Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Die Winterausstellungen in London.

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im Gefolge befinden sich Arnolfo di Lapo, Nicola Pisano,
Dante und die Notabein von Florenz. „Salome", 1857
entstanden, zeigt den Einfluss Millais und der Prä-
raphaeliten. Schließlich aber bestand der größte Gegen-
satz namentlich zu Eosetti, der künstlerisch viel höher
veranlagt war, dem aber die Grammatik nicht so geläufig
war, d. h. Leighton überragte ihn wesentlich in der Zeich-
nung. In dem Bilde „Eine römische Lady" kommt
die Schultendenz von Ingres zu Tage. Wahrscheinlich
ist das Original zu dem Werke in einem Mädchen von
Capri mit hellenisch-saracenischer Abkunft zu suchen.
,,Michelangelo seinen sterbenden Diener stützend" ist eine
schwache Schöpfung und trägt fast einen Amateurzug
in sich, während „Goldene Stunden" zu sehr aus dem
Palazzo Pitti kopirt, und ein Phantasiebild „Moretta"
durch einen Stich von Cousins bekannt sein dürfte. Eine
sehr gute Arbeit aus dem Jahre 1862 ist der „Stern
von Bethlehem", der in Auffassung und Ausführung noch
auf Eosetti hinweist, und sich zu einer gewissen Höhe
über das Niveau hinauf schwingt. Zeitweise ahmte
Leighton mit brillantem Geschick Delacroix nach, so be-
sonders in der hübschen Skizze „Orpheus im Hades".
Umgekehrt muss das 1864 ausgestellte Bild „Orpheus
und Eurydice" als ein Fehlschlag bezeichnet worden. Am
meisten hierzu mögen die gewaltigen Verhältnisse der
Leinwand beigetragen haben. Ein bedeutend kleineres
Werk von Watts, welches dasselbe Sujet darstellt, gilt
als eins der gelungensten Werke des letztgenannten
Meisters, dessen Einfluss auf Leighton gleichfalls in zwei
Bildern erkennbar wird. Das eine „Im Atelier", 1870 in
Venedig gemalt, befindet sich als Geschenk im Besitze
von Watts, das andere, ein Portrait des Eeisenden und
Schriftstellers Burton, wurde der „Portrait- Gallery" ver-
macht. Dies gilt allgemein als das beste Porträt, welches
Leighton je schuf, denn es ist das einzige, in welchem
Kraft und Energie zum Ausdruck kommt.

Den Glanzpunkt und die Höhe des Meisters erkennen
viele seiner Zeitgenossen in dem 1876 ausgestellten Bilde
„Daphnephoria". Dies Kolossalgemfilde stellteineTriumph-
prozession der Thebaner zu Ehren des Apollo und zum
Gedächtnis eines Sieges über die Aeolier dar. Der den
Zug leitende jugendliche Priester in weißem Gewände
ist thatsächlich eine ungewöhnlich edle und schön em-
pfundene Erscheinung, dagegen meinem Urteil nach die
übrigen Figuren und Gruppen weniger bedeutend. Unter
den Landschaften ist ein Juwel hervorzuheben, das in
der Farbe und Stimmung an Böcklin erinnert und den
Titel führt „Ein maurischer Garten. Traum in Granada".
Das Selbstbildnis des Meisters konnte leider aus der
neu in Florenz errichteten Porträt-Galerie nicht zur
Stelle geschafft werden. Von den 324 ausgestellten
Werken Leighton's mögen nur in aller Kürze nachfol-
gende erwähnt werden: „Die Nixe", „König David",
„Ariadne", „Dädalus und Ikarus", „Die tragische Muse",
„Klytia", „Corinna von Tanagra", „Atalanta", „Sommer-

schlaf", „Der Geist des Berges", „eine Bacchantim" und
„Die schöne Perserin". Die Zeichnungen zu den Lü-
netten machen einen vortrefflichen Eindruck, während
die farbige Ausführung derselben im South-Kensington-
Museum ziemlich kalt lässt.

Die Gründe, warum Leighton, trotzdem er kein ge-
nialer ausübender Künstler war, dennoch einen so nach-
haltigen Einfluss ausübte, wurden bereits weiter oben
dargelegt. Die staatlichen und auch die größeren Privat-
kunstinstitute haben in ihren Ausstellungen fast niemals
deutsche Arbeiten aufgenommen, wie es denn überhaupt
die größte Seltenheit ist, Werken deutscher Meister hier
zu begegnen. Knaus und Menzel sind Ehrenmitglieder
der hiesigen Akademie. Aber, selbstverständlich stets
im allgemeinen gesprochen, auch diese sind hier kaum
bekannt. Was soll man indessen dazu sagen, wenn ein
Meister wie z. B. Watts, weder Böcklin noch sonst irgend
einen deutschen Künstler kennt. Wir haben glück-
licherweise Kenntnis von der englischen Kunst! Einer der
wenigen englischen Künstler, die uns zu kennen glaubten,
war Leighton. In seiner Wissenschaft mischte sich
Wahres mit Unrichtigem, und was er von uns im Vorder-
satze lobte, das wurde im Nachsatze aufgehoben. Weil
er als Präsident der Akademie durch seine Persönlich-
keit und namentlich durch seine offiziellen Vorträge ge-
wissermaßen in England amtlich, und auch vielfach in
Privatkreisen, das Urteil über unsere gesamte Kunst
feststellte, und diese seine Ansicht fast als Norm in die
weitesten Kreise übergegangen ist, scheint es der Mühe
wert, uns in fremder Beleuchtung kennen zu lernen. Sein
letzter größerer Vortrag galt der deutsch-österreichischen
Kunst.

Nachdem Leighton im Eingange seiner akademischen
Jahresrede tadelte, dass in der deutschen Kunst die
ethische Seite stets die ästhetische überwiegt, fährt er
fort: „Der edelste und vollste Ausdruck jenes tief poe-
tischen Elements, welches an der Wurzel des deutschen
Charakters liegt, ist der Welt nicht durch Form und
Farbe, nicht durch die Wellen des Lichtes gegeben. Es
ist Deutschland vorbehalten geblieben, uns auf den Wellen
des Tones in die reinsten Eegionen der Ästhetik zu
führen." Nach diesen einleitenden Bemerkungen gab der
Präsident der Akademie eine historische und summarische
Ubersicht der bildenden und der Kleinkünste. Der
Eedner sagt: „In der Architektur ist Deutschland im
romanischen Stile zu sehr von Italien und Frankreich
beeinflusst worden, um einen selbständigen deutsch-roma-
nischen Stil auszubilden. Der gotische Stil in der
Baukunst ist in Deutschland nicht durch Evolution und
organisches Wachsen, von innen heraus, sondern nur
durch Berührung von außen her, daher ohne normales
inneres Leben entstanden. Es ist ein in Deutschland
allgemein verbreiteter Irrtum, der den gotischen Stil
als einen vorzugsweise nationalen feiert. Mit vereinzelten
Ausnahmen ist das deutsche Volk niemals in sich einig
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