Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 18.1906-1907

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BAUKUNST UND KLEINKUNST

Von H. P. Berlage in Amsterdam

ES war mir ganz anders zu Mute, als ich vor
etwa zwei Jahren zum zweiten Male die italie-
nische Grenze passierte im Vergleich zu meinen
früheren Empfindungen, als ich einst zu der üblichen
Studienreise nach Italien zog.

Ich sage, ganz anders zu Mute, nicht weil man
mit den Jahren kunsterfahrener, denn das ist selbst-
verständlich, sondern urteilsreifer und daher kritischer
geworden ist.

Wird doch die übliche italienische Reise wohl
hauptsächlich des Studiums der klassischen Kunst
wegen gemacht, und es ist daher ein schmerzliches
Empfinden, wenn man als junger Student sich der
allgemein gültigen Lehre hingegeben hat, und nachher
selber erfahren muß, daß eben doch andere, und zwar
viel stärkere Erwägungen gelten, welche das Kunst-
empfinden gänzlich umbilden. Denn es sind schließ-
lich Prizipienfragen, welche einen zuguterletzt be-
schäftigen, und welche den Schönheitsäußerungen voran
gehen sollen; denn über Prinzipien läßt sich reden,
über die Schönfinderei bekanntlich nicht.

So kam es, daß die anerkannte Schönheit der
Genueser Paläste mir nicht mehr dermaßen imponierte
und mir sogar eine Capella Pazzi architektonisch nicht
mehr so unanfechtbar schien; daß die San Marco-
Bibliothek nicht mehr imstande war, mich lebhaft zu
erregen, und die Gebäude der Prokuratien mich ziem-
lich kalt ließen.

Aber dafür kam mir das Rathaus in Siena um so
schöner vor, wenn auch gewissermaßen unbeholfener,
und der Or San Michele um so bewunderungswür-
diger, wenn auch mit viel weniger Aufwand auf-
gebaut.

Denn wie gesagt, schließlich kommt man doch
zum Vergleich, und dadurch zu einigen Prinzipien;
und merkwürdigerweise läßt sich demzufolge be-
obachten, daß im selben Moment die Schönheitsver-
neinung eintritt, wenn jene Prinzipien nicht einge-
halten sind. Denn Schönheit ist, wie gesagt, keine
Gefühlssache allein; im Gegenteil, sie soll durch die
Rede kontrolliert werden.

Schon Burckhardt bemerkt in seinem Cicerone,
daß es bisweilen bedauert wird, daß Brunellesco und
Alberti nicht auf die griechischen Tempel, statt auf
die Bauten von Rom stießen.

Ich glaube dies; denn, abgesehen von der aller-
dings genialen Geschmacksverirrung eines Schinkel,
wird doch eine natürliche Kunstentwickelung immer
fußen in dem nächst vorhandenliegenden; und das
waren für jene Künstler die alten römischen Reste.
Nicht dies ist aber am meisten zu bedauern, sondern
daß sie auch die Fehler der römischen Kunst mitge-

nommen haben. Denn man stellt sich doch früher
oder später die Frage, wie die Römer jemals dazu
kommen konnten, das Säulenschema in derartiger
Weise anzuwenden.

Eine Säule ist doch prinzipiell ein Konstruktions-
element, isolierter Stützpunkt, und als solcher von
Ägyptern und Griechen niemals anders verwendet
worden. Ja, die Säule ist nach Alois Riegl, ursprüng-
lich sogar keine belastete Dachstütze, sondern ein frei
endigender Pfosten (Zeltstange!) So wie die palmetten-
gekrönte griechische Stele. Deshalb ist das Kapital
ursprünglich ebenfalls nur Bekrönung und nichts als
Bekrönung, und die Funktion des Vermitteins zwischen
tragender Säule und lastendem Architrav wird erst
viel später dem baukünstlerischen Sinn bewußt, und
ein ästhetisch bedeutsamer Faktor.

Was machten nun aber die Römer? — Indem
ihnen dieses Prinzip nicht einzuleuchten schien, nehmen
sie die Säule aus der konstruktiven Funktion heraus,
und gebrauchen sie schließlich nur als Dekorations-
material; entweder stellen sie sie vor die Mauer,
auf einem besonderen Postament und geben ihr ein
eigenes Gebälkstück; oder, und das ist wohl der aller-
schlimmste Fall, sie halbieren die Säule, und stellen
sie gegen die Mauer, auf ein halbes Postament, mit
gerade durchgehendem Gesims, oder verkröpftem Ge-
bälkstück.

Dies ist nun vom prinzipiellen Standpunkt be-
trachtet sehr schlimm, ja sogar unbegreiflich, und nur
zu erklären aus Gedankenlosigkeit. Diese Kunster-
findung war aber sehr praktisch, indem dadurch das
Problem der vielstöckigen Gebäude architektonisch
gelöst wurde. Denn dieses Schema ließ sich leicht
übereinander stellen; und indem von den Triumph-
pforten, an welchen zuerst dieses Motiv versucht, eben-
falls der zwischengelegte Bogen mitgenommen wurde,
warder mehrstöckige Arkadenbau geschaffen, in welchem
dann die Arkaden eventuell Fenster werden.

Mit diesem System ist nun allerdings Großartiges
geleistet worden; aber wie gesagt, prinzipiell bleibt
eine solche Architektur nicht zu verteidigen.

Aber, die Römer waren keine feinfühlenden Künst-
ler; vielmehr praktische Ingenieure; und so machen
denn auch ihre Bauten den Eindruck von Ingenieur-
werken, welchen eine Säulenarchitektur angeklebt wurde,
um sich über das praktische Niveau zur monumen-
talen Architektur zu erheben. Es scheint mir aber,
daß die römische Architektur eben bei dieser prak-
tischen Ingenieurauffassung hätte bleiben sollen; um
so schöner, ja um so erhabener wäre sie gewesen.
Aus der ganzen römischen Baukunst kenne ich nichts
großartigeres, als die lange Aquäduktenlinie durch
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