Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Bücherschau.

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Der älteste erhaltene Liebesbrief, 2500 Jahr v. Chr.,
enthaltend einen Heiratsantrag an eine ägyptische Prin-
zessin und auf eine Ziegelplatte gesehrieben, wurde
kürzlich entziffert. Endlich ist ein sehr großer Skarabäos
aus grünem Jaspis zu verzeichnen, der teilweise mit Gold
überzogen und beschrieben ist mit Kapitel XXX aus
dem Totenbuch. Wie grausam- und mit welcher Ironie
hat das Geschick die Personen dieser Gewaltigen und
Großen behandelt, die sich nach ihrem Tode allen Blicken
entziehen wollten, und deren Mumien nunmehr zu einem
Handels- und Auktionsobjekte geworden sind und in den
öffentlichen Galerieen von jedermann betrachtet werden
können! Da, wo die Thore der Unterwelt sich öffneten,
an düsterer Stelle wollten die Könige ihre Buhestätte
haben! Einsame, abgeschiedene und fest verwahrte Orte,
deren Natur der Stille des Grabes entsprach, sollten die
Toten vor Störung und die Gräber vor Entweihung
schützen; weder die Gewalt der Natur noch der Wille
des Menschen sollte es vermögen, die Körper der Ab-
geschiedenen anzutasten, denen schließlich nur noch das
„Verbot" der Museumsverwaltung, ..die Gegenstände zu
berühren", den letzten Schutz gewährt. Und gerade so,
wie die persönlichen Vertreter des Kultus, so ist dieser
selbst von dem gleichen Schicksal ereilt. Als das ge-
heimnisvolle Serapeum in Flammen aufging, erwarteten
die Ägypter nach alter Weissagung, dass die Erde in
das Chaos zurückversinken würde, aber der Himmel
blieb freundlich über der Weltkugel, und der Nil spendet
nach wie vor seit Jahrtausenden seine Segnungen. Das
Serapeum, der letzte Sitz heidnischer Theologie und
Gelehrsamkeit in Ägypten, verwandelte sich hierauf in
die Kirche des h. Arkadius, um endlich im vorigen Jahre,
nach vielen Sturmperioden und langer Vergessenheit,
zum Teil wieder an das Tageslicht hervorgezogen zu
werden. Dr. Botti, Direktor des Museums in Alexandrien
und Wiederentdecker des Serapeums, glaubt namentlich,
dass die griechischen eleusinischen Mysterien von hier
ihren Ursprung herleiten. Der betreffende Forscher
erscheint in seinem Enthusiasmus wohl berechtigt, wenn
er ausruft: „Der Schleier des Geheimnisses, der das
Serapeum umgiebt, wird nun gelüftet werden. Wir be-
finden uns auf der Schwelle dieses ehrwürdigen Heilig-
tums, welches Alexander der Große Lesuchte, woselbst
der skeptische Vespasian Wunder vollbrachte, und wo
Hadrian, Sabinus, Caracalla und Zenobia, die Königin
von Palmyra, opferten." v. SCHLEINITZ.

BÜCHERSCHAU.
Julius Lange, Thorwaldsen's Darstellung des Menschen.
Ins Deutsche übertragen von Mathilde Mann. 144 S.
8° mit 8 Vollbildern und 16 Text-Illustrationen.
Berlin, Siemens, 1894.

Der deutsche Kunstgelehrte und Kunstfreund von
heute ist der Sprachen der großen Kulturnationen meist

mächtig genug, um ihre Litteratur im Original verfolgen
zu können, während er in Verlegenheit gerät, wenn er
auch einen Eussen oder Ungarn oder Dänen über einen
so internationalen Gegenstand wie Kunst reden hören
möchte. Dem Übersetzer eröffnet sich da ein weites
Gebiet für höchst dankenswerte Arbeit, um so dankens-
werter, wenn der ausländische Autor, wie es in unserem
Falle geschieht, wissenschaftliche Gründlichkeit mit geist-
reicher und geschmackvoller Darstellung vereinigt und
ein Thema behandelt, für das der Deutsche etwas übrig
hat. Zwar wenn man dem trefflichen dänischen Kunst-
gelehrten glauben wollte, so wäre sein Buch nicht nur
unmodern, sondern auch speciell dem deutschen Leser
wenig interessant, und etwas Wahres ist daran gewiss.
An die Stelle der bewundernden Verehrung, die Thor-
waldsen bei seinen Lebzeiten von klassisch gebildeten
Kunstfreunden erfuhr, ist auch bei uns die gedankenlose
Liebhaberei des nachbetenden Philisters getreten, der
mit den billigen Nachbildungen der netten und sauberen
Gestalten Thorwaldsen's seinen Salon schmückt, ohne viel
zu fragen, was ihm daran eigentlich gefällt. Das ist
in der That nur Nachklang („Wiederklang" in der
Sprache der Übersetzerin, S. XI) seines Ruhmes; der
Kreislauf des Geschmackes, den Lange (S. VIIff.) er-
götzlich schildert, ist noch nicht abgeschlossen und Thor-
waldsen's Name noch im Dunkel. Aber „der volle
historische Morgenglanz" (S. IX) ist ihm wohl näher
als der Verfasser meint, und ich hoffe, sein Buch wird
kräftig dazu helfen, die Dämmerung zu verscheuchen.

Lange fasst ein einziges, aber das Hauptproblem in's
Auge, indem er fragt, wie Thorwaldsen die menschliche
Gestalt dargestellt habe. Durch die verschiedenen Kate-
gorieen von Gegenständen, die Thorwaldsen's gewaltige
Produktion umfasst, verfolgt er dieses eine Problem
und entwickelt aus der Psychologie der Kunstwerke die
Psychologie ihres Künstlers, das Bild des ohne Nüchtern-
heit verständigen und maßvollen, des friedliebenden,
politisch geradezu indifferenten, des leidenschaftslosen,
aber dafür mit einer gesunden und kräftigen Intelligenz
begabten Nordländers, der in dem Zufluchtsort so vieler
Friedensfreunde, dem Rom der wildbewegten Napoleo-
nischen Epoche, solche Eigenart ruhig reifen lassen
konnte. Das Heroische fesselt ihn in seiner ersten
römischen Zeit, aber schon damals stellt er die Heroen
nicht in ihren Kämpfen, sondern in ihrem Triumph, im
ruhigen Genießen ihres Sieges dar. Den größten Kriegs-
helden seiner Zeit verherrlicht er nach antiker Weise,
indem er ein hohes Vorbild, das der Gegenwart so fern
wie ein mythisches Ereignis stand, den Triumph Alexander's
darstellt, und die typische Gestaltung antiker Idealbilder
blickt selbst durch die sparsam individualisirende Cha-
rakteristik seiner zahlreichen und den verschiedensten
Lebenskreisen angehörenden Porträtstatuen hindurch.

Eigene Neigung und das Verlangen der Kunstver-
ständigen seiner Zeit führten einen solchen Meister not-
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