Pan <Berlin> — 3.1897-98 (Heft I und II)

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Wurzel alles Menschlichen berührt, am überraschendsten zum
Ausdruck zu bringen.

Es giebt einen Realismus, der mit scharfer Aufmerksam-
keit das Sichtbare beobachtet, einen Realismus, der gewissen-
haft zerlegt, genau bezeichnet und authentisch wiedergiebt,
was das geschärfte Auge in sich aufnahm. Ein solcher
Realismus aber, der oft erinnert an jene Art Wissenschaft,
von der gesagt worden ist, sie verstehe vom Veilchen alles,
nur nicht den Duft, — ein solcher Realismus ist der des
Josef Israels keineswegs. Seine Arbeitsweise ist durchaus
unbefangen; man könnte sagen, er taste umher, denn seine
Naturtreue ist weit entfernt von peinlicher Pedanterie; sein
Sehen rührt nicht von einem Ordnen, sondern meist vom
reinen Empfinden her und sein Empfinden ist vor allen Dingen
intuitiv. Die wissenschaftlichen Zeichner haben oft allerlei
an seiner Arbeit auszusetzen gefunden, — es fragt sich aber,
ob nicht die matte Abrundung, die sie vor allem verlangen,
an die Sauberkeit weifsgetünchter Gräber mahnt; wie könnte
man übrigens auch vollkommene Klarheit fordern von jemand,
der flüssige Lebensmysterien berührt, oder Abrundung, wo die
Bilder zum Träumen anregen? Denn ein schönes Bild von
Israels stimmt zum Träumen; und das erklärt vielleicht, wie
er, der sich nie herabliefs, dem Geschmack des Publikums
oder blofsem Sinnenreize zu huldigen, so grofsen Zauber aus-
zuüben vermag. Ebenso wie er die scharfen Formen seiner
harten und mitunter sogar schroffen Figuren mit weichen
Tönen umgiebt, so läfst er ihren mächtigen Ausdruck sich
auflösen in unbestimmte Träumerei: in die Träumerei eines
ärmlichen holländischen Gemaches, wo die Dämmerung die
Figuren umnachtet und wo es aus den dunklen Ecken wie
Entsagung klingt, oder in die Träumerei einer grau-hellen
holländischen Landschaft, oder eines Seestrandes, wo eine
dumpfe Luft den Menschen sich in sich selber versenken läfst
und dennoch wieder dem freudlosen Dasein des Armen einen
milden Schein von Frieden verleiht. — Und so wie dieser
gebundene Silberton, der ihn die köstlichsten Farbensym-
phonieen dichten läfst, mit ganz eigentümlich holländischem

Charakter, so ist auch dieses Träumerische nicht etwas von
aufsen Hereingedachtes, sondern es ist der leise Lichtschein,
der in den Augen jener Mühsamen und Verhärteten dämmert,
deren innerliche Bedeutung Israels nach den Alt-Holländern
von neuem wieder zu schätzen und auf eigene Weise wieder-
zugeben verstand.

Denn was er offenbaren will, könnte schwerlich anders
gegeben werden, als in Schilderungen eben dieser Kainskinder,
deren tagtägliches Leben ein unablässiger Kampf ist mit den
Nöten und Mühen des Daseins; oder ist es nicht Armut,
Mangel und Not, was des Menschen tiefere Lebenswurzel
am Nacktesten zu Tage bringt? Es ist thöricht, zu glauben,
dafs ein Maler in Menschen, die sich selbstbewufst bewegen
und die alle Individualität mit irgend einer glatten Mode zu
bemänteln suchen, Stoff hätte finden können zu Schöpfungen
so ergreifend kräftiger Innerlichkeit, wie die besten Werke
Israels. Denn eben darin besteht der Unterschied zwischen
dem Dichter des Wortes und dem Maler, dass jener sein
ideelles Menschenbild zu formen vermag, jeglicher äusseren
Offenbarung frei, während dieser das Unsichtbare dennoch
durch die Wiedergabe des Sichtbaren zu veranschaulichen
imstande ist, weil es, wie ich den Nestor der deutschen
Maler einmal bemerken hörte, in unserer Kunst nun einmal
kein Sein giebt ohne Schein.

In Tagen, wo die Malerei fast mehr als je unterzugehen
droht im eitlen Streben nach Scheinbehagen und in der Häss-
lichkeit äusserlichen Aufwandes, ist namentlich Josef Israels
der, der seiner inneren Stimme treu geblieben ist. Inmitten
der grösseren Hälfte der modernen Maler steht er wie ein
unbefangener Seher zwischen schlauen Pinselrittern.

Denn die meisten, auch der Ruhmgekrönten um ihn her,
sind Schönschwätzer oder Virtuosen oder Mammonsknechte,
jedoch dieser, der geistige Enkel des Gröfsten unter allen
Alt-Holländern, hat in unscheinbaren, mafsvollen Gebilden
den würdevollen Empfindungen seines grossen Menschen-
herzens eine stille Unsterblichkeit gesichert.

Jan Veth

H. LINDE, STRASSENSCENE

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