Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Die Winterausstellungen in London.

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demie zu der obigen Neuerung veranlasst, die im nächsten
Jahre durch die Millais-Ausstellung ihre wahrscheinlich«
Bestätigung erhalten wird. Zunächst behauptet die
Direktion mit den Ausstellungen der alten Meister
schlechte finanzielle Eesultate erzielt zu haben. Hierauf
erfolgte seitens des Publikums in Wort und Schrift die
unzweideutige Antwort, dass ein Staatsinstitut in der
Hauptsache Kunstzwecke und keine Geschäfte im Auge
haben dürfe. Der andere Grund für Abweichung von
der hergebrachten Eegel ist allerdings unwiderlegbar.
Die Akademie sieht sich nämlich zu dem unbequemen
Eingeständnis gedrängt, dass die für unerschöpflich ge-
haltene Vorführung bisher nicht bekannter Werke alter
Meistern aus englischem Privatbesitz sich kaum mehr
durchführen lassen wird. Um die vorhandenen Lücken
auszufüllen, werden, mit Hinweis auf Leighton und Millais,
auch erst kürzlich verstorbene Meister in die betreffen-
den Winterausstellangen einbezogen werden. Vor allem
aber macht sich der den Engländern wenig Freude be-
reitende Umstand immer fühlbarer, dass das Ausland,
namentlich Deutschland und Amerika, stetig fortfahren,
gute alte Werke aus dem hiesigen Privatbesitz an sich
zu reißen. So wird besonders der für England un-
wiederbringliche Verlust des Eembrandt beklagt, der aus
der Sammlung des Grafen Ashburnham in das Berliner
Museum gekommen ist, und Tizian's „Raub der Europa",
aus des Grafen Darnley Kollektion, die im wahren
Sinne des Wortes jenseits des Oceans, wenngleich in
diesem Falle nach Amerika entführt wurde. Nicht minder
schmerzlich wird der Verlust empfunden von Dürer's „Ma-
donna mit dem Finken" aus LordLothian's Besitz. Bei dieser
Gelegenheit will ich nicht verfehlen auf ein vortreff-
liches, soeben herausgekommenes Werk von Lionel
Cust aufmerksam zu machen, das über Dürer handelt:
„Albert Dürer's Painting by Lionel Cust." Der Ver-
fasser, früher im Kupferstichkabinett des Britisch-Museums
thätig, jetzt Direktor der „National-Portrait-Gallery",
kommt in seinem Buche zu dem freimütigen und aner-
kennungswerten Geständnis, dass in England sich nur
zwei echte Bilder von Dürer, in Hanipton-Court und in
Syon-House, befinden.

Die letzte Ausnahme zu der Entfaltung einer Sonder-
ausstellung in den Bäumen der Akademie war dem An-
denken G. D. Bosetti's gewidmet, der im nächsten Jahre,
wie bereits erwähnt, Millais folgen soll, und werden
dann interessante Vergleiche angestellt werden können.
Der Vergleich, der uns heute aufgenötigt wird, ist der
von Leighton mit Watts in der „New-Gallery". Es
bietet sich eine seltene Gelegenheit, die Werke zweier
Meister von hohem Talent, mancher scheinbaren Ähn-
lichkeit und doch großer Verschiedenheit zu prüfen.
Watts ist voller moralischer Ideale, Leighton voller
idealer Dekoration. Die moderne Schule findet Leighton's
Bilder zu dekorativ, kalt und ohne Gefühl. Aber auch
seine Freunde können nicht umhin, einzugestehen, dass,

obgleich seine Klassik nie der Grazie entbehrt, dennoch
seinen Bildern oft etwas Liebloses anhaftet, und dass
ferner bei den Porträts das Äußere zu auffallend, da-
gegen das Innere, die Seele, zu wenig tief empfunden
wird. Leighton und die Präraphaeliten sahen sich gegen-
seitig als Rebellen an. Dessen ungeachtet erinnern seine
sorgfältigen Vorstudien an die Florentiner und seine
musterhafte Zeichnung an Dürer, aber trotz Aktstudien,
malerischer Erfassung und schöner Farben mangelt es
an künstlerischem Herzblut. Keines seiner Werke nötigt
uns den Ausruf ab: „Scendi e parla!"

Diejenigen Besucher, welche die Ausstellung ernstlich
nehmen, beginnen mit der Besichtigung der hier vorhandenen
Zeichnungen und Studien zu seinen späteren Bildern. Aus-
genommen Ingres, Lawrence undMenzelgiebt es wohl kaum
einen modernen Meister, der so umfassende Vorbereitungen
veranstaltet, und bildet in dieser Beziehung Leighton viel-
leicht den größten Kontrast zu Wereschtschagin, der be-
kanntlich gar keine Vorstudien betreibt. Der englische
Künstler zeigt hier den merkwürdigen Fortgang eines Bildes,
indem er zuerst den Körper nackt zeichnet, und dann in an-
deren Skizzen immer mehr den Entwurf entwickelt. Ja,
in vielen Fällen geht Leighton noch weiter, und so wie
Meissonier und andere Zeitgenossen modellirt er seine
Hauptfiguren in Wachs oder Gyps. Mitunter geschieht
dies sogar in Bronze, wie bei einem seiner besten Bilder
„Der Garten der Hesperiden". Leighton war also auch
Bildhauer. .Nichts schmerzte ihn jedoch so sehr wie der
Umstand, dass gerade diejenigen Bildhauerarbeiten, welche
er selbst als seine eigenartigsten Werke bezeichnete,
„Der Athlet mit einer Pythonschlange kämpfend" und
„Perseus und Andromeda", beim Publikum keinen nennens-
werten Beifall fanden. Ersteres ist zweifellos eine gute
anatomische Studie, stößt aber ab, weil der ganze Vor-
wurf zu sehr forcirt ist.

Aus der Aufzählung seiner hervorragendsten Ar-
beiten wird es sofort klar, dass Leighton nicht mit Unrecht
der akademische Maler der Mythe und der klassischen
Geschichte genannt worden ist. Das erste bedeutende
Jugendwerk des Künstlers betitelt sich „Cimabue's Ma-
donna in Prozession durch die Straßen von Florenz ge-
tragen". Dieses im Jahre 1855 vollendete, mehr einem
Friese wie einem Gemälde ähnliche Werk begründete
seinen Ruhm, da die Königin Victoria dasselbe ankaufte
und es im Buckingham-Palast aufhängen ließ. Ebenso
wie dies sind alle Bilder des Meisters gut erhalten,
dagegen hier die Farbentöne nicht nur in sich, sondern
auch in den Uebergängen noch hart und ohne Abstufung.
Der Entwurf, obwohl er das Trecento behandelt, hat einen
starken Anklang an die von ihm in Deutschland verlebte
romantische Periode seiner Jugendstudien. Die mittelalter-
liche Romantik ist hier in der ihm eignen sentimentalen
Weise modern interpretirt. Das Sujet selber ist nach der
Beschreibung Vasari's ausgeführt. Vor dem Bilde schreitet
Cimabue an der Hand den Knaben Giotto, und weiter
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