Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Die Große Kunstausstellung in Berlin. L

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Studien von allerlei Leuten aus der vornehmen Gesell-
schaft und aus dem Volk bietet, zumeist in Kirchen und
bei Kirchenfesten, wobei sich das Leben im Süden am
mannigfaltigsten, wenn auch nicht gerade am freiesten
offenbart. Wenn Benlliure y Gil schon der Mann ist,
auch bei dieser Gelegenheit bewussten und unbewussten
Heuchlern die Maske vom Gesicht zu ziehen, so thnt das
Villegas noch mehr, der überhaupt größer veranlagt ist.
Auch ihm ist das höchste Maß koloristischer Wirkung
eine selbstverständliche Nebensache. Aber die Charak-
teristik seiner Figuren nimmt stets einen Anlauf zum
großen Stil. Jede Charakterstudie ist ihm schon in ihrer
Anlage ein Material zu einem seiner großen Bilder aus
der italienischen (venezianischen) oder spanischen Ge-
schichte. Er sieht im Kleinen, selbst bei architekto-
nischen und landschaftlichen Studien, immer bereits das
Große, das sich aus einer solchen Studie entwickeln
könnte, und so gewinnen selbst Interieurs von kleinem
Umfange, Kirchenwinkel, Chorgestühle u. dgl. m. durch
ihre großartige, einfache Behandlung ein Interesse, das
man sonst derartigen Vorarbeiten nicht zu schenken
pflegt. Aus diesem Ernst der Auffassung entspinnen
sich wieder Fäden, die trotz eines scheinbar radikalen
Risses von den modernen Spaniern doch zu den Klas-
sikern des 17. Jahrhunderts zurückführen.

Wir haben schon in einem kurzen Vorberichte ge-
sagt, dass die Sonderausstellungen eine, vielleicht die
einzige charakteristische Eigenschaft der Berliner Aus-
stellung von 1897 bilden. Schade nur, dass die meisten
dieser Sonderausstellungen bloß Repetitorien in einem
Kursus der modernen Kunstgeschichte sind. Das gilt
ebensowohl von Karl Becker wie von Max Liebermann,
die wir als die entgegengesetzten Pole unter diesen Aus-
stellern zuvörderst nennen. Obwohl Karl Becker trotz
seiner 76 Jahre immer noch fleißig schafft, gehört sein
Lebenswerk bereits der Geschichte an, streng genommen
nur der lokalen Geschichte der Berliner Kunst, für die
es aber mehrere Jahrzehnte hindurch von großer Be-
deutung gewesen ist. Er war auch einer der Bahn-
brecher so gut wie Liehermann, nur hat sein Beispiel
auf seine Zeitgenossen einen ungleich stärkeren Ein-
fluss geübt, als er bisher Liebermann trotz seiner zahl-
reichen Vermittler zwischen seiner Kunst, den Künst-
lern und dem Publikum beschieden war. Wir wollen
abwarten, ob es ihm nach dieser Sonderansstellung ge-
lingen wird, die wohl die meisten hervorragenden Werke
seiner letzten Jahre — darunter den „Gottesdienst in
der Buchenhalle in Kösen", das „Altmännerhaus in
Amsterdam", die „Konservenmacherinnen", das „Mün-
chener Bierkonzert" und einige neue Bilder, über 60 Öl-
gemälde und -Studien, Aquarelle, Pastelle, Zeichnungen,
Radiruugen und Lithographieen — enthält. Die farbigen
Bilder hat er in einem besonderen Räume ausgestellt,
den er nach den neuerdings in mehreren öffentlichen
Sammlungen erprobten Grundsätzen besonders stim-

mungsvoll ausgestattet hat. t ber einem niedrigen Pa-
neel von rotbraunem Holz sind die Wände mit oliven-
farbenem Stoff bespannt, und von gleicher Farbe ist
auch der Fußteppich. Unterhalb des Deckengesimses
zieht sich ein plastischer Fries von Guirlanden zwischen
Widderköpfen hin, und das grelle Oberlicht ist durch
straffgespannten leichten weißen Stoff abgedämpft. Die
Bilder und Studien sind mit großem Raffinement so
placirt, dass sie einander in ihrer Wirkung steigern
oder ergänzen. Das Gesamtbild Liebermann's ist so oft
in diesen Blättern von verschiedenen Seiten gezeichnet
worden, dass wir auf eine Erneuerung um so eher ver-
nichten können, als die Sammelausstellung keine neuen
Züge zur Erweiterung oder Vertiefung seines künst-
lerischen Charakters bietet.

Ein Gleiches gilt von der Sonderausstellung des
äußerst produktiven Ludwig Bettmann, dessen bisweilen
an Liebermann anklingende und dann wieder völlig
selbständige, modern-romantische Richtung erst kürzlich
in der „Zeitschrift" ausführlich geschildert worden ist.
Neu ist für uns, dass er sich wie Klinger und einige
andere der neueren Künstler auch mit der Plastik be-
schäftigt, freilich in einem so ausgesprochen malerischen
Sinne, dass sein bemaltes Thonrelief, das die Heimkehr
des verlorenen Sohnes darstellt, mit der Plastik eigent-
lich nur das den Grund für die Malerei bildende Ma-
terial gemeinsam hat.

Aber nicht bloß das Ausland, sondern auch mehrere
deutsche Kunstcentren, auf die Berlin stets mit Sicher-
heit zählen durfte, haben sich an unserer Ausstellung so
schwach beteiligt, dass z. B. von einer würdigen Ver-
tretung der Düsseldorfer Malerei nicht die Rede sein
kann, von München ganz zu schweigen, dessen Künstler
schon seit Jahren nur noch auf besonders dringende Ein-;
ladungen mit Kollektivausstellungen in Berlin erscheinen.
In diesem Jahre ist nur meist geringe Marktware zu
sehen. Doch haben sich wenigstens die drei Zeichner
der „Fliegenden Blätter", E. Harburger, Adolf Hengeler
und Ii. Reinicke mit Sonderausstellungen allerdings meist
bekannter Blätter beteiligt.

Wir haben es also wesentlich mit einer speeifisch
Berlinischen Kunstausstellung zu thun, und die Berliner
Künstler haben auch alle Anstrengungen gemacht, um
in dem überaus heißen Kampfe dieses Jahres wenigstens
mit Ehren zu bestehen. Wenn es ihnen gelingen wird,
auf einem Sondergebiete der Kunst sich besondere Ach-
tung zu erringen, so wird es auf dem der Plastik sein,
auf dem einige jüngere Talente mit hervorragenden
Schöpfungen aufgetreten sind.

ADOLF ROSENBEIiG.
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