Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Studien in der Schleißheinier Gemälde - Galerie.

STUDIEN IN DER SCHLEISSHEIMER
GEMÄLDE-GALERIE.')

VON FR. HAACK.
L Alte niederländische and niederdeutsche Maler.
2—4. Niederdeutsch um 1500.
Die drei Tafeln haben, wie der Katalog sagt, einen Altar
gebildet. Es ist auch möglich, dass sie aus einer Maler-
werkstätte herstammen. Jedenfalls rühren aber die beiden
Flügel von einer anderen Hand her als das Mittelbild. Die
Flügel zeigen einen fortgeschritteneren Stil, rundere,
bessere Modellirung besonders des Nackten, eckigere und
entschiedenere Faltenbehandlung, eine naturwahrere Auf-
fassung der landschaftlichen Gründe, eine andere Färbung
z. B. des goldblonden Haars der Maria, überhaupt einen
ganz anderen Madonnentypus. Die Mutter Gottes des
Mittelbildes hat ein lieblich anmutig rundliches Köpfchen.
Die Maria, welche die Stifter beschirmt, scharf markirte
eckige Gesichtszüge. Sogar der Heiligenschein ist ver-
schieden gegeben. Auf dem Mittelbild, das sich über-
haupt durch eine flächenhafte Behandlung auszeichnet,
ist er nur eine flache Scheibe; auf den Flügeln, auf
denen das Streben nach reliefartiger Modellirung erkenn-
bar ist, besteht auch der Heiligenschein aus einer
Scheibe mit fünf erhabenen Eingen. Endlich zeigt nur
das Mittelbild Goldgrund, in Summa erinnert dieses
letztere noch leise an die träumerisch weiche Auffassung
des Stephan Lochner, besonders in den lieblichen Engels-
figürchen, für die Flügel ist dagegen das Streben nach
naturwahrer Erfassung des Lebens im Geiste der Nieder-
länder charakteristisch. Die ausgeführte Verschieden-
artigkeit ließe sich vielleicht daraus erklären, dass das

1) Anfangs des Jahres 1896 erhielt ich von der Direktion
der k. bayer. Staats-Gemälde-Galerieen den Auftrag, ausführ-
liche Beschreibungen der in der Schleißheinier Sammlung
befindlichen Bilder anzufertigen. Diese Beschäftigung bot
mir die beste Gelegenheit, auch die künstlerische Bedeutung
und die kunstgeschichtliche Stellung der einzelnen Gemälde
eingehend zu studiren. Kunstwissenschaftliche Entdeckungen
ersten Ranges dabei zu machen, war freilich von vornherein
ausgeschlossen, denn die Bilder sind bereits von A. Bayers-
dorfer bestimmt. Immerhin bin ich bei meinen Unter-
suchungen zu dem Resultat gelangt, dass man einige Bilder
enger einkreisen kann, dass man andere völlig anders be-
stimmen muss, als dies in dem von A. Baycrsdorfer ver-
fassten und bei Knorr und Hirth, München 1885 erschienenen
„Verzeichnis der in der Königlichen Galerie zu Schleißheim
aufgestellten Gemälde" geschehen ist Die Ergebnisse meiner
Untersuchungen würden — insofern sie die Bestätigung durch
die Direktion der Gemälde-Galerieen gefunden hätten —
eigentlich in eine neue umgearbeitete Auflage des Katalogs
gehören. Da aber die jetzige voraussichtlich erst in mehr
denn zehn Jahren vergriffen sein wird, veröffentliche ich meine
Untersuchungen schon jetzt und an dieser Stelle. Bei meinen
Bilderstudien in Schleißheim ist mir Wilhelm Schmidt in
freundschaftlichster Weise zur Seite gestanden. Es drängt
mich daher, ihm auch hier meinen aufrichtigen Dank aus-
zusprechen.

Mittelbild von einem bejahrten, die Flügel dagegen von
einem jugendlichen Gesellen derselben Werkstatt aus-
geführt worden sind. — Dasjenige Bild, welches im Katalog
als Rückseite von 4 aufgeführt wird und auch in der
Galerie als solche fungirt, bildet iu Wahrheit die Vorder-
seite: „Die hl. Lucia mit der Stifterin" entspricht näm-
lich in der ganzen Komposition genau der Vorderseite
von 3: „Maria mit dem Kinde, unten der Stifter ', wie
auch die angebliche Vorder- und thatsächliche Rückseite
von 4: „Der hl. Benedikt" das Gegenstück zu der Rück-
seite von 3: „Der hl. Bernhard•' bildet. — Übrigens
ist die hl. Lucia gegenständlich interessant als ein in
der mittelalterlichen Kunst äußerst seltenes Beispiel einer
weiblichen Halbaktfigur.

0~ll. Kölnisch um 1530. Schule des Meisters
vom Tode Maria.
Nr. 11 besitzt eine große stilistische Verwandt-
schaft mit den Originalgeniälden des Meisters, vom
Tode Maria in der Münchener Pinakothek, Nr. 55 — 57,
besonders in der Landschaft. In der Abtönung der
schönen duftigen Fernsicht: im dunkleren Ton des
Mittelgrundes gegenüber dem hellen blaugrünen Ton
des Hintergrundes. Ebenso im Aufbau der Landschaft:
in der Gesamtanordnung der Massen; in dem Vorder-
grundsbaum, der die ganze Landschaft überschneidet; in
dem einzelnen schroff emporragenden Felsen; in der Burg,
die sich in dem See erhebt. Ferner weist der knittrige,
bauschige Wurf der Gewänder die größte Ähnlichkeit
auf. Andererseits zeigt das Schleißheinier Bild Nr. 11
auch große Verwandtschaft mit dem Münchener Schul-
bild Nr. 59 und der Schulkopie Nr. 58. Auch hier
findet sich dieselbe äußerst charakteristische Art des
Faltenwurfs. Sodann zeigen sowohl die Maria auf dem
Münchener Bilde Nr. 59 als auch die Maria des Schleiß-
heinier Bildes denselben, in der Höhe der Ohren auf-
fallend breiten und am Kinn ganz spitzen Kopf. Der
Johannes des Schleißheinier Bildes zeigt ferner die
größte Verwandtschaft mit dem Johannes des Münchener
Kreuzigungsbildes. In der Art, wie sich die Haare um
das Haupt kräuseln; in dem naturalistischen Hervortreten
der Halsmuskeln; überhaupt in der ganzen Kopfbildung.
Endlich sind auch die beiden Christusfiguren sehr ähn-
lich. Es äußert sich dies in der gesamten Körperbildung;
in der Art, wie das Schamtuch vorn in der Mitte zu-
sammengeknotet ist; in dem dürftigen, am Kinn geteilten
Bart; hauptsächlich aber in dem geöffneten Mund. Auch
bei den beiden Münchener Schulbildern kehren der Vorder-
grundbaum, der einzelne Felsen und das Schloss im See
wieder. Dagegen ist die Fernsicht nicht so duftig und
die Abtönung zwischen Mittel- und Hintergrund nicht so
entschieden ausgesprochen. Überhaupt steht das Gemälde
in Schleißheim den Originalen näher als die Münchener
Schulbilder. Auf alle Fälle gehört es in den Schul-
zusammenhang mit dem Meister des Todes Mariä.
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