiebt den süßen Leib des
Weibes. Ein großer symphonischer Zug geht durch das
Bild, wie Naturwildheit, die von der Harmonie gebändigt
und geglättet wurde. •»•

Voll Naturtreue und herzerfreuender Wahrhaftigkeit
ist das Selbstporträt des Malers, der mit der Palette
in der Hand uns anschaut mit den großen treuen und
guten Künstleraugen. Hinter den hohen Stämmen halten
links zwei Jünglinge zu Pferde, rechts schwingt sich
ein Mädchenringelreihen. Im Glaspalast waren voriges
Jahr in der Thomaausstellung ein paar Bilder ausgestellt,
die ähnliche Motive enthielten, und der verwandtschaft-
liche Zug mit dem genialen Hans von Marees, der aus
einer gewissen gleichen Organisation der beiden Künstler
resultirt, wird bei ihnen besonders deutlich. Man denkt
an Marees' Hesperiden und Jünglingsbilder. Auch die
Vorliebe für die große Wandfläche, das dekorative
Talent für das Fresko ist sowohl Marees wie Thoma
gemeinsam.

Doch nun zu den religiösen Blättern, in denen
sich die ganze köstliche Innerlichkeit, der „verschlossene
heimliche Schatz" seines Herzens offenbart, und die den
volkstümlichen deutschen Gehalt in den Passionsscenen
Dürer's oder Cranach's mit tragischer Größe vereinen.
Ein liebliches, inniges Idyll ist die „Heilige Familie",
die auf der Flucht eingeschlafen ist. Trotz der niedrigen
flachgedeckten palästinensischen Häuser ist die Land-
schaft echt deutsch.

Blaugrau im Ton mit weißen ausgesparten Lichtern,
die Linien voll einfacher Größe, so ist das Blatt „Christus

| am Ölberg". Der Schmerz, die Hingebung und seelische
Vertiefung in der Christusgestalt, die da mit gefalteten
Händen kniet, ist von ergreifender Schönheit.

Eine häufig wiederholte (unter andern auch im
Berliner Museum befindliche) Beweinung Christi voll er-
greifender Herbheit und Größe, die man Bellini zuschreibt,
kommt mir in Erinnerung, betrachte ich den von zwei
Engeln gehaltenen „Leichnam Christi". Nicht als ob
ich die Bellini'sche Darstellung als Vorbild bezeichnen
wollte, die Ähnlichkeit liegt neben der kühnen Ver-
kürzung des Leichnams vor allen Dingen in der großen
tragischen Einfachheit des Stils. Es fehlt jeder Hinter-
grund. Der Himmel, in dem ein paar Sterne funkeln,

j das All, ist zum Schauplatz gemacht, bei Bellini sowohl
wie auf dem Thoma'schen Blatte.

Alle diese kostbaren Blätter umgiebt eine große
Leinwandmappe, auf der als Titel eine Zeichnung ein-
gepresst ist, welche die kosmische Phantasie verkörpert und

I aus demselben Geiste heraus entstanden ist, wie Dürer's
„Melancholia". Vier quadratische Pfeiler mit aufwachsender
Sonnenblume als Ornament tragen vier zu einem Qua-
drat vereinigte Deckbalken. Das Auge Gottes in der
Höhe sendet viel leuchtende breite Strahlen nach den
Eckpunkten dieses Quadrats, und so entsteht ein Giebel.
In der Pfeilerhalle ruht ein vielseitiger, durchsichtiger
geometrischer Körper, den ein reizender in demselben
stehender Engel mit einer Balancirstange in der Hand
dadurch zum Hin- und Herrollen bringt, dass er auf
die verschiedenen Flächen tritt. Um den Körper auf

: dem Boden schlingt sich eine Schlange, die sich in den
Schwanz beißt; an letzterem hängt der Schlüssel zu
einer verschlossenen Schublade im Sockel der Halle.
Reifen köstlichen Herbstsegen symbolisirt das aus
Äpfeln gebildete Ornament auf der Vorderseite dieser

■ Schublade. Das Ornament um das Schlüsselloch bildet
das bekannte Monogramm des Künstlers. Die großartige
dekorative Begabung Thoma's spricht beredt aus diesem
Titelblatt.

Max Klinger hat in seinem kostbaren Werkchen
„Malerei und Zeichnung" die Grenzen und Aufgaben,
den Inhalt der „Griffelkunst" mit genialer tiefer Einsicht
aufgezeichnet. Thoma's Blätter sind klassische Beispiele
der Griffelkunst Die Fülle der wahren, echten Empfin-
dungen, die in erster Linie national und volkstümlich
sind, die einen starken ethnologischen Duft in sich tragen,
die Masse der Eindrücke, der Erinnerungen und Vor-
stellungen dokumentiren mit unleugbarer Sicherheit den
künstlerischen Wert der Blätter. Deutsche Minne,
deutsche Liebe und Frauentreue, Lehenstreue werden
in uns wach. Dazwischen ertönt Schwerterklang, Wal-
kürenruf und die ernste Majestät des „Eine feste Burg
ist unser Gott". Der lichte Balder lacht in dem Früh-
lingsmorgen uns entgegen, der kühne Hutten zieht gegen
die Dunkelmänner, und dann glauben wir wieder Gott-
fried Keller's Worten zu lauschen. Wir wandern zurück
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