Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Bücherschau.

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stärke der Sammlung;; unter Bronzen und Emailwerken sind
wahre Perlen. Auch die schönen Porzellan-Gruppen des
vorigen Jahrhunderts sind in gewählten Stücken ver-
treten, und die Nadelkunst weist vortrelt'liehe Stücke auf.

Die Lichtdrucktafeln gehen, vermöge einer sehr
glücklichen Tönung, so vortreffliche Bilder, wie es nur
in seltenen Fällen gesagt werden kann. Hier verdient
anerkennend hervorgehoben zu werden, dass die ärger-
lichen Zwischenlagen von sogenanntem Seidenpapier durch
einen glatten, aber kräftigen Normal-Papierstoff ersetzt
sind, eine Anordnung, die direkt zur Nachahmung zu
empfehlen ist.

Wie begreiflich ist, sind in der Bestimmung die An-
nahmen des Besitzers maßgebend gewesen, so dass es un-
benommen bleibt, an der Hand der Abbildungen selbst
sich andere Anschauungen zu bilden. Wenn bei der
höchst kostbaren Limoges-Tafel von J. Penicaud dar-
auf großes Gewicht gelegt wird, dass sie in der An-
ordnung der kleinen Passion von Dürer'folgt, so be-
weist es, welchen Wert man in jener Zeit auf den Namen
des deutschen Meisters legte; dabei haben sich aber die
Herren Limousiner als recht geringe Zeichner erwiesen
und eigentlich auf den Namen Dürer's gesündigt. Bei
der nicht systematischen Aufzählung ist es stellenweise
nicht ganz leicht, zu den Tafeln den textlichen Beleg
aufzufinden. Eigentlich hätte man von dem Fachmann
eine streng fachmännische Katalogisirung erwarten sollen,
nachdem der Besitzer die orientirenden Gesichtspunkte
gegeben hatte. Die „Kollektion Spitzer" war in dieser
Hinsicht vorbildlich. Wo so große Mittel, wie im vor-
liegenden Fall, in Bewegung gesetzt wurden, durfte die
wissenschaftliche Beschreibung durch vollständige Mit-
teilung aller Inschriften, Nachbildung von Signaturen,
Künstlermarken, Meister- und Beschauzeichen erschöpfend
wahrgenommen werden. Ein in solch monumentaler
Erscheinung auftretender Katalog hat die Aufgabe,
einen wohlgerichteten Baustein zur Kunstforschung zu
liefern. Die Bildtafeln geben allerdings dem Kunst-
freunde wie dem Forscher vortreffliches Anschauungs-
material an die Hand; die autotypischen Textabbil-
dungen stehen kaum auf der gleichen Höhe. Was der
hochsinnige Besitzer selbst zu geben beabsichtigt hat,
ist dabei reichlich erfüllt. Sein künstlerisches Glaubens-
bekenntnis, das er in dem Worte von Lavater zusammen-
fasst: „Jeder Sinn für das Schöne, den in uns ein
gütiger Gott legt, ist dem Weisen ein Strahl seines
göttlichen Bildes", legt Zeugnis dafür ab, welch hohe
Anschauungen ihn auf den Pfaden des Sammlers begleitet
haben. Die Beurkundung vollzieht er schließlich in der
vorliegenden, benevolen Stiftung. d—r.

BÜCHERSCHAU.

M. Guggenheim: Le Cornici italiane — dalla metä
del XV. secolo allo scorcio del XVI. — con breve
testo riassuntivo intorno alla storia ed all' iinportanza

delle oorniei. — 100 tavole, 120 cornici. ü. Hoepli, edi-
tore, 1897.

