Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Die große Kunstausstellung in Berlin. II.

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in bestialische Koheit umsetzt, und diese Grenze hat
Hösel überschritten. Hier ist der ästhetische Eindruck
so entscheidend, dass dagegen die große Virtuosität in
der Behandlung der beiden zu höchster, verzweifelter
Kraftanstrengung angespannten Körper nicht aufkommen
kann.

Wie die Dresdener Plastik, die man allerdings in
diesem Jahre nur nach der Dresdener Ausstellung richtig
beurteilen kann, hat auch die Düsseldorfer in neuerer
Zeit einen Aufschwung genommen, der sich nach außen hin
besonders dadurch kundgiebt, dass man anfängt, sich
in der monumentalen Plastik von Berlin unabhängig zu
machen und junge Kräfte Düsseldorfs an großen Auf-
gaben heranzuziehen. Das ist durchaus zu billigen, auch
wenn bei dem ersten Versuch nicht sogleich völlig be-
friedigende Schöpfungen erwachsen. Frankfurt a. M. hat sein
Kaiserdenkmal von dem Düsseldorfer Clemens Buscher er-
halten, unddas 1 )üsseldorferist von Carl Janssen, dem Lehrer
der Bildhauerkunst an der Akademie, geschaffen worden.
Ersteres haben wir anseinem Aufstellungsorte gesehen: eine
vortreffliche Reiterstatue, die völlig dem schlichten Wesen
des alten Kaisers entspricht, am Sockel aber zum Teil
unbegreiflich steife, zum Teil nichtssagende Allegorien,
die weder malerisch noch plastisch gedacht sind. Das
Düsseldorfer Denkmal kenne ich nur aus dem in Berlin
aufgestellten Gipsmodell in der Größe des Originals.
Eine mäßige Kaiserstatne, die von zwei höchst schwülstigen
weiblichen Figuren, dem Genius des Sieges und dem des
Friedens begleitet wird! In Berlin steht diese unruhige
Masse dicht vor uns auf niedrigem Unterbau. In Düssel-
dorf soll sie besser wirken; ein völlig uneingeschränktes
Lob haben wir aber nicht gehört. Und doch muss Janssen
ein sehr tüchtiger Künstler sein! Das beweisen die
beiden meisterhaften Flachreliefs an den Langseiten des
Sockels, die Preußen in seiner tiefsten Erniedrigung
1806 und in seiner sieghaften Herrlichkeit 1871 dar-
stellen, ferner ein ganz eigenartiges, groß gedachtes
und in großem Stile ausgeführtes Grabdenkmal und eine
von sprühendem Leben, von Energie und Kraftfiille förm-
lich strotzende Büste des alten Zieten. Janssen scheint
danach ein Künstler zu sein, dessen durch und durch
realistische Begabung dem hergebrachten Allegorienkram
hilflos gegenübersteht.

In Berlin entfalten sich trotz des starken Wett-
bewerbs oder vielleicht gerade deswegen die bildnerischen
Kräfte viel freier und fast immer ihrer Eigenart ent-
sprechend. Kaiser-, Bismarck- und Kriegerdenkmäler
spielen zwar immer noch eine große Rolle in der Berliner
Plastik; aber wenn auch wenig Originelles dabei heraus-
kommt, so darf man nicht vergessen, dass der materielle
Gewinn, den die Künstler aus solchen Brotaufgaben
ziehen, ihrem Genius die Flügel entfesselt und ihn zum
Aufschwung in die Regionen der freien, wenn auch nicht
immer der idealen Kunst anspornt. Auch der Berliner
Magistrat, der seine frühere Gleichgültigkeit gegen den

künstlerischen Schmuck der Hauptstadt überwunden hat,
ist neuerdings ein nicht zu verachtender Faktor im
Kunstleben der Residenz, namentlich für Bildhauer,
geworden, und endlich haben reiche Leute von ihren
Reisen nach Italien und Paris die Erkenntnis heimge-
bracht, dass es eine Schmach ist, wenn die Berliner
Friedhöfe Jahr aus Jahr ein nur mit den jämmerlichen
Dutzendarbeiten phantasieloser Steinmetze bedeckt werden.
Diese und noch einige andere Momente sind die sicheren
Grundlagen für das weitere Gedeihen der Berliner Plastik,
und da diese Vorbedingungen keine andere Stadt Deutsch-
lands bieten kann, so wird der Berliner Plastik so lange das
materielle Übergewicht erhalten bleiben, so lange Berlin
des deutschen Reiches Hauptstadt bleiben wird.

Aber auch das geistige Übergewicht zu behaupten,
wird ihr nicht schwer fallen, wenn sie sich so weiter
entwickelt, wie wir es seit etwa zehn Jahren beobachtet,
aber noch niemals so stark empfunden haben wie in
diesem Jahre. Wer will heute noch von preußischer
Korrektheit, Steifheit, Gedankenarmut und Phantasie-
losigkeit sprechen, wenn er vor die kolossale Gruppe
des „großen gigantischen Schicksals" von Hugo Lederer
tritt, einer Frauengestalt im Stile einer Kassandra oder
Klytemnästra, welche mit dem in die Ferne gerichteten
Seherblick langsam vorwärts schreiteten jeder der herabhän-
genden Hände ein willenloses oder vergebens sich auf-
lehnendes Menschenkind, rechts ein junges Weib, links
einen noch tapfer kämpfenden Jüngling mit sich schleifend?
Diese eine Schöpfung weist schon allein eine ganze
Jahresproduktion in deutschen Landen auf. Und dazu
kommen noch die aus tiefer Gedankenarbeit entsprossenen
Grabdenkmäler von Johannes Götz, Carl Bernewitz,
August Kraus, Ernst Herter, H. W. von Clümer, Her-
mann IIidding und J. Uphues, dann die für einen im Osten
Berlins, dem Arbeiterviertel, gelegenen Platz im Magistrats-
auftrage ausgeführte Gruppe eines Fabrikschlossers, der
die ihm von seinem sich an ihn schmiegenden Sohne ge-
brachte Mittagsmahlzeit im Behagen eines Abglanzes
seines häuslichen Glückes verzehrt, von Wilhelm Haver-
kamp, die kräftige Gestalt eines jungen Schmiedes, der
sich in einer Arbeitspause den Schweiß von der Stirn
wischt, mit einem höchst reizvollen poetischen Sockel-
relief, das ebenfalls die Freuden des idyllischen häus-
lichen Glückes verherrlicht, von Gerhard Janensch, die
feierlich ernste, aber aus modernem Empfinden heraus-
geborene Gruppe „Christus und die Kinder" von Peter
Breuer, die beiden von holdester Anmut erfüllten Wand-
brunnen von C. v. Uechlritz und H. Hidding und die
beiden im Wurf begriffenen Kugelspielerinnen — die
eine nackt, die andere bekleidet — von Walter Schott,
zwischen denen zu wählen es schwer wird, weil der
geistvolle Künstler jedem der beiden Wesen, obwohl
sie derselben Form entstammen, besondere Reize mitge-
geben hat.

Wenn man noch dazu eine Menge von Büsten und
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