Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

Page: 179
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endlich das Wort Friedrich Wilhelm's I.V. über die Museums-
insel zur Wahrheit werden: „Kein unheiliger Fuß soll
diesen Boden betreten."

Ein frommer Wunsch bleibt bis auf Weiteres das
dritte Museum, das zur Aufnahme der in ihrer Reich-
haltigkeit wohl einzig dastehenden Sammlung von Gips-
abgüssen nach antiken Bildwerken bestimmt ist und
dessen Pläne Baurat Schwächten aufgestellt hat. Tröst-
lich ist es immerhin, dass sich der Fiskus wenigstens
den dazu nötigen Platz auf dem rechten Spreeufer gegen-
über der Nationalgalerie durch rechtzeitigen Ankauf ge-
sichert hat.

Wie die Bäume, die im Alten Museum frei werden,
weiter verwendet werden sollen, das ist alles mehr oder
weniger Zukunftsmusik. Jedenfalls wird dabei in erster
Linie die Nationalgalerie berücksichtigt werden. Wie
verlautet, besteht die Absicht, zunächst alle auf die
preußische und deutsche Geschichte bezüglichen Gemälde
auszusondern und damit den Grundstock zu einem histo-
rischen Museum zu legen, das in den jetzigen Bäumen
der Gemäldegalerie untergebracht werden soll. Wir sind
es in Preußen nicht gewöhnt, weitausschauenden, phan-
tastischen Plänen nachzuhängen. Freuen wir uns also
des zunächst Erreichten! Man darf mit Sicherheit er-
warten, dass die Volksvertretung ihre bedingungslose
Zustimmung geben wird, auch wenn jemand den Ein-
wand machen sollte, dass das eine das andere nach sich ziehen
wird. Es wird geschehen und muss geschehen, wenn
nicht Kunstschätze von unberechenbarem Wert einer
ernsten Gefahr ausgesetzt oder auf Jahre hinaus der
Allgemeinheit entzogen werden sollen.

Außer dieser im Hinblick auf die stetig wachsenden
Bedürfnisse der anderen Verwaltungszweige immerhin
sehr beträchtlichen Summe hat der nächstjährige Etat
für Kunstzwecke keine außerordentlichen Forderungen
von Bedeutung eingestellt. Bei den projektirten Neu-
bauten für wissenschaftliche Institute, Lehranstalten und
Bibliotheken in Berlin, Breslau und Marburg (Universitäts-
bibliothek) hält man sich vorläufig in den Grenzen
strenger Sparsamkeit, so dass für die Kunst dabei nicht
viel herauskommen wird. Außerdem werden gefordert
die Mittel für ein Extraordinariat für Altertumswissen-
schaft an der Akademie in Münster und für die Ein-
richtung eines Proseminars bei dem Institut für Alter-
tumskunde in Berlin (aber für philologische Zwecke!).
Für den Dombau in Berlin werden als sechste Rate
1 600 000 M. als Konsequenz der früheren Bewilligungen
gefordert.

In den Etat der Kunstmuseen sind folgende außer-
ordentliche Forderungen eingestellt worden: der etats-
mäßige Betrag von 340000 M. zur Vermehrung und
Unterhaltung der Sammlungen soll um 60000 M. erhöht
werden, was mit der beständigen Steigerung der Preise
für Kunstgegenstände und mit den wachsenden Bedürf-
nissen des Museums für Völkerkunde begründet wird.

Da die bisher in der Nationalgalerie aufbewahrten Kunst-
drucke aus neuerer Zeit in das Kupferstichkabinett über-
führt worden sind, werden zu ihrer Aufstellung, Kata-
logisirung u. s. w. 17 000 M. gefordert, davon als erste
Rate 4000 M, Zur Aufstellung und Katalogisirung der
Sammlungen des Kupferstichkabinetts sind als achte Rate
14000 M. (von der Gesamtsumme von 200000 M.), zur
Reinigung von Bildwerken, insbesondere der Perga-
menischen Funde, 7000 M. eingestellt worden.

Fast zu gleicher Zeit mit dem Etat ist in Nr. 1
der „Amtlichen Berichte aus den königlichen Kunst-
sammlungen" vom 1. Januar 1897 eine Übersicht über
die aus den staatlichen Fonds für Kunstzwecke zu An-
käufen für die Nationalgalerie, zur Förderung der
monumentalen Malerei und Plastik und des Kupferstichs
aufgewendeten Beträge für die Zeit vom 1. April 1889
bis Ende März 1896 veröffentlicht worden. Diese Über-
sicht stellt der staatlichen Kunstpflege in Preußen ein
noch glänzenderes Zeugnis aus, als es die ordentlichen und
außerordentlichen Positionen eines Jahresetats zu geben
vermögen. Danach ist für diese sieben Jahre ein Betrag
von 2121916 M. verfügbar gewesen. Davon wurden
2 087 092 M. ausgegeben, und zwar zu Ankäufen für die
Nationalgalerie 625 962 M., zur Förderung der monu-
mentalen Malerei und Plastik 1373629 M. und zur
Förderung des Kupferstichs und der Radirkunst 72810 M.
Der Rest von 14 690 M. ist durch Tagegelder, Reise-
kosten, Porto, Fracht u. dgl. m. verbraucht worden. Der
Hauptanteil davon ist freilich auf Berlin mit 249312 M.
gefallen. Darüber sind aber einzelne Provinzen, wie
besonders Hannover und die Rheinprovinz, nicht zu kurz
gekommen, wie aus folgender Übersicht hervorgeht: Ost-
preußen 75 540 M., Westpreußen 63058 M., Brandenburg
44 450 M., Pommern 30 676 M., Posen 32 800 M., Schlesien
24 219 M., Sachsen 100 785 M., Schleswig - Holstein
4600 M., Hannover 317855 M., Westfalen 19000 M.,
Hessen-Nassau 69640 M., Bheinprovinz 341692 M. Ein
Missverhältnis in der Begünstigung der einzelnen Provinzen
ist trotzdem nicht zu verkennen. In vielen Fällen ist
freilich die Bedürfnisfrage im Zusammenhang mit der
Bauthätigkeit in den einzelnen Provinzen entscheidend
gewesen, und aus diesem Grunde ist eine allgemeine
Kritik auf Grund der Zahlen unzulässig. Hier kommt
auch nur der Gesamtaufwand in Betracht, und dieser
ist so imponirend, dass selbst Frankreich, wenn man
seine natürlichen Hilfsquellen mit den ungleich kargeren
Preußens vergleicht, hinter diesen regelmäßigen Auf-
wendungen für Kunstzwecke zurück geblieben ist.

ADOLF ROSENBERG.

MODERNE KUNST IN FLORENZ.

VON ERNST STEINMANN.
Seit den letzten zehn Jahren wird in Florenz mehr
für die Pflege und Erhaltung alter und neuer Kunst gethan
als in jeder anderen Stadt Italiens. Die neuentdeckten
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