Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

Page: 517
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1897/0265
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
517

Zur Erinnerung an August von Heyden.

518

heute vergessener Zank, der tieferliegende aber die
Unlust, vor wenigen Zuhörern schwer erworbenes
Wissen breit zu treten. Die Summe seiner Forschungen
auf dem Gebiete der Kostümkunde für Künstler hat
A. v. Heyden in dem kleinem Handbuche ..Die Trachten
der Kulturvölker Europas" (Leipzig 1889, E.A.Seemann)
zusammengefasst. Mehr braucht der Künstler nicht,
und wenn solche Lehrbücher fleißig benutzt, alte Ge-
mälde, Sammlungen von Kostümbildern u. s. w. heran-
gezogen werden, kann an Kunstakademieen ein gebildeter
Bibliothekar die Stelle eines Lehrers für Kostümkunde
ausfüllen.

Zu einem Praktiker, wie es A. v. Heyden war,
werden es freilich wenige bringen, weil es ihm, Dank
seiner Persönlichkeit, vergönnt war, auf verschiedenen
Gebieten die ihm immer gegenwärtige Zuverlässigkeit
seiner Kenntnisse mit der Schnelligkeit seiner Zeichen-
kunst zu raschen Thaten zu vereinigen. Man rühmt
diese Fähigkeit besonders an Leonardo da Vinci, dem „Hof-
regisseur" des Lodovico il Moro in Mailand. Aber unser
Künstler musste oft noch schneller fertig sein. Ich habe
gesehen, wie er in wenigen S.unden Dutzende von Kostüm-
figuren für Maskenfeste am Hofe oder für Auffülirungen
in den Königlichen Theatern, denen er jahrelang als
kostümkundiger Beirat zur Seite stand, zeichnete und
aquarellirte und dabei mit solcher Genauigkeit in den
Einzelheiten, dass Zuschneider und Garderobiers un-
mittelbar danach arbeiten konnten. Mitten in diese
aufregende und aufreibende Arbeit fielen dann die
Besuche von Herren und Damen, die ihn um seinen Rat
fragten, und immer war der liebenswürdige Kavalier
bereit, auch den thörichtsten Fragen Rede und Antwort
zu stehen. Endlich kamen noch die Arrangirproben
hinzu, und wenn dann ein so mühsames Werk, das nur
zur Ausfüllung von ein paar flüchtigen Abendstunden
diente, vorüber war, verschwor er sich, niemals wieder
seine Hände hineinzumischen, um dann beim nächsten
Male wieder als der Erste und Fleißigste dabei zu sein.
So geschah es auch bei dem großen Kostümfeste zur
Feier des 22. März 1897, und hier scheint der sonst so
kräftige Mann den ersten starken Stoß erhalten zu
haben, der ihn bald darauf auf das Krankenlager warf.

Mit dem Theater verband ihn von jeher eine starke
Neigung. Bald nach seiner Rückkehr von Paris war
ihm der Auftrag zu teil geworden, für einen neuen
Vorhang des Königlichen Opernhauses ein Bild zu malen,
das die Macht des auf einem Delphine das Meer durch-
furchenden Sängers Arion über Götter und Elementar-
geister darstellen sollte. Es wurde in seiner Ausführung
zu einer That, zu einer Wiederbelebung des klassischen
Altertums im Geiste der modernen Romantik, und das
blieb der eine Grundzug im künstlerischen Schaffen
A. v. Heyden's, zu dem dann der andere, die Begeisterung
für die germanische Vorzeit und das germanische Mittel-
alter bisweilen eine Ergänzung, bisweilen auch einen

Gegensatz bildete. Der Künstler hat damals die Kom-
position seines Bildes für unsere „Zeitschrift" (Jahrgang
1868 bei S. 136) radirt. Es war eine Malerradirung
in französischer Art, eine freie Andeutung der Tonwerte,
die damals nur von wenigen verstanden und gewürdigt
wurde. Als er zwanzig Jahre nach der Ausführung des
Arion-Vorhanges durch das Vertrauen Kaiser Wilhelms II.,
der dem Künstler schon als Prinz sehr geneigt war und
der als Kaiser den ehemaligen Bergmann zum Mitglied
des Staatsrats ernannte, abermals zur Ausführung eines
neuen Vorhanges an Stelle des alten durch Brand be-
schädigten berufen wurde, wählte er eine Episode aus
der germanischen Göttersage: das Erscheinen des Skal-
den Bragi unter den Menschen. Es darf nicht ver-
schwiegen werden, dass es Heyden trotz seiner gründ-
lichen Kenntnisse ebenso wenig wie allen seinen Vorgängern
gelungen ist, die Götter- und Menschengestalten der
nordischen Sage den Menschen seiner Zeit verständlich
und vertraut zu machen. Darunter hat ein großer Teil
seiner übrigen Produktion gelitten, während Bilder, wie
z. B. die Prinzessin Clemence, die ihre Schönheit den Ab-
gesandten des um sie werbenden Königs von Frankreich
enthüllt (nach einem altfranzösischen Fabliau), der Wal-
kürenritt über das Schlachtfeld, der Hochzeitsritt des
Herrn Olof u. a. wegen ihrer koloristischen Reize
großen Beifall gefunden haben, auch in den Kreisen
der Künstler, die, namentlich wenn sie Juroren waren,
dem Eindringling, der ihnen viel zu aristokratisch war,
nicht gerade viel Wohlwollen entgegenbrachten. Es ist
ihm passirt, dass mehrere Bilder von ihm, so z. B. eine
herrliche Leukothea, die dem schiffbrüchigen Odyssens
erscheint, von den großen Ausstellungen aus unbekannten
Gründen zurückgewiesen worden sind, und August von
Heyden ist beinahe 70 Jahre alt geworden, ohne eine
einzige Medaille der Berliner Ausstellung erhalten zu
haben!

Schmerzen hat ihm dieser Mangel keineswegs be-
reitet. Er war kampfesfroh von Jugend auf und all-
mählich unempfindlich gegen Nadelstiche missgünstiger
Kunstgenossen geworden. Seine Kampfeslust wuchs
sogar mit den Jahren, und zuletzt trat der alte Roman-
tiker zu den „Jungen" über, nicht mehr als Maler, weil
er nicht mehr malen wollte, sondern als Schriftsteller.
In zwei Flugschriften „Aus eigenem Rechte der Kunst"
und „Jury und Kunstausstellungen" hat er das Recht
der Jungen verteidigt, aber in seiner maßvollen, vor-
nehmen Art. Malen konnte er trotz eines Augenleidens
immer noch gut, viel besser als manche, die höher ge-
schätzt werden als er. Aber er hatte genug Selbst-
erkenntnis, um zur rechten Zeit Verzicht zu leisten.
„Ich male nicht mehr," so schrieb er mir im März
vorigen Jahres, „man muss aufhören, ehe die senile
Impotenz ihren Zwang ausübt. Ich finde es viel an-
genehmer, dass die Leute sagen: Warum malt der Kerl
denn nicht mehr?, als dass sie ausrufen: Heiliger Vater,
loading ...