Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.
Ankündigungsblatt des Verbandes der deutschen Kunstgewerbevereine,

HERAUSGEBER:

CARL von LÜTZOW und Dr. A. ROSEN BERG

WIEN BERLIN SW.

Heugasse 58. Yorkstraße 20.

Verlag von SEEMANN & Co. in LEIPZIG, Gartenstr. 17. Berlin: W. H. KÜHL, Jägerstr. 73.

Neue Folge. viii. Jahrgang. 1896/97. Nr. 13. 28. Januar.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur „Zeitschrift für bildende Kunst" und zum „Kunstgewerbeblatt" monatlich dreimal, in den
Sommermonaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der „Zeit-
schrift für bildende Kunst" erhalten die Kunstchronik gratis. — Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden,
leisten .Redaktion und Verlagshandlung keine Gewähr. Inserate, ä 30 Pf- für die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Verlagshandlung
die Annoncenexpeditionen von Haasenstein & Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

moderne kunst in florenz.

VON ERNST STEINMANN.
(Schluss.)

Unter den Aquarellisten, denen zwei Säle für sich
eingeräumt sind, wird wohl Sartorio den Preis davon-
tragen, der hier zum ersten Mal dem Publikum die Früchte
seiner Studien in Weimar vorlegt. Wie eine Bücker-
innerung an die von ihm so tiefinnig erfasste Campagna
di Roma mutet uns „der Abend in Wallendorf" an, wo
italienische Farbenglut sich mit der schlichten, fried-
vollen Schönheit des deutschen Flachlandes verbindet.
Nicht minder ansprechend ist das wogende Kornfeld ge-
schildert, über welches sich ein tiefblauer Himmel aus-
spannt, und das Krafthaus in Nürnberg und der Park
von Veitshochheim. Die Römer Petiti und Roesler haben
sich augenscheinlich nach Sartorio gebildet und sehr
Tüchtiges geleistet; als Porträtisten zeichnen sich Vitel-
leschi, Salvetti und vor allem Giorgio Kienerk aus.

Einige Bronzen und Skulpturen sind ebenfalls noch
in den unteren Räumen verteilt, unter ihnen mehrere
treffliehe Porträtköpfe von Cifariello, Romanelli, Bortone,
Fantacchiotti, u. a. ein reizender Mädchenkopf von Cesare
Reduzzi aus rötlichem Marmor eine Ophelia von Trenta-
Coste und Adolf Hildebrandt's neuestes des großen
Namens würdiges Werk, die nahezu lebensgroße Bronze
des Marsyas.

Schreitet man die Treppe zum ersten Stock empor,
so trifft das Auge zuerst einige interessante Radirungen
Signorini's aus dem alten, heute zerstörten Florenz.
Links daneben in einem kleineren Raum hängen Stefano
Ussi's interessante, auf Cigarrenholzbrettern entworfene
Studien aus Ägypten, deren Schönheit die schweren
schwarzen Holzrahmen arg beeinträchtigen. Hier oben
begegnen uns auch zum ersten Mal zwei der besten

Forträtmaler von Florenz, Edoardo Gelli und Vittorio
Coreos. Der erstere, im Ausland bekannt durch ein Porträt
des Kaisers Franz Joseph, gefällt besonders durch das
feine, anmutige Profilbildnis einer jungen Engländerin
in vornehmem Promenadenkostüm, Cercos hat den Litte-
raten Ernesto Masi mit packender Lebenswahrheit ge-
schildert und überdies das höchst originelle, aber etwas
herausfordernde Bildnis einer jungen Dame ausgestellt,
die, ein rechtes Kind der Zeit, mit drei gelben Bänden
der französischen Romanlitteratur bewaffnet, sich für ein
angenehmes Nachmittagstündchen auf einer Gartenbank
niedergelassen hat. Tito Lessi lieferte in dem mit
miniaturartiger Feinheit ausgeführten Bildchen „une
lecture chez Piron" ein reizendes Sittenbild des Rokoko,
Domenico Morelli endlich, um mit einem der größten
modernen Künstler Italiens zu schließen, hat in einer
meisterhaft behandelten, düster phantastischen Kirchhofs-
scene Erinnerungen aus der Kindheit Tagen Ausdruck
verliehen.

Ist von den italienischen Künstlern nur hier und
da in Landschaftsschilderungen ein gutes Mittelmaß über-
schritten worden, so hat das Ausland einige wirkliche
Meisterstücke geliefert. England und Frankreich machen
sich die Palme streitig, das Beste, was in Deutschland
geleistet wird, ist leider in Florenz nicht zu finden.
Und doch ist die Auswahl in diesem Jahre weit glück-
licher getroffen, als vor bald zwei Jahren in Venedig.
Max Liebermann und Reinhold Lepsius sind durch sehr
tüchtige Leistungen vertreten, daneben sieht man Arbeiten
von Skarbina, Uhde, Dill, Alexander Brendel. Müller-
Coburg, Gude, Becker, Leistikow, Franz Stuck und Leon
Samberger. Max Liebermann's „Arbeiter vom Land", ein
Werk voll herber Charakteristik, hat den Ehrenplatz
erhalten, den der Schöpfer des in Venedig preisgekrönten
Bildnisses von Gerhard Hauptmann beanspruchen durfte;
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