Lachen links: das republikanische Witzblatt — 1.1924

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«JOSEF MARIA FRANK: OES DEUTSCHEN VOLKES HAUTE VOLEE

Bezeichnenderweise stehen in ihren: Bücherspinde,
auf dem neben Canovas „Amor und Psyche" Archipenko sich flegelt
und über dem neben Spitzweg ein expressionistischer Segler segelt,
neben Sans Seinz Ewers Goethe und Sünde.

Sie wird donriniert durch strengkonservative Etikette,
rmch der „er" das vorgeschricbeneMonocle und das Armband trägt
und „sie" sich das Apachentuch um die gepuderte Salslinie schlägt,
also die Raffinesse und Delikatesse der Toilette.

Man ist ein Smoking oder ein Dccolete, aber stets manikürt,
trägt seidene Strümpfe und Rainer Maria Rilke auf dezenteste
Weise vor

und spricht wieMoissi und,wenn man zotet,besonders leise in'sOhr,
und freut sich, wenn man Mädchen aus dem Volk verführt.

Es umschweben sie Eau de Cologne und noch teurere Düfte
und trennen sie von: Volk als unüberbrückbare Klüfte.

Auch findet man öfters in ihrer Diele frdl. offeriert,
gleichsam dem Gast auf einem Präsentierteller serviert:

„La Garconnc!" und „Das Reisetagebuch eines Philosophen"
in trauter Sarinonie mit Stefan Georges Dantestrofen;
mtf „seinem" Nachttisch aber liegen „Die Geschlechtskrankheiten",
„Der weibliche Akt" und Iosefine Mutzenbachers Erbaulichkeiten...
Ihre Söhne werden Doktoren unb rangieren in die AA-Listen;
die Töchter verheiratet man mit kapitalistischen Christen.

Wobei es manchmal passiert, daß ein getaufter Jude erwählt wird,
was übrigens hier nur nebenbei erzählt wird.

(Jedenfalls erfand er den einreihigen Rock
und den durchaus mondänen five o'clock
und wirkt im allgemeinen dezent barock
und vornehm zurückhaltend degeneriert
und lässig blasiert!)

Erziehung

In München war es.

„Sm, ja!" sagte der ältere Serr. And
dann begann er von der zunehmenden Ver-
wahrlosung der Jugend zu sprechen, na-
türlich der Jugend der „ungebildeten
Schichten". Daß es so nicht weitergchcn
könne! Das war, als wir am Schotten-
hammel vorbeifnhren. Mir saßen
nämlich in der Straßenbahn.

Bei der Feldherrnhalle war er
schon für das Recht eines jeden Er-
wachsenen, an der Erziehung dieser
Jugend mitzuwirken. Der Jugend
der „ungebildeten Schichten" natürlich.

„Weil dös a so net weitergehen kann!"

Beim Siegestor war aus dem
Recht die Pflicht eines jeden Er-
wachsenen geworden, sich an der
Erziehung derKinder der „ungebildeten
Schichten"zu beteiligen. Sandgreiflich.

„Weil dös a so net weitergehen kann!"

Als wir in Schwabing ausstiegen,
war er für allgemeine Zwangser-
ziehung der Kinder der „ungebildeten
Schichten". „Weil dös a so netwciter-
gehen kann!"

Ich hatte mir das Gehörte zu Serzcn
genommen. Wie immer, wenn ältere,

erfahrene Leute etwas sagen.

* *

*

Auf der Rückfahrt.

Eine Frau neben mir beklagte sich
einer anderen Frau gegenüber: „Von
Folgen gar koa Red' net!"

„Kaum, daß er g'fressen hat, will
er schon wieder zur Tür' naus! And
dann streunt er rum, oft glei die hal-
baten Rächt'!"

„And wenn i 'n auf der Stroß'n
trcff und i schrei eam, — moanas, er-
ging her?"

Da fühlte ich mich gedrungen,
meine auf der Sinfahrt gewonnenen
Anschauungen zur Geltung zu

bringen. Ich erklärte der Frau, daß sie eben
nicht die nötige Energie aufwende! Daß sie
esvorGott undchen Belangen derOrdnungs-
zellenicht verantworten könne, derartige Auge-
zogenheiten hingehen zu lassen. Lind wenn sie
selbst nicht die Kraft aufbringe, den Ange-
horsam im Zügel zu halten, dann sei es eben die
nationale Pflicht und Schuldigkeit eines

jeden Zeugen derartiger Angehorsamkeit,
ihr die Erziehung aus der schwachen Sand
zu nehmen und dem Frechling gehörig zu
kommen. Aber gehörig! (Wobei ich meinen
Spazierstock sinngemäß packte.) And daß ich
mich keinen Augenblick besinnen würde, im ge-
eigneten Fall zu tun, was ich für die Pflicht
jedes national empfindenden Mannes hielte.
Die Frau hatte zunächst meiner
Rede gelauscht. Dann sprach sie:
„Ja, was geht denn Eana mei Dackl
an? Sö?! Moanas, i lassat mei Sun-
derl von so an damischen Gschaftl-
huaba schlag'n, der wo in alles nei-
reden möcht', dös wo eam gar nix

angeht,-von so an-"

Das Weitere hörte ich nicht mehr,
weil ich abgcstiegen war und der
Wagen weiterfuhr. 3. e. Brunner.

S 0 senmätze

„Jeden Sonntag sind diese Völ-
kischen nach auswärts zu irgend-
einem „Deulschen Tag." Das muß
denen doch mächtiges Geld kosten." —
„Gar nicht. Die Brüder können ja
alle noch aufKinderbillets fahren!"

A u f b e tu Lande

Ein Gewitter droht.

Der biedere Bauer ruht vom Mist-
legen aus und ruft nach dem Seubodcn,
wo sein Sohn sich grade landwirt-
schaftlich betätigt:

„Sinnerk,kumm runner, etdunnert."
„Vadder, dat kann ick hier baben ook
hören!"

A t e l i e r s ch m u s
Ein Raffke hat sich von Liebermann
malen lassen. Als er sich zur Ab-
nahme des Bildes einfindet, fragt er
täppisch: „Ist das Bild ähnlich ge-
ivorden, Serr Professor?" „Ob cs
ähnlich geworden ist?" schreit ihn Lic-
bermann an, „zum Kotzen ähnlich!"

Köpfe

Zeichnung vcn

Ooumergue,

der neue Präsident Frankreichs.
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