Pan <Berlin> — 2.1896-97 (Heft III und IV)

Seite: 243
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DIE SEZESSION

N der Mitte des Jahrhunderts ent-
standen mit den Weltausstellungen
auch die internationalen Kunst-
ausstellungen. Bis dahin hatte der
jährliche Salon eine bescheidene
Zahl von Bildern aufgenommen,
vorzüglich französische. Nur hie
und da hatten sich ein paar fremde
Künstler als Gäste eingefunden,
denn Paris war von jeher ein
Magnet gewesen. Nun aber sollten

___._ die Nationen eingeladen werden,

insgesamt einzurücken und eine eindringliche Vorstellung von
ihrem nationalen Kunstschaffen zu geben. So war auch für die
moderne Kunst erreicht, was die Museen für die alte längst
geboten, ein Konzertsaal, in dem die Völkerstimmen zusammen-
klingen konnten. Und der Klang war nicht übel. Denn man
konnte das Schaffen von Jahrzehnten durchsieben und die
grofsen und edeln Stücke wählen, so dafs wirklich eine
vornehme Würde über dem Ganzen schwebte. Es schien, dafs
die neue Idee auch eine gute gewesen, die den Kunstfreunden
Freude und den Künstlern Belehrung und Nutzen gebracht.
Und nun hetzte man diesen guten Einfall zu Tode. Die in-
dustriellen Weltausstellungen folgten einander in allzu kurzen
Zeiträumen und die internationalen Kunstausstellungen fanden

alljährlich statt, denn der Salon kommt thatsächlich nur
durch die Beteiligung aller künstlerisch schaffenden Nationen
zu Stande. Und da die Kleinode früherer Jahrzehnte verbraucht
sind, mufs ohne Zaudern genommen werden, was der Tag
bringt; da klingen die Töne schrill und schriller und die
edle Harmonie wandelt sich in eine gellende Dissonanz. Die
Dimensionen wurden übergrofse, ein Meer von Farbe schlug
seine Wellen und drohte den Beschauer zu verschlingen. Jahr
für Jahr kam die grofse Flut, immer trostloser, immer er-
mattender. Das wurde diese fürchterliche, würdelose mo-
derne Kunstausstellung. Die Nerven werden zermartert, die
Stimmung wird erschlagen. Da mufs man sich durch end-
lose Reihen gleichgiltiger oder unangenehmer Bilder durch-
arbeiten, durch einen Wust von Mittelmäfsigkeit und Talent-
losigkeit. Und wenn wirklich ein paar Kunstwerke vor-
handen sind, an denen man sich freuen und erheben könnte,
dann ist das Auge müde und die Empfänglichkeit am Ende.
Ein Kunstgenufs wird zur Unmöglichkeit, Ueberdrufs und
Gleichgiltigkeit treten an die Stelle. Der Zweck der Aus-
stellung ist in sein Gegenteil verkehrt.

Paris, das die Unsitte der grofsen Bildermärkte aufge-
bracht hatte, strebte auch zuerst eine Reform an. Verschie-
dene kleinere Künstlervereinigungen, die sich vor Beginn des
grofsen Salons in Klubräumen und bei Kunsthändlern dem
Publikum vorstellten, hatten schon den Weg gezeigt, den nun

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