Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Allegorieen und Embleme.

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nichts dergleichen, keine Philosopheme, lauter unbe-
kümmertes Leben, Schweben, Tanzen, Laufen, Springen
und Balgen. Die in virtuoser Federtechnik ausgeführten
Kompositionsmotive zu ganzen Eeihen von Karten und
Vignetten sind schier unerschöpflich. Nichts von Pessi-
mismus, keine Grübelei, Freude an allem, was Form hat,
lautes Lachen und derbe Sinnlichkeit, —jenseits von Gut
und Böse. Der Erdgeruch, den die Stuck'schen Fabel-
wesen an sich haben, unterscheidet sie merkwürdig von
denen Böcklin's; sie sind nicht so ganz märchenhaft, so
ganz aus einer „andern Welt", wie die des Baseler
Meisters. Sie sind ein Geschlecht, welches zwischen
Fabel und Wirklichkeit lebt, doch keine Bastarde von
Böcklin'schen Tieren. Diese haben etwas völlig in sich
Abgeschlossenes. Stuck's Tiere sind dagegen mehr zu
Faunen und Satyrn ausgewachsene Waldmenschen oder
Bauernlümmel mit Bocksbeinen, die doch mehr oder
weniger alle noch an der Scholle kleben. Man sehe die
wie wahnsinnig rennenden, sich die Beine fast aus-
renkenden Kerle, die den Strauß verfolgen; oder die
beiden, die den Fisch aus dem Wasser zerren und mit
aller Macht an der Schnur reißen, während die Nixe,
aufs höchste erschrocken, ihren Schützling gegen die
Kangen verteidigen möchte! Da ist Urtrotz und Über-
mut; aber auch etwas gar zu menschlich Nahes, so eine
Art „Darwinismus", der nie bei Böcklin vorkommt. Bei
Stuck ist der Wirklichkeitssinn noch intensiver; auf ihn
scheint das Wort des „Eembrandtdeutschen" wie gemünzt:
„Das reiche Kapitel der Symbolik und Mystik steht nur
dem ganz zur Verfügung, der ihm einen ebenso reichen
Schatz kräftigen Wirklichkeitssinns an die Seite setzen
kann."

Stuck macht uns stets den Eindruck eines Natur-
burschen vom Lande, dem in der Stadt die Naivetät
abhanden gekommen ist, ohne dabei die derbe Bauern-
kraft zu verlieren. Da ist z. B. die „Putzmacherin":
eine vollbusige Münchenerin, die unter dem knappen
Schnürleibchen des Lebens Überfülle kaum zurückhalten
kann, Landmädchen und Stadtgrisette in einer Person,
charakteristisch für das Wesen des Naturburschen Stuck,
der das mit einer Lust zeichnet, die nicht mehr weit
entfernt von Lüsternheit ist. Und wie dieses stramme
Evakind sich das städtische Raffinement angeeignet hat,
so ist auch Stuck bald rafflnirter geworden, berechnender,
koketter; aber ein derber Leib sitzt bei aller „Ver-
feinerung" unter der äußeren Verkleidung; der möchte
dann auch bei Gelegenheit die Fesseln sprengen — wie
die eingeschnürte Fülle der drallen „Putzmacherin".

Die' Entwicklung dieses merkwürdigen Talents zu
beobachten, bot die Ausstellung reichliche Anhaltspunkte.
Das Gesundeste leistet Stuck vielleicht in den lustigen
Karten und Vignetten; seine Erfindungsgabe kennt da
keine Grenzen und sein eminentes Zeichentalent stempelt
ihn zum geborenen Stilisten, zum Gelegenheitszeichner
— im guten Sinne — von Tanz-, Wein-, Menu- oder

Hochzeitskarten. Die naive Frische aller dieser Blätter
hat noch nichts von dem absichtlich dämonischen Zug
des späteren Stuck an sich. Einige von den Wappen
(das Goldschmiedewappen, das Wappen der Weber in
England, Buchhändler- und Buchdruckerwappen u. a. m.)
sind auch ganz prächtig, voll lebendiger Formen und
geschlossen in der Wirkung. Die früheren Arbeiten sind
so gut, dass sie den Wunsch zeitigen, der Künstler
hätte nie diese Bahn verlassen. Auch als Lehrer war
seine Wirkung kaum eine gute zu nennen. Auf ein-
drucksfähige und schmiegsame Talente — wie der Wiener
Engelhardt z. B. — wirkt seine Art mehr erdrückend
als fördernd; das haben wir auf der letzten Wiener
Jahresausstellung gesehen.

Interessant ist es, unter den Allegorieen einige von
Max Klinger zu studiren. Sie sind spröde und für kunst-
gewerbliche Reproduktion kaum geeignet, aber sie zogen
uns dennoch an, aus einem andern Grunde. In diesen
Sachen ist 'nämlich das unzureichende Können neben dem
übermenschlichen Wollen noch deutlich erkennbar; diese
seltsame Überhäufung von Gedanken, die sich drängen
und schieben und nach Ausdruck ringen, wertvoller an
Inhalt als an künstlerischer Form, nicht frei von Feh-
lern, Verzeichnungen und Geschmacklosigkeiten, tastend
in der Technik. Am geschlossensten in der Wirkung
ist unter diesen Blättern die schön komponirte und
energisch herausgearbeitete Allegorie der „Monarchie".
Auch in der Technik zeigt sie schon einen höheren Grad
der Beherrschung, z. B. in der Behandlung des Hermelins
und des Stofflichen überhaupt. Inhaltlich ist sie von
Größe des Gedankens getragen, nicht ohne eine leise
Beimischung von Ironie. Eine hohe, hagere Herrscher-
gestalt, mit Habichtsnase und stechendem Blick, voll
Energie und Leidenschaft, empfängt von einem in einer
Sonnenglorio herabschwebenden Engel das Symbol der
königlichen Gewalt, den goldenen Kronreifen, nach welchem
die dünnen, gekrüminten Finger ungeduldig, fast hastig,
greifen, während der Thronerbe in der Wiege liegt und
mit seinem altklugen Gesicht sich seiner Bedeutung
schon vollauf bewusst erscheint. Das Ganze ist rechts
erhöht auf einem Thron, zu dem Stufen hinaufführen,
indessen die Großen des Reiches, die geistlichen und
weltlichen Fürsten und Vasallen, zur Huldigung ver-
sammelt sind. Die Sonnenstrahlen beleuchten hell den
Herrscher und seinen Sohn und Erben, der noch in den
Windeln liegt: also das richtige „Gottesgnadentum". So
viel lässt sich nötigenfalls mit Worten wiedergeben, die
Eigenart und Wucht der merkwürdigen Koniposition
nicht. Mit mächtigem Wollen ist es dem Künstler hier
geglückt, die Gedanken in Form zu zwingen und den
Mangel an technischer Gewandtheit zu überwinden. In
der herben Formensprache, besonders bei den muskulösen
Mannweibern, berührt sich Klinger's Empfinden wirklich
mit dem Michelangelo's; diese des „ewig Weiblichen"
ganz entbehrenden Frauenleiber sind vom Geschlecht der
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