Der in Venedig wohlbekannte, intelligente und streb-
same Antiquar Michelangelo Guggenheim, der Besitzer und
Bewohner des stolzen Palazzo Balbi am Canal Grande, hat
ein gar merkwürdiges und beachtenswertes Album in ge-
nanntem Werke veröffentlicht: in 100 einzelnen, abgelösten
Blättern 120 verschiedene Modelle von ausgewählten italie-
nischen Rahmen aus der angegebenen Zeit, in chronolo-
gischer Ordnung dargestellt. Es ist dies wohl das erste Mal,
dass ein derartiges, in seinem Bereiche nahezu vollständiges
Unternehmen ausgeführt worden, und es ist anzunehmen,
dass es in der Kunstwelt sowohl wegen des belehrenden In-
haltes als wegen seiner praktischen Nützlichkeit mit all-
gemeiner Anerkennung aufgenommen werden wird. Sollte
man auch streng genommen über die Wahl der Modelle
einige Einwürfe zu machen haben und bisweilen für die
Verwendung derselben in der thatsächlichsten Nachbildung
einen größeren Maßstab und eine reinere Ausführung der
Lichtdrucke sich wünschen, so ist doch im Ganzen die
Arbeit gut ausgeführt, und es liegt damit ein solcher Schatz
musterhafter Stücke der dekorativen Kunst vor, dass man
sich schließlich zu verwundern hat, wie ein so reichhaltiges
Sammelwerk für den verhältnismäßig niedrigen Preis von
50 Lire geliefert werden konnte. Dass es übrigens das
Ergebnis jahrelanger Bemühungen seines Autors ist, womit er
das bezügliche Material zu sammeln sich bestrebte, kann
auch nijht irgend jemanden verwundern. Zur Erreichung
des vorgesetzten Zieles hat er aus allen Ländern, und zwar
sowohl in Privatsammlungen als in öffentlichen Museen
und Kirchen sich die Vorlagen ausgesucht und dieselben
photographisch aufnehmen lassen. Für die Wiedergabe der
Aufnahmen in Lichtdruck bediente sich der Verf. der be-
währten Firma C. Jaeobi in Venedig, während dem ein-
sichtsvollen Mailänder Verleger die Sorge für die Heraus-
gabe des Bandes überlassen wurde. In seinem kurzgefassten
Texte betont Herr Guggenheim mit Recht, wie verhängnis-
voll für den ursprünglichen Einklang der Gemälde aus den
vergangenen Jahrhunderten mit ihren Rahmen die Zeit Na-
poleons I. mit dessen bekannter Gewaltthätigkeit gewesen,
und wie viel Wertvolles bei der Hast der Raubgier zer-
trümmert oder verschleudert worden, während dann auch
die Änderung des Geschmackes im allgemeinen bewirkte,
dass die Bilder mit neuen, mehr oder weniger willkürlichen
Einfassungen versehen wuiden. Demnach sind es heutzutage
fast nur Ausnahmen, wenn man die ehrwürdigen Pro-
dukte unserer alten Maler in ihrer harmonischen Zusammen-
stellung mit den ursprünglichen Rahmen noch vorfindet.
Diese Ausnahmen aber sollten Maler und Sammler auf die
Wichtigkeit der richtigen Einrahmung alter Bilder hinweisen.
In gewissen Galerieen ist man jetzt ebenso wie auf Erwerbung
neuer alter Meisterwerke der Malerei auf Ankauf alter guter
Rahmen bedacht. Da die Zahl der erhaltenen guten Stücke
aber sehr beschränkt ist, so kann eine Sammlung, wie die
vorliegende, vortrefflich dienen, gute Nachahmungen alter
Musterstücke anfertigen zu lassen. Es ist z. B. dem Schreiber
dieser Zeilen bekannt, dass bereits mehrere Mailändische
Sammler aus dem Schatz des vorliegenden Albums geschöpft
haben. Sie geben die Guggenheim'schen Vorlagen geschickten
Handwerkern zur Ausführung, um ihre Gemälde auf würdige
Weise einrahmen zu lassen. Dies Bestreben unterstützt die
vorliegende Sammlung insbesondere dadurch, dass sie die
alten Vorbilder nicht nur in chronologischer Folge geordnet
wiedergiebt, sondern auch die in den verschiedenen Regionen
Italiens vorkommenden Typen ausdrücklich angiebt und zu-
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