Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Architektonische Wettbewerbe.

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Stephaiisdom zu Wien, welche Vereinigung in der Folge
zu der Erwerbung der Kronen von Böhmen und Ungarn
und dadurch zur Großmachtstellung der jüngeren habs-
burgisclien Linie führte. Von Einzelheiten absehend,
muss man vor dieser Eiesenleinwand staunen, wie der
Maler so viel äußerliches Gepränge so gut hat bewältigen
können. Auch in zahlreichen kleineren Arbeiten erkennt
man überall das ehrliche Eingen des tüchtigen verdienst-
vollen Künstlers. Von den deutschen Landschaftern sind
Kollektionen Carl Heffner's und Ludwig Oettmann's aus-
gestellt, die nichts wesentlich Neues umfassen. Trotz
Heffner's stimmungsvollen Motiven darf man mit keinem
allzu scharfen Maßstab an dieselben herantreten; sie ver-
raten nur zu bald, wie viel „Rezept" und welch ein
bescheidenes Maß wirklicher gewissenhafter Natur-
beobachtung in ihnen steckt. Im oberen Saal sind
Hermann Vogcl's, des Mitarbeiters der „Fliegenden",
Zeichnungen und Skizzen ausgestellt. Er tritt in die Fuß-
tapfen von Carl Gehrts, und Meister Moritz von Schwind
hat ihn begeistert. Manchmal naht er sich diesem auf
wenige Schritt, scheint ihn beinah — doch nicht ganz
— zu erreichen. Eigene Töne hat er weniger, am
meisten in den Blättern aus dem Skizzeubuch.

Endlich sei auf die 7%/ie>--Ausstellung hingewiesen.
Wenn hier der teils aus dem Nachlass des Verstorbenen,
teils aus Privatbesitz zusammengestellten Sammlung erst
am Schluss gedacht wird, so geschieht es gewiss nicht
aus Mangel an Pietät für den beliebten Künstler und
Menschen, dessen Andenken ohne unser Zuthun ein
bleibendes sein wird. Am 25. Oktober 1844 geboren,
überraschte ihn am 16. April dieses Jahres ein plötz-
licher Tod und riss den noch nicht Zweiundfünfzigjährigen
mitten aus seinem fruchtbaren Schaffen heraus. Was
er uns hinterlässt, ist keine ganze Lebensarbeit und
dennoch vollauf hinreichend, um uns zu überzeugen, dass
sein Mühen und Bingen, Wollen und Vollbringen kein
vergebliches war. Bei früheren Anlässen ist in dieser
Zeitschrift Tilgners Bedeutung — seine Stärken und
seine Schwächen — eingehend gewürdigt worden. WTenn
man jetzt zwischen den Reihen von Porträts im Künstler-
hause hindurchgeht, von der Büste des einfachen Bürgers
bis zu den Mitgliedern des Kaiserhauses, so erkennt
man aufs Neue, wie er hier sein Bestes zu geben ver-
mochte. Und unter diesem Eindruck wollen wir gerne
bleiben; denn er ist stark genug, um ihn zu behalten —
stark genug, um uns zu überzeugen, dass man auch von
diesem Dahingegangenen nur Gutes reden soll. —nn.

ARCHITEKTONISCHE WETTBEWERBE.

Wettbewerb und kein Ende! — Nicht voreilig, es
soll sich hier nicht um den unlauteren Wettbewerb,
diesen Schrecken des viel geplagten Zeitungslesers han-
deln, der ihn oft unwillig sein Blatt aus der Hand legen
lässt, sondern um den redlichen, ehrlichen Wetteifer in

dem Streben nach dem Vollkommenen. Bei keiner der
Künste hat das Wesen dieses Wetteifers der Wett-
bewerber eine so weitgehende Ausbildung erfahren wie
in der Architektur. Nicht zum Nachteil derselben, denn
wohl dem Wettkampf der einzelnen Kräfte zumeist ver-
danken wir den heutigen hohen Stand des Könnens.
Es dringt wenig in das große Publikum, welche Un-
summe von Arbeit von den deutschen Künstlern, den
deutschen Baumeistern geleistet wird, welche Fülle von
künstlerischen Ideen, von neuen Gedanken geboren und
geboten wird. Die Bauherren, Private wie Behörden,
machen natürlich bereitwillig von den ihnen angebotenen
Kräften Gebrauch. Von Jahr zu Jahr steigert sich die
Zahl der Bauwerke, zu denen die Entwürfe auf dem
Wege des Wettbewerbs gewonnen werden, und nament-
lich die Städte sind es in neuerer Zeit, die den für sie
so vorteilhaften Wettkampf der künstlerischen Kräfte
Deutschlands sich für die Entwürfe ihrer größeren Bauten
nutzbar machen. Den bedeutenden Wettbewerben des
vorigen Jahres und früherer Jahre um Entwürfe für
Rathäuser für die Städte Elberfeld und Stuttgart folgte
im vorigen Jahr das Preisausschreiben für ein Rathaus
in Hannover. Eine verlockende Aufgabe, viel bedeut-
samer als die vorhergehenden, war hier den Künstlern
gestellt; handelte es sich doch hierbei nicht nur um den
Entwurf eines großartigen städtischen Baues einer Groß-
stadt, sondern auch, und das sogar in erster Linie, um
die Idee zur Stellung des Rathauses und zur Gestaltung
des ganzen Geländes, auf welchem sich bereits ein
Monumentalbau befindet, das sogenannte Kästnermuseum,
und ein zweiter demnächst zur Ausführung gelangt, das
Provinzialmuseum. Zu diesen beiden Bauwerken waren,
nebenbei bemerkt, ebenfalls zum einen früher, zum andern
im vorigen Jahr die Entwürfe auf dem Wege des Wett-
bewerbs erlangt worden. — Die Stadt Hannover rückt
ihr neues Rathaus hinaus aus dem engen Gewirr der
Straßen, sie setzt es an einen Park, den schönsten Teil
Hannovers, die sogenannte Masch. Hier soll es in der
Landschaft und zugleich mit den beiden Museen wirken,
großartige Architektur in reizvoller Natur. Den be-
werbenden Künstlern war volle Freiheit für ihre Ge-
staltungskraft gegeben, eine Aufgabe, die wohl die
Meister vom Fach anzulocken geeignet war. Nach den
Entwürfen zu urteilen sind sie reichlich vertreten ge-
wesen, wenn auch nicht alle der 53 Bewerber zu ihnen
zu zählen waren. Das Ergebnis des Wettbewerbs ist
durch die Tagespresse ja längst bekannt. Der Sieger
im Kampf für die Entwürfe zu dem Provinzialmuseum,
Prof. Stier in Hannover, stand auch hier in erster Linie,
ihnen folgen die Meister Architekt Kösser in Leipzig,
Seeling in Berlin, 0. Schmidt in Dresden, Klingenberg
in Oldenburg und Geh. Baurat Eggert in Berlin, in der
Reihenfolge, in der die Preisrichter die einzelnen Ent-
würfe auszeichneten. — Wie mannigfaltig sind bereits
die Ideen, die sich in Grundriss und Fassaden bei den sechs.
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