Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Der Jahresbericht des Britischen Museums.

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Ob stehend oder sitzend, sie schaut steif, mit typisch
konventionellem Ausdruck, vor sich hin ins Weite;
sie scheint ihr Leben auswärts, nicht in sich zu suchen.
Seihst die bei Koptos gemachten Funde Petrie's, aus
der Periode der XII. Dynastie, welche als das Voll-
endetste der ägyptischen Kunst betrachtet werden, be-
stätigen unumstößlich jenes Gesetz. Die beiden ge-
dachten Figuren stellen die Könige Usertesen I. und
Aminemhat dar und sind im Kanon der zweiten Pro-
portion ausgeführt. Es sind bisher drei verschiedene
Kanons der Proportionen des menschlichen Körpers er-
kannt worden, die sich in der Anlage noch unvollendeter
Denkmäler sowohl nachweisen lassen, als auch durch
Schriften näher erklärt werden. Allen dreien liegt der
menschliche Fuß als Einheit zu Grunde, und zwar so,
dass er in den beiden ersten sechsmal, in dem letzten
Kanon siebenmal in der Höhe des menschlichen Körpers
von der Sohle bis zum Anfang der Kopfbedeckung auf-
geht. Die Sicherheit und stilvolle Charakteristik der
Zeichnung, die alle wesentlichen Eigentümlichkeiten der
mannigfachsten Gegenstände der belebten und unbelebten
Natur in die einfachsten aber ausdrucksvollsten Umrisse
zu legen wusste, ohne doch die beabsichtigte, Unter-
ordnung aller Darstellungen unter die architektonische
Einheit und Kegelmäßigkeit der Gebäude, die sie schmücken
sollten, zu verletzen, konnte nur durch diese unabänder-
lich bestimmten Gesetze der Proportionen erreicht
werden. Der allgemeine Charakter der ägyptischen
Kunst entspricht ganz jener ausgeprägten Ordnung und
bestimmten Kegelmäßigkeit, in welcher sich überhaupt
das Leben des Volkes bewegte. Die feste Bahn, die
den ägyptischen Kunstgebilden vorgezeichnet war, ver-
leiht ihnen Klarheit, Sicherheit und Genauigkeit in der
Ausführung, doch zugleich auch den Typus des Starren,
Äußerlichen, dem zwar der Ausdruck des Erhabenen
nicht fehlt, aber die lebensvolle Innerlichkeit und In-
dividualisirung der giechischen Kunstschöpfungen not-
wendig abgehen muss. Ein Übergang ägyptischer zur
griechischen Kunst ist allenfalls in cyprischen alten
Denkmälern und vielleicht auf Ägina zu suchen, höchstens
jedoch in der ältesten Schule dieser Insel, wie sie noch
der Westgiebel des berühmten Tempels aufweist. Der
Ausdruck des Stereotypen dieser Gruppe, die eine ge-
wisse Verwandtschaft mit ägyptischer Kunst erkennen
lässt, ist in den Figuren des Ostgiebels durch freiere
und flüssigere Bewegung bereits überwunden.

Die Auffindung vieler Königsstatuen mitten im
Tempel, an heiligster Stelle, beweist aufs neue, dass die
Herrscher und ihre Bildnisse göttliche Verehrung ge-
nossen. Wie im Anfange aller Dinge, nach der Lehre
der Priester, die Götter über Ägypten herrschten, so
regierten darnach die Pharaonen an Stelle der Götter.
Sie stammten nicht bloß von den Göttern, sie sind selbst
Götter des Landes, das unbeschränkte Oberhaupt des
Staates wie des ßeligionswesens und der Priesterschaft,

die Quelle alles Rechtes und aller Gesetzgebung. Das
Volk, die Idee, waren in Ägypten ebenso wie die Kunst
gebunden, und wenn von einer Entwicklung der Kunst
die Rede ist, so kann eigentlich hierunter nur die Be-
wegungsfreiheit innerhalb vorher festgesteckter Grenzen
gemeint sein. Zwischen diesen Endpunkten hat, selbst-
verständlich im engeren Sinne, die ägyptische Kunst
eine naturgemäße Entwicklung von den bescheidensten
Anfängen bis zu ihrer Blüte und schließlichem Verfall
durchlebt. Diese Behauptung klingt so einfach und
naturgemäß, und dennoch ist sie erst von den meisten
Ägyptologen seit den Funden in Koptos allgemein
acceptirt worden. Durch die hier vorgefundenen Bild-
werke fast aller Dynastieen wurde festgestellt, dass die
früher verbreitete Ansicht einer gewissermaßen fertig
vorgefundenen Kunst eine irrige war. Die Verleitung
zu dieser irrtümlichen Annahme lag insofern nahe, weil
bisher die ältesten aufgefundenen Kunstwerke die besten
waren. Seit den Funden in Koptos, unter denen sich
selbst Werke aus der I. und II. Dynastie befinden, lässt
sich erst die ununterbrochene Kette der gesamten Kunst-
thätigkeit des Landes genau übersehen. Bezüglich der
Baukunst war schon viel früher ein Fundamentalirrtum
nachgewiesen und die Doktrin für gänzlich unhaltbar er-
klärt, welche in der einfachen Pyramidalform den Ursprung
der ägyptischen Architektur überhaupt zu sehen glaubte.

Unter den Bereicherungen, welche die ägyptische
Abteilung des Britischen Museums kürzlich aufzuweisen
hat, befinden sich mehrere recht bemerkenswerte Objekte.
So namentlich eine Gruppe von zwei Figuren aus Kalk-
stein, welche einen König mit seiner Gemahlin oder
Schwester, auf einem Throne sitzend, darstellen. Haar
und Kopfputz, Augen und Augenbrauen sind schwarz
bemalt, während der Körper des Mannes rot und der der
Frau in gelbem Tone gehalten ist. Einige hieroglyphische
Linien geben Namen und andere Daten an, jedoch ist
die Schrift so verstümmelt, dass man nur die Entstehung
des Monuments auf etwa 2300 v. Chr. berechnen kann.
Wenn man im Britischen Museum zu der Ansicht neigt,
dass die weibliche Figur die Schwester „oder" Gemahlin
des Königs ist, so möchte dies vollständig zutreffend
sein, besonders aber, wenn anstatt des ,.oder" einfach
„und" gesetzt wird. Viele hieroglyphische Inschriften,
unter denen wir vornehmlich die neueren Funde Damnos
Pascha's in Luxor und Alexandrien hervorheben wollen, so
z. B. in der Kartusche der Statuen Sesostri's des Großen
und seiner Gemahlin Hentmara, beweisen klar ein ur-
altes Vorrecht der Pharaonen: sie durften als Nachfolger
der Gottheiten dem Beispiel des Osiris, des Königs der
Götter, sowie seiner Schwester und Gemahlin Isis folgen,
d. h. es war ihnen gestattet, ihre eigene Schwester zu
ehelichen. Diese Sitte war sowohl durch religiöse als
auch Civilgesetze weit früher sanktionirt, als man bisher
annahm, und später wohl von den Ptolemäern nach-
geahmt, jedoch nicht von ihnen eingeführt.
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