Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 18.1906-1907

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BAUKUNST UND KLEINKUNST

Von H. P. Berlage in Amsterdam
(Schluß)

EIN Beispiel für unsere Behauptung ist z. B. die
Volute. Diese Form ist ein allgemein verwen-
detes Kunstmotiv. Semper erklärt sie aus der
Textilkunst, also wie immer technisch materiell. Es
gibt aber Völker, wie z. B. die Maori auf Neusee-
land, welche weder Textilkunst noch Leder haben,
und doch die Volute, die Spirale, sogar bei ihrer
kunstvollen Ornamentik, viel verwenden.

Es scheint daher angemessen, dieselbe wirklich
als eine ursprüngliche Kunstform zu betrachten, und
zwar als ein geometrisches Ornament, aus einer
Figur konzentrischer Kreise entstanden; überhaupt ein
Motiv, zu welcher jede neue Kunst wieder zurück-
kehren muß.

Nebenbei gesagt ist dies schon in der modernen
Kunstbewegung der Fall, was ich nachher näher
zeigen werde.

Und sehr wahrscheinlich ist auch das geometrische
Ornament nicht zuerst in Textilarbeit ausgeführt
worden. Denn ursprünglicher als das Bedürfnis des
Menschen nach Schutz des Körpers durch textilische
Produkte ist dasjenige nach Verzierung des Körpers;
und unter diesen Verzierungen sind ebenfalls linear
geometrische Ornamente.

Mit dieser Tatsache fällt also das Prinzip der
Identifikation von Textil- und Flachornament; ja so-
gar der sogenannte Wappenstil, die symmetrische Pla-
cierung von zwei Figuren zu beiden Seiten eines
Mittelmotivs, ist nicht ursprünglich textil.

Aber jedenfalls war die Volute anfangs ein Flach-
ornament, das aber allmählich auch in die Plastik
übergegangen ist. Wir treffen die Spirale dann auch
überall, und bis zur höchsten Vervollkommnung bei
den Griechen; zuerst in der archaistisch mykenischen
Kunst, und plastisch am ionischen Kapital, sogar
stellenweise mit einer sehr häßlichen Ecklösung. Aber
dieselbe Volute wird ein sehr gefährliches Motiv in
Händen von Zeichnern, insofern daß dieselbe sich
leicht zeichnen läßt, aber dafür noch nicht immer
ausführen.

Und wenn dieselbe an kleinkünstlerischen Gegen-
ständen z. B. von Metall auch leichter ausführbar,
so ist sie es sehr oft nicht in Stein. Ich erwähne
nun als ein absolut naives, aber dazu häßliches Motiv
der Frührenaissance die Eckfüllung an Kirchen zur
Bildung des Übergangs des hohen Mittelschiffes zu
den niedrigen Seitenschiffen. Das muß ursprünglich
eine Lösung auf Papier gewesen sein, denn in einer
Zeichnung macht sich eine solche spielend leicht.

Aber ein Baumeister, welcher sich zu einem solchen
Detail hat verführen lassen, ist mehr Dekorations-
zeichner als Baumeister.

Weshalb Alberti nicht ganz einfach die schräge
Dachkonstruktion gezeigt hat, wie es die Gotiker
getan, ist wirklich unbegreiflich. Schon Burckhardt
erwähnt dieses als ein erstes bedenkliches Beispiel
einer falschen Vermittelung, indem ihm, d. h. dem
Alberti, wahrscheinlich die angelehnten Halbgiebel zu
streng erschienen gegenüber der sonstigen dekorativen
Haltung des Ganzen. Wie gesagt, das ist nur zu er-
klären aus dem allmählich eingedrungenen Geist des
Dekorierens statt des logischen Bauens, einen Geist
des spielenden Zeichnens, aber nicht des folgerich-
tigen Verfahrens einer starken Architektur. Doch
scheint der Geist des Dekorierens den Italienern im
Blut zu sitzen, denn alsbald vergessen sie bei ihren
gotischen Domen die Konstruktionslogik und stellen
drei dreieckige Giebelfelder nebeneinander, welche
ebensowenig den richtigen Querschnitt wiedergeben.

Wie dem auch sei, das Motiv war einmal da und
bleibt bestehen, es wird ausgebeutet, es lebt sich aus.

Es ist als ob man in der Renaissance sich scheut
vor rechtwinkligen Übergängen; immer wird eine
Eckfüllung angebracht, und zwar zuletzt mit großem
Talent; diese gefallen jedenfalls besser als die nach-
her von Palladio in klassischem Geiste an der Reden-
torekirche zu Venedig gebildeten halben Dreiecks-
giebel.

Diese Eckfüllungen bilden sogar ein charakte-
ristisches Hauptmotiv der ganzen nordischen Renais-
sance, nämlich der niederländischen und der deutschen,
indem sie dazu dienen, die mehr oder weniger hohen
Stufen der sogenannten Stufengiebel auszufüllen.

Die Spirale ist zwar nicht immer da, aber meisten-
teils doch, denn sie bildet die leichteste Übergangs-
lösung, bis sie dann natürlich im Barockstil wirklich
Hochzeit feiert, in allen möglichen Zusammen-
stellungen, in der italienischen Renaissance oft in
riesenhaften Dimensionen, wie an der Kirche St. Maria
della Salute in Venedig, aber die Grundform bei-
behaltend; in der nordischen Renaissance mit großer
Phantasie zu den kompliziertesten Skulpturen umge-
arbeitet, mit allen möglichen Figuren von Menschen
und Tieren, Girlanden, Masken usw.; kurz und gut,
mit dem ganzen Aufwand der schon obengenannten
Ornamentik der nordischen Meister. Die malerische
Umrißlinie der Amsterdamer »Grachten« ist größtenteils
diesen Giebeldekorationen zu verdanken.
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