Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Wer war der Meister des Otto Heinrichsbaues?

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Marc Anton diesem Künstler zuschreibt, vermag ich
einige Bedenken nicht zurückzuhalten. Weder Bartsch,
noch andere, die sich mit Marc Anton eingehend be-
schäftigt haben, erwähnen einen solchen Kupferstich von
ihm. In keiner mir zugänglich gewordenen öffentlichen
und privaten Sammlung ist mir ein solcher begegnet.
Herr H. Delaborde giebt nicht an, wo er das von ihm
beschriebene Venusblatt gefunden hat. Sollten sich wirk-
lich von einem so bedeutenden Werke des Marc Anton,
dessen Arbeiten von jeher hoch geschätzt und eifrig ge-
sammelt wurden, nur ein einziges Exemplar erhalten
haben? Dass die Kupferplatte zufällig unwiederbringlich
nach wenigen Abzügen zerstört worden sei, ist wohl
nicht denkbar. Schwerlich würde sich auch der mit-
teilungslustige Vasari die Überlieferung eines solchen
Ereignisses haben entgehen lassen. Unwillkürlich drängt
sich mir eine Hypothese auf, die ich einer so hohen
Autorität wie H. Delaborde gegenüber nur schüchtern
vorzutragen wage. Der Genannte giebt als Unter-
scheidungen des von ihm dem Marc Anton zugeschrie-
benen Blattes von dem bekannten Stiche des Marco de
Eavenna folgendes an: „Marc de Bavenne, en effet,
ä laisse de cette Venus une copie de la meme grandeur
que le modele, qu'il a marque de son monogramm sur
une pierre dans le bas, ä ganche. II a d'ailleurs modine
la composition originale en y ajoutant au premier plan,
ä droite un lapin et, dans le fond, du meme cöte, des
fabriques et des rochers empruntes a une partie du pay-
sage qu'Albert Dürer avait grave dan sson Enlevement
dAmyan."

Es ließe sich nun die Wahrscheinlichkeit denken,
dass das als Unikum anzusehende Blatt ein Probeabdruck
sei, nach welchem Marco da Eavenna erst das Kanin-
chen, sowie die Veränderungen des Hintergrundes in die
Kupferplatte hineingebracht hätte, von welcher die
weiteren Abdrücke, mit seinem Monogramm bezeichnet,
gemacht worden seien. Es ist ja bekannt, dass Marco
da Eavenna Stiche geliefert hat, in denen er der Manier
seines Meisters zum Verwechseln ähnlich nachgekommen
ist. Vorzügliche Abdrücke seiner Venus gehören un-
streitig zu seinen Meisterwerken. Wahrscheinlichkeit
gegen Wahrscheinlichkeit gehalten, könnte man der eben
angeführten Hypothese den Vorzug geben, falls nicht
eine gewisse Anzahl von Blättern zum Vorschein kommen
sollte, welche dem von H. Delaborde beschriebenen völlig
entsprechen. — Gern würde man sich einer solchen Be-
reicherung unserer Kunstschätze erfreuen.

WER WAR DER MEISTER
DES OTTO HEINRICHSBAUES?
Herr Th. Alt hat auf meinen Artikel in Nr. 3
Jahrg. 1895/96 dieser Zeitschrift und auf meine größere
Ausführung über denselben Gegenstand im Band III der
Mitteilungen des Heidelberger Schlossvereins S. 129 ff

eine nochmalige sachgemäße Besprechung der schwierigen
Frage veröffentlicht. (Mitt. d. Heidelb. Schlossvereins
III, S. 169ff) Er nennt dort seine im Jahre 1884 in
der „Zeitschrift für bildende Kunst" erschienene Arbeit,
gegen welche ich in den angezogenen Artikeln eine
scharfe Kritik geführt hatte, als das Erzeugnis eines
jugendlichen Autodidakten, und giebt — was ihm zur
Ehre gereicht — seine damaligen Irrungen in der Haupt-
sache zu. Nur in einem wesentlichen Punkte sind wir
jedoch noch nicht einig in der Frage: wer war der
Meister des Otto Heinrichsbaues ? Ein Hauptargument
meiner Beweisführung war das Postskriptum im Vertrag
vom 7. März 1558 respektive in der allein uns erhaltenen
Abschrift von 1604, wo es heißt: an seinem „vorigen
Geding sein noch 14 Bilder vermög Visirung zu hauen",
und ich muss gestehen, nach den Ausführungen Alt's
scheint er recht zu haben, wenn er dieses „vorig" als
gleichbedeutend mit vorstehend betrachtet und nicht wie
ich und andere ausgeführt haben, als auf einen früheren
Vertrag sich beziehend. „Nach der Vertragsurkunde
handelt es sich um die Vollendung einer bereits ange-
fangenen, bereits in der Ausführung begriffenen Sache,
genauer um die Fertigstellung eines bis zum zweiten
Stockwerke gediehenen Baues und um die Ausstattung
desselben mit umfänglichem Bildwerk, dessen Erstellung
bereits vorgesehen war."

Das zweite Argument, auf welches ich mich stützte,
ist der Charakter der Fassade als Dekorationsstück, das
offenbar die Hand eines Bildhauers und nicht diejenige
eines Architekten verrät. Und diese Dekoration ist in
ihrer ganzen Formengebung so sehr von der damaligen
landläufigen Art und Weise verschieden, dass man schon
zu Anfang unseres Jahrhunderts an einen fremden Meister
dachte, und bis in die neueste Zeit herein haben viele
daran festgehalten, nur ein italienischer Meister könne
der Erfinder des Baugedankens sein. Nun kommt aber
schon Lübke auf den Ausspruch, an einen italienischen
Künstler sei nicht zu denken, und auch die Herren Seitz
und Koch, die besten Kenner des Schlosses, haben sich ent-
schieden gegen die italienische Provenienz ausgesprochen.

Es bleibt also nur eine Möglichkeit übrig, an einen
niederländischen Meister zu denken, und das müssen wir
auch festhalten. Alt räumt auch das ein, doch will er
die Frage noch nicht bis zur „Evidenz" gelöst betrachten
Darüber scheint mir aber kein Zweifel mehr zu bestehen,
die Fassade ist die Erfindung eines Niederländers, mag
er nun Colin heißen oder nicht. Ich habe am a. 0. nach-
gewiesen, dass schon der Vorgänger Otto Heinrichs
niederländische Künstler beschäftigte und auch der letztere
bediente sich derselben. Die Fassade bleibt einzig in
ihrer Art und nur etwa das Portal am Piastenschloss
zu Brieg kann damit verglichen werden. Dort wird
auch ein Meister Antonio genannt, und dieser ist wohl
identisch mit dem Meister Antonj, welcher im Vertrag
mit Colin genannt ist.
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