Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 21.1910

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DER MODERNE KUNSTHISTORISCHE UNTERRICHT



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selbst in ihm finden
Herz zu pflanzen,
häufig in Übung ist,

DER MODERNE KUNST-
HISTORISCHE UNTERRICHT

Von L. Segmiller-Pforzhej.m

ES ist nicht mehr zu leugnen: der kunstgeschicht-
liche Unterricht an den kunstgewerblichen
Schulen hält mit den übrigen Fächern nicht
mehr Schritt. Nicht daß die Schuld an den
Dozenten läge, sie sind ehrlich bestrebt »mit heißem
Bemühen den Stoff in all der Schönheit, die sie
und fühlen, dem Schüler ins
Das Vertragssystem, wie es
paßt für rein wissenschaftliche
Anstalten, eignet sich aber nur in den wenigsten
Fällen für Gewerbe-, Kunstgewerbe- und technische
Hochschulen. Auch die Art der Vorführung des An-
schauungsmaterials ist oft unpassend und ungeeignet;
es mangelt meist an den nötigen Hilfsmitteln. Wie
wäre es bei dem ernsten Streben, von dem der Vor-
tragende erfüllt ist, möglich, daß das Interesse mit
dem Augenblick zu erlahmen beginnt, in dem das
Thema nicht mehr von Jahrtausenden vor Christus,
von gigantischen Bauten aus weit abliegender Zeit
und geheimnisvollen Entdeckungen predigt? Tatsäch-
lich beweist auch der schwächere Besuch der Vor-
lesungen an Anstalten, an welchen Kunstgeschichte
Wahlfach ist, in dem Moment der Behandlung der-
jenigen Stilarten, die für jeden Kunstgewerbler und
Architekten von Wichtigkeit sind, daß der Unterricht
nicht mehr anregt. Der Schüler lehnt also gerade
das Wichtigste ab, bezw. er hört eben im großen
und ganzen gezwungenermaßen zu. Das jetzige Vor-
tragssystem ist zu wissenschaftlich. o
o Wenn der Hörer wirklichen, bleibenden Nutzen
aus den Vorträgen ziehen soll, so müssen wir genau
so vorgehen, wie in den anderen Fächern auch:
wir müssen praktisch Verwertbares geben. Unsere
Schüler interessiert nicht jede Madonna, jedes Stand-
bild, sie wollen vielmehr das Kunstgewerbe der ver-
schiedenen Epochen kennen lernen, wenngleich die
Besprechung großer Künstler und ihres Schaffens
dann nie fehlen soll, wenn sie ihrer Zeit das per-
sönliche Signum aufzudrücken vermochten. Besonders
wichtig erscheint es auch, die zu Unterrichtenden
selbsttätig durch häufiges Skizzieren mitarbeiten zu
lassen. Kommen hiezu noch Vorlesungen über prak-
tische Ästhetik und Farbenlehre, so dürfte den Lehr-
kräften der Entwurfsklassen manche Korrektur grund-
sätzlicher Fehler erspart bleiben. Freilich ist dann
die Forderung des modernen kunstgeschichtlichen
Unterrichtes erfüllt: aus der früheren Lernschule ist
die Arbeitsschule geworden. o
o Bisher mangelte auch die günstigste Verwertungs-
möglichkeit des Anschauungsmaterials. Es ist nicht
allzu lange her, daß man den Vortrag durch das
Herumgeben von Photographien und Reproduktionen
unterstützte. Hierdurch entstand eine allgemeine
Unruhe. Der die geeignete Vorlage betrachtende
Schüler folgte dem Vortrage nicht, andere erhielten
dieselbe erst, als der Dozent längst anderes besprach
oder gar erst im nächsten Vortrag. Dann kamen die
Lichtbilder, deren Vorführung aber wegen der nötigen
Verdunkelung des Raumes erst am Schlüsse der
Vorlesung erfolgen konnte. Damit war manches
erreicht, aber der direkte Zusammenhang mit den
Ausführungen noch nicht gewonnen. n

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