Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 16.1905

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STOCKHOLM, NORDISCHES MUSEUM,
BALASTUGA AUS HALLAND, URSPRÜNGLICHE AUFSTELLUNG

NORDISCHE FREILUFT-MUSEEN

VON H. E. v. BERLEPSCH-VALENDAS

STÄDTE, in denen die Bodengestaltung nicht
ohne weiteres jeden »verbessernden« Eingriff
des menschlichen Willens gestattet, wo Berg
und Tal und tiefe Wasserbecken dem bureaukratischen
Lineal Halt gebieten, sind hinsichtlich der architek-
tonischen Bildwirkung stets im Vorteil gegenüber
anderen, deren Terrain ohne namhafte Schwierigkeiten
die Ausführung von guten und schlechten Einfällen
der umgestaltenden Mächte erlauben. Gar mancher
Unberufene, der nur mit Reisschiene und Stift »schöpfe-
risch« tätig ist, empfindet das dringende Bedürfnis,
der Physiognomie von Stadt und Land ein sprechen-
des Vermächtnis der eigenen Beanlagung zu hinter-
lassen. Wo Bodenerhebungen ganz von selbst zur
Bildung abwechselungsreicher Silhouetten Veranlassung
bieten, wo Flußläufe oder Seearme das enge Zu-
sammenwachsen der Häusermassen nicht durchweg
zulassen, kann selbst beim besten Willen nicht
alles, was Bildwirkung heißt, so vollständig ver-
dorben werden, wie da, wo jeder Einfall sich ohne
Schwierigkeiten ausführen läßt. Stockholm gehört in
dieser Hinsicht mit zu den bevorzugten Städten. Der
felsige, nichts weniger als ebene Grund steckte allen

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nivellierenden Bestrebungen gewisse Grenzen; die
vielgestaltigen und tief ins Land schneidenden Meeres-
buchten, die aus ihnen emporragenden Inseln und
die größeren Terrainflächen ließen jene Gleichmäßig-
keit der Verbauung nicht allseits zu, deren Monotonie
für den Charakter der meisten modernen Großstädte
bezeichnend ist. Freilich auch auf diesem Boden
hat die Neuzeit tabula rasa gemacht mit allen nicht
monumentalen Überbleibseln früherer Perioden. Da-
für entstand manches umfängliche Neue, Gutes,
Schlechtes, auch manches was herzlich langweilig
wirkt, trotz der aufgewendeten Mittel, weil es nur
von auswendig gelernten Formeln, nicht aber von
Einfällen spricht, auch nicht von Ausnützung der
Lage. Das ewig bewegliche Element, das Meer,
und all die Erscheinungen, die es trägt, wirken
indes so stark, daß selbst akademisch tadellos
langweilige Fassaden nicht dagegen aufzukommen
vermögen: Das zitterige Spiegelbild im Wasser ver-
söhnt mit mancher Härte und Unfeinheit, die weit
drastischer wirken würde, erhöbe sie sich anderswo,
als gerade da. Freilich — manchmal fragt man sich
unwillkürlich, ob denn fast allen Baukünstlern das

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