Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Ein Frankfurter Patrizier und seine Kunstsammlung.

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pikanten Werke der plastischen Kleinkunst rechnet, die
sich so raffinirt entwickelt hat, dass dem italienischen
Import die Einfallspforte fast ganz verriegelt worden
ist, so hat man ein so universelles Bild plastischer
Kunstthätigkeit, dass Berlin aus eigenen Mitteln auf
diesem Gebiete wenigstens mit Paris konkurriren könnte,
wenn einmal die Gelegenheit zu einer gewaltigen Kraft-
anstrengung in großem Stile geboten würde.

ADOLF ROSENBERG.

EIN FRANKFURTER PATRIZIER UND
SEINE KUNSTSAMMLUNG.')

Kataloge von Kunstsammlungen sind zumeist Leichen-
steinen zu vergleichen. Bezeichnen sie doch in der
Regel die Auflösung der Sammlungen und die unfrei-
willige, seltener die freiwillige Trennung des Begründers
von den Kindern seiner Muße, seines Eifers, seiner Opfer
und seines Geschmackes. Wie oft hat der Kunstfreund
den Schmerz, mit dem Katalog in der Hand, den wohl-
gefügten Prachtbau einer glänzenden Sammlung unter
dem monotonen Hammerschlag des Auktionators, einer
wahren Totenuhr, in wenigen Stunden auseinander fallen
zu sehen. Selten geben Freunde einer Sammlung das
Geleite, wie es bei Lorenz Gedon geschah; in der Kegel
ist es der Unternehmer, der für die mehr oder minder
ehrenvolle Bestattung aufzukommen hat. Das ist die
Kegel: um so erfreulicher sind Ausnahmen. Mit einem
solchen Fall haben wir es hier zu thun.

Ein Mann von vornehmer Denkungsart und ebenso
feiner als bonhomer Empfindung führt uns, in Jahren vor-
gerückt, aber frisch von Sinn und Herz, in sein kunst-
geschmücktes Haus ein. Er hat die Liebenswürdigkeit,
beim Eintritt in die schön geschmückten Räume uns
mit seiner Person, seinem Werdegang und der Ent-
wicklung seiner Sammlerneigung vertraut zu machen,
und schlägt damit zugleich die Note an, die als Grund-
ton, als Leitmotiv in dem mannigfach gegliederten Be-
sitz durchklingt. Man wird dabei des Genusses froh,
indem die lebhaft vibrirende Empfindung des Besitzers
den Besucher begleitet, und jedes Stück der Sammlung
Leben gewinnt durch die Schilderung, wann und wie es
erworben worden, wer die Vermittler und Vorbesitzer
waren, kurz alles, was dem Besitz des Kunstfreundes
Leben und Wert verleiht. Hier tritt der Sammler mit
Kopf und Herz an uns heran im Gegensatz zu den
beamteten Führern einer Sammlung und der dürren Auf-
zählung in posthumen Katalogen.

Wilhelm Peter Metzler, Teilhaber eines der ältesten
Frankfurter Bankhäuser (die Firma B. Metzler sei. Sohn

1) Die Kunstsammlung des Herrn Wilhelm Peter Metxlcr
in Frankfurt a. M. Erläutert von Heinrich Frauberger,
Frankfurt a. M, Jos. Baer & Co., 1897. gr. Fol. Farben-
tafel, Porträttafel, üO Lichtdrucktafeln und 95 Textabbildungen
und 68 S. Text.

und Cons. feierte 1874 das Gedächtnis 200jährigen Be-
stehens), zeigt in dem selbst geschriebenen Lebensabriss,
wie seine frühe Jugend schon unter künstlerischen Ein-
drücken in dem vornehmen Hause seiner Eltern stand.
Die Jünglingsjahre empfingen in Heidelberg künstlerische
Anregung und Weihe im weiteren Sinn. Den Durch-
gangspunkt bildete ein zweijähriger Aufenthalt in Paris
(1836ff.); indes war es hier vorwiegend der Verkehr mit
Künstlern und Kunstfreunden, die den Patriziersohn,
neben seiner beruflichen Ausbildung, höheren Zielen
zuführte. Die Begründung des eigenen Hausstandes im
Jahre 1844 führte zunächst zur Erwerbung von Ge-
mälden moderner Meister, bis eine Kunstfahrt nach
Italien (1862) die Neigung des Sammeins zum Durch-
bruch brachte: „aus reiner Freude am Schönen" begann
Wilhelm Metzler zu sammeln; erst später erkannte er,
was ihn damals „sozusagen unbewusst" bei den ersten
Ankäufen leitete. Die Pflege der Werke moderner
Malerei dauerte daneben fort und führte u. a. zur Her-
stellung schöner Sammlungsräume im eigenen Hanse.
Die kunstgewerbliche Bewegung zu Anfang der siebziger
Jahre ergriff auch unseren Kunstfreund mächtig. Wer
jene Zeit mit Bewusstsein erlebt hat und namentlich die
damaligen Frankfurter Kreise kennt, wird den freudigen
Zug nachempfinden, der in Metzler's Schilderung jener
stimmungsvollen Periode anklingt. Die Mäcene Carl Anton
von Hohenzollern, Carl M. von Bothschild und die Brüder
Freiherren von Bethmann erscheinen da; feinsinniger
Sammler, wie Moritz Gontard, Carl Anton Milani, Guido
Oppenheim, Richard Abenheimer u. a. wird gedacht. Auch
der Kunsthandel, besonders Selig Goldschmidt, der un-
längst verstorbene Chef des Hauses J. & S. Goldschmidt,
das Welthaus Jos. Baer & Co. u. a. ist in Ehren und mit
dem Zuge freundlicher und dankbarer Erinnerung ge-
nannt. In allem begegnet man dem Ton einer aufrichtigen
Liebe zur Sache, der Freude am Schönen und des Wohl-
wollens im Verkehr. Aus diesen Empfindungen ist denn
auch der vorliegende Band hervorgegangen, der zunächst
eine Gabe für Kinder, Verwandte und Freunde zu sein
bestimmt ist.

Der von Direktor Frauberger redigirte Text folgt
der örtlichen Aufstellung der Gegenstände, wie sie in
den Räumen des mit so vielem Geschmack ausgestatteten
Metzler'schen Wohnhauses verteilt sind. Eine Grundriss-
skizze wäre dementsprechend hier am Platz gewesen, und
gut gewählte Teilansichten der Räume hätten vortreff-
lich ein ergänzendes Wort gesprochen. Als geschlossene
Abteilungen sind die antiken Terrakotten, Proben japa-
nischer Kunstfertigkeit sowie die Plaketten und Medaillen
zusammengehalten. Daneben sind die verschiedensten
Zweige des höheren wie des niederen Kunstgewerbes
vertreten. In der Vorführung sind die Materialunter-
schiede maßgebend. In Edelmetallen begegnen wir
reizenden Erzeugnissen deutscher wie italienischer Gold-
schmiedekunst. Majoliken und Eisen sind eine Haupt-
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