Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Bücherschau.

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wendig dazu, die Antike nicht nur von ihrer formalen
Seite zu studiren, sondern ihren Gegenständen Interesse,
ihren Idealen Respekt zu zollen, und. mit Recht sagt
Lange, z. B., dass Thorwaldsen's Hebe die Würde des
antiken Olymp wiederherstellte. Immer sind es die
ernsteren, geistigeren Gestalten, die er mit Vorliebe auf-
sucht, und es ist nur ein anderer Ausdruck derselben
Grundstimmung, dass dieser „auffallend wenig erotische"
Künstler so oft und einzig Eros selbst, diese feine Ver-
geistigung der Liebe, darstellte und als Triumphator
verherrlichte. Götter einer entschwundenen Welt glaub-
haft darzustellen, befähigte ihn eben diese Anlage für
das Geistige; nur gab er ihnen natürlich seine persön-
liche Deutung und erfand z. B., wie Lange fein bemerkt,
den fast formelhaft gewordenen Zug, dass diese seine
Götter, in die Betrachtung ihrer eigenen Attribute ver-
sunken, ganz wie seine Menschen denkend und träumend
dastehen. Für eine solche Begabung war die Grenzlinie
zwischen Heidentum und Christentum leicht zu über-
springen, umso leichter, wenn der Künstler auch in diesem
Gebiete an das Persönliche im Idealen, das Göttliche,
sich hielt. So ist Thorwaldsen's berühmter Christus von
seinen Götterbildern prinzipiell gar nicht so sehr ver-
schieden und dennoch ein hohes Heilandsideal, dank der
wunderbar einfachen, aber sprechenden Geberde, die eine
glückliche Eingebung den ernstlich in den Christusge-
danken vertieften Künstler lehrte.

Das Verhältnis der Form zum Stoff, das hiermit
berührt ist, erörtert Lange besonders interessant an dem
in Thorwaldsen's Kunst fast isolirt stehenden Argostöter,
dessen allmähliche Entstehung aus dem in lässiger
Haltung ausruhenden Jüngling auf Grund der Über-
lieferung und der hier sehr förderlichen Hand Zeichnungen
nachgewiesen wird. Eine ähnliche Specialstudie widmet
er der in Thorwaldsen's Reliefs als stehende Formel
wiederkehrenden Figur eines zurückgelehnt Sitzenden,
die den besten Beweis für die Richtigkeit von David's
Behauptung liefere, dass „die Anordnung der Linien dem
Künstler mehr am Herzen liege als der Ausdruck selber",
und mit diesen an feinen Beobachtungen reichen Studien
leitet er über zu der eigentlich formalen Analyse der
Thoiwaldsen'schen Kunst, als deren Grundzng er das
Gleichgewicht hinstellt. Hier erhebt sich von neuem die
Frage nach seinen Vorbildern, vor allem nach seinem
Verhältnis zur Antike und zu dem seiner Natur diametral
entgegengesetzten Michelangelo. Der Freund und Kenner
der Antike — und etwas davon muss ja in jedem stecken,
der sich für Thorwaldsen interessirt — wird diese Seiten
mit besonderem Genuss lesen, weil sie manche selbst
dem Laien sich aufdrängenden Vergleiche mit sorgsam
abwägender Kritik durchführen. Schade, dass der Ver-
fasser sich hier nicht noch ausführlicher äußert und
neben Werken, die sicher keinen Einfluss auf Thor-
waldsen übten, nicht bestimmter jene Kategorieen von
Antiken bezeichnet, die ihn am meisten anziehen mussten.

Er würde dann die eigentlichen Verwandten Thorwaldsen-
scher Gestalten in Werken vom Schlage des Eros von
Centocelle und des sog. Adonis des Gabinetto delle
maschere, also in Werken gefunden haben, die zu dem
kühlen Formalismus, zu dem Streben nach Gleichgewicht,
das Polyklet gelehrt hatte, die rechte Dosis attischen
Liebreizes und attischen Sentiments hinzu mischten, was
selbst der Grundstimmung des Archaisirens, die Thor-
waldsen mit besserem Erfolg, als man erwarten sollte,
in seiner Statue der „Hoffnung" anschlug, gar nicht so
fern lag. Als Verwandten der besten antiken Kunst
schildert Lange seinen Künstler endlich auch in seinem
gleichmäßigen Interesse für das Ganze der menschlichen
Gestalt, das ihm nicht erlaubt, dem einzelnen Körper-
teil, selbst dem Kopfe, eine überwiegende Bedeutung zu
geben oder tiefer in den Organismus der Einzelform
einzudringen, was nicht ausschließt, dass er auch ein
großer Porträtbildner, freilich von „milder und artiger
Charakteristik des Individuellen" war.

Diese Andeutungen müssen genügen, um einen Be-
griff davon zu geben, welche Fülle von anregenden Be-
obachtungen dieses Buch dem Leser darbietet. Wer,
glücklicher als der Referent, in der Lage ist, auf das
Original zurückzugehen, wird zweifellos größeren Genuss
davon haben; denn die Übersetzung ist mit recht stören-
den Mängeln behaftet, vor allem mit dem schlimmsten,
dass sie nicht deutsch klingt, so dass man vermuten
möchte, die Übersetzerin sei eine Deutsche, die schon lange
Jahre im Ausland lebt. Aber auch ganz grobe Schnitzer
sind reichlich vertreten; regelmäßig ist von „Figurstil"
die Rede, ein „Wahlitz" thut sich S. 12 auf, S. 58
lernt man die wunderbare Form „am thorwaldsensten"
kennen, und geradezu peinigend wirkt ein immer wieder-
kehrender Fehler, der selbst einem deutschen Zeitungs-
schreiber so oft noch nicht begegnet: die Gruppe von
dem Frieden, die Statue von Christus, von der Hoffnung,
das Relief von den Jahreszeiten.

Die Übersetzerin muss man auch für das schöne
Bild verantwortlich machen, dass die französische Kunst
Thorwaldsen's Großvater gewesen sei (S. 109), wie end-
lich auch ein fast unglaublicher sachlicher Fehler, die
„Schwertwunde" Christi, auf ihr Kerbholz kommt. Der
Verfasser aber darf es sich zum Lobe anrechnen, dass
die Übersetzung nicht im stände ist, dem Leser die Freude
an dem schönen und bedeutenden Buche zu verderben.

_ B. SAUER.

Die Königin Luise, in 50 Bildern für Jung und Alt von
O. Röchling, R. Kriotel und W. Friedrich. Volksausgabe.
Verlag von Paul Kittel, Berlin. Kart. 3 M.

Das Buch vom alten Fritz, das die Verlagsbuchhandlung
im vorigen Jahre veröffentlicht hat, erzielte einen großen
und vollauf verdienten Erfolg. So populär der Gegenstand
ist, so war es auch die Art der Behandlung. Ein Seiten-
stück jenes Werkes der Königin Luise zu widmen, lag nahe,
und die Ausführung hat denn auch nicht auf sich warten
lassen. Um die anmutige, heldenmütige Dulderin im Bilde
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