Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Noch einmal das Badezimmer des Kardinals Biebbiena und die dornausziehende Venus Raphaels.

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der Kerl malt immer noch!"' Wer so denkt, schreibt und
danach handelt, der ist ein Philosoph, der in die Eeihe
der Weltweisen gehört, die über den Eitelkeiten dieser
Welt erhaben sind. August von Heyden war es, wie
ich aus seinen Briefen und seinen Gesprächen weiß, die
mir seine innersten Gedanken über Kunst und Menschen
enthüllten. Es ist mir durchaus klar, dass der Mensch
größer war als der Künstler. Aber für den Mitlebenden, den
Schreiber dieser Zeilen, der ihm auf seinem Wege fünfund-
zwanzig Jahre lang liebevoll gefolgt ist, ist es doch
tröstlich, wenn er sich im Gedenken an den Freund
sagen kann, dass er an dem Menschen keinen Flecken
gefunden hat und dass das Fehl, das an dem Künstler
zu entdecken ist, nur das Erzeugnis jenes rastlosen,
fast dämonischen Triebes war, der auch einem Leonardo
und einem Michelangelo gewehrt hat, ihre höchsten Ziele
zu erreichen. ADOLF ROSENBERO.

NOCH EINMAL DAS BADEZIMMER DES
KARDINALS BIBBIENA UND DIE DORN-
AUSZIEHENDE VENUS RAPHAEL'S.

VON K E. HASSE.

Einem Werke Raphaels und seiner Schule ist man
es wohl schuldig, dessen Thatbestand überall richtig dar-
zustellen. So sei es mir gestattet, noch einmal auf meinen
kleinen Aufsatz über das Badezimmer des Kardinals
Bibbiena im Vatikan, in von Lützow's Zeitschrift für
bildende Kunst (Neue Folge VI, s. S. 137) zurückzu-
kommen.

Zunächst möchte ich ein fehlerhaftes Wort (S. 141
erste Spalte) verbessern, was ich während des Druckes
zu thun leider nicht in der Lage war. Es heißt da
zweimal „Marmor-Nische" — von dem Raum zwischen
den zwei Bildflächen an der linken Wand des Gemaches.
Das könnte ein Missverständnis geben, als handele es
sich um wirklichen Marmor, während doch diese Nische
nur Malerei zeigt. Das Wort Marmor muss deshalb
gestrichen werden.

Das erwähnte Badezimmer ist, aus leicht verständ-
lichen Gründen, versteckt geblieben, sogar durch Ver-
bote unzugänglich gemacht worden. Es hat auch im
Laufe der Zeiten viele Wechselfälle erfahren, ist längere
Zeit ganz verlassen und der Vernachlässigung überliefert
worden. Zuverlässigen Berichten nach sind mehr oder
minder längere Zeit die mit Gemälden geschmückten
Wände und die Decke durch Vertäfelung und durch
Tapeten dem Auge entzogen worden. Nur Wenigen ist
es hie und da gelungen, durch die Gunst des Zufalles,
in solchen Zeiten Eintritt zu gewinnen, wo die Malereien
unbedeckt geblieben waren. Da solcher Besuch wohl
meistens heimlich und flüchtig stattfand, wird man es
begreiflich finden, dass die Beschreibungen des Zimmer-
schmuckes vielfach von einander abweichen und Miss-

I Verständnisse bieten, die auf Gedächtnisfehlern beruhen
mögen.

Am meisten Schwierigkeiten fand die Richtigstellung
der einzelnen Bilder aus der Geschichte der Venus.
Namentlich war es die schöne Darstellung der Venus,
die sich den Rosendorn aus dem Fuße zieht, mit der
man nicht recht ins Reine kommen konnte. Nach
Passavant sollte diese Darstellung den Schluss der Venus-
bilder an der linken Wand des Gemaches bilden; die
ganz nackte Gestalt habe jedoch Anstoß gefunden, und
so wäre das Bild abgenommen und an seine Stelle ein
anderes, Venus und Adonis, gesetzt worden. Es geben
aber spätere Besucher an, die dornausziehende Venus
hier gesehen zu haben, ohne zu sagen, an welcher Stelle
des Gemaches sie sich befinde.1) Nun finde ich in dem
Werke des Vic. H. Delaborde über Marc Anton Rai-
niondi, bei der Beschreibung eines Kupferstiches des
Marc Anton der dornausziehenden Venus, folgende Be-
merkung: „La Venus retirant de son pied une epine
n'a cesse d'occuper la place que Raphael lui avait
assignee. Seulement, comme chacune de ces peintures
assez compromettantes pour la severite des moeurs d'un
prince de l'eglise et d'ailleurs gravement entoile sur la-
quelle on a figure un vase ce qui pourrait faire croire
au premier aspect, qu'il ne subsiste plus rien du travail
primitif.'' — Hieraus geht offenbar hervor, dass das er-
wähnte Gemälde in der Mittelnische der linken Seiten-
wand des Badezimmers seinen Platz hat. Ich habe an
dieser Stelle nur die dekorative Bemalung gesehen, das
Bild selbst also war noch bedeckt, während die übrigen
Malereien bereits freigelegt worden waren. Reste von
der früheren Übertapezirung derselben hingen damals
' noch hie und da an den Wänden. In der Mitteilung
des Herrn Delaborde ist nur das eine nicht zutreffend,
dass das Venusgemälde von vornherein für die Nische
bestimmt worden sei. Wir wissen ja aus dem von
Passavant mitgeteilten Briefe des Pietro Rembo an den
Kardinal Bibbiena,2) dass ursprünglich für diese Nische
eine Marmorstatue der Venus bestimmt war, für welche
jedoch der Raum nicht groß genug erschien, so dass dieser
Plan aufgegeben werden musste. Wahrscheinlich hat
hierauf erst Raphael zur Ausfüllung der Nische das Bild
der dornausziehenden Venus bestimmt und ausführen
lassen. Es wird interessant sein, vielleicht durch spätere
Besucher des Badezimmers zu erfahren, ob sich das Bild
noch an der bezeichneten Stelle befindet. Beiläufig mag
bemerkt werden, dass hier ein Gemälde besser zu der
Harmonie der gesamten bildlichen Ausschmückung passte,
als ein plastisches Werk.

In Bezug auf den Kupferstich der dornausziehenden
Venus, den H. Delaborde in seinem citirten Werke über

1) So der treffliche Raphaelforscher Dollmeyer.

2) Passavant, deutsche Ausgabe, Band I, S. 285, fran-
zösische Ausgabe, T. I, P. 23G.
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