Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 5.1931

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In der „Aubette" in Strasburg und im eigenen Haufe in Meudon
teilweife verwirklicht, bieten fie vor allem der Theorie noch unend-
lichen Stoff. Die Farbe war ihm Geftaltungsmaferie, Architektur-
element. Er fah immer klarer, dafj die nackt-ftruktive, von ihm
„anatomifch" genannte Architektur wohl das dekorative Prinzip
der Vergangenheit überwunden hafte, aber in Belchränkung auf
die Nur-Utilität die opfifchen, taktilifchen und geiftigen Bedürf-
nifte völlig vernachläffigte. Erfordert die (ynoptifche Wirkung von
Architektur und Malerei, die Inbeziehungterjung architektonifcher
und malerifcher Elemente, wozu die Materialien Glas, Beton, Eilen

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u(w. ebenfo gehören, wie Horizontale und Vertikale, Licht und THEO VAN DOESBURG. C. VAN EESTEREN. G. RIETVELD ■ Projekt für eine
Schatten, Farbe und Grau-Schwarz-Weih, und wuhte, dah die Villa. 1922 ■ Project of a Villa ■ Projet d'une villa
Grundlagen einer neuen Geftaltungslehre nur auf der wiffenfchaft-
lichen und künftlerilchen Auswertung dieler Spannungsgegenfäfye
beruhen können. Dexel

KUNSTUNTERRICHT

Wir werden in nächlter Zeit die Fragen des künftlerilchen Un-
terrichts und feiner Reform in dnf eingehend behandeln und
haben Johannes Itten gebeten, hier die Grundlinien feiner Lehre
darzuftellen. Der Herausgeber

An einer Schule für künftlerifche Erziehung und kunftwiffenfchaft-
liche Fortchung muh die Ausbildung zu einem Teil der behutlamen
Beobachtung und Pflege der individuellen Art des jungen, lernen-
den Künftlers und zum anderen Teil der Erkenntnis der Gefetj-
mäfjigkeit von Form und Farbe in der Natur und als Geftaltungs-
mittel gewidmet fein.

Wenn ich in einer Klaffe von unverbildeten Menfchen die Auf-
gabe (teile, einen Baum zu zeichnen, fo werde ich beobachten,
dah die Ergebniffe nicht nur in künftlerifcher Qualität verfchieden-
artig ausfallen, fondern ich werde finden, dah, die Darfteilung —
das Zeichnen felbft — von den einzelnen auf ganz verfchiedene
Art und Weife verfucht wird.

Einige beginnen fofort, nachdem die Aufgabe gettellt ift, zu arbeiten.
Mit Gründlichkeit betonen fie an einer auffallenden Stelle möglichft
viel Einzelheiten und berückfichtigen weder die Gefamtform, noch
verfuchen fie für das im Baum fteckende triebhafte Leben einen
Ausdruck zu finden. Sie zeichnen, was fie fehen fie geben die
Impreffion des Gegenftandes fo gut fie können. Sie find impreffive
realiftifch denkende Temperamente

Diefes Temperament ift weitfchweifig, unüberfichtlich, chaotilch.
Dabei beobachtet es gründlich, vor allem Einzelheiten und un-
wichtige Kleinigkeiten. Es ift geduldig und liebevoll, fehr empfind-
lich gegen Tadel.

Andere verfuchen fich die Aufgabe nach allen Richtungen klar

zu machen. Sie gehen von der geometrifierten Hauptform aus
und übertragen die Einzelheiten fummarifch — fie abftrahieren.
Sie geben in ihrer Darftellung wieder, was fie erkannt haben und
wiffen. Sie find konduktive, intellektuell-abftrahierende Tem-
peramente.

Sie neigen zu (ynthefifch einfacher, klarer, konftruktiv-geometrifcher,
eindeutig geordneter, leicht kalter und lieblofer Arbeitsweife. Sie
theoretifieren und diskutieren gerne und find fchwer von vorge-
faßter Meinung wegzuziehen.

Die übrigen warten einige Zeit, bis fie zu zeichnen beginnen; dann
aber arbeiten fie rafch, empfindungsgemäh, intenfiv. Sie kümmern
fich wenig um die Exaktheit der Einzelheiten und die Fixierung
der Gefamtform. Sie beginnen zulef)t und find zuerft fertig. Ihre
Relultate find die lebendigften; optifch ungenau aber wefenhaft.
Es kommt ihnen auf den Ausdruck an. Sie find die expreffiven,
vom Empfinden ausgehenden Temperamente. Sie find dynamifch-
impulfiv, phantafievolle oder religiöfe Menfchen. Sie find die leicht
begeifterten und auch leicht deprimierten Führertemperamente.
Nicht bei allen zeigen (ich diele Eigenfchaften eindeutig. Es gibt
Durchdringungen und Überlagerungen: denn es ift felbftverftänd-
lich, daf} jeder Menfch alle drei Temperamente in fich vereinigt.
Eines ift aber immer vorhergehend.

Für die Pädagogik ift es von allergrößter Wichtigkeit; dah der
Lehrer felbft feineArt, fein eigenesTemperament, kennt und außer-
dem fähig ift, dieTemperierung (einer Schülerfeltzuftellen. Nur dann
wird er zu allen Schülern gerecht (ein und (ie ihrer Art entfpre-
chend fördern können. Weil in einer Klaffe alle Temperamente
vertreten find und weil jedes Temperament in allen, auch in den
fchwachen Anlagen ausgebildet werden muh, foll der Lehrer die

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