Kawerau, Georg; Wiegand, Theodor
Altertümer von Pergamon (Band V,1, Text): Die Paläste der Hochburg — Berlin, 1930

Seite: 1
Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/pergamon1930/0009
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
DIE WOHNBAUTEN DER HOCHBURG.
EINLEITUNG.
Die Hochburg bildet ein unregelmäßiges Viereck, dessen größte Ausdehnung in der Richtung
von NW nach SO etwa 275 m beträgt, während die durchschnittliche Breite sich auf etwa
130 m beläuft. Die Höhenerhebung innerhalb der Hochburg ist keine bedeutende mehr. Der
natürliche Fels steigt von der Schwelle des Eingangstores in ziemlich gleichmäßiger Neigung
bis zu der nahe der Nordspitze gelegenen höchsten Felskuppe um nur 25,50 m; dabei liegt der
nordöstliche Teil des Plateaus durchweg höher als der südwestliche (Übersichtsblatt Taf. I).
Auf dem südwestlichen breiteren Streifen flehen 2 große Gebäudeanlagen: südlich der Tempel
der Athena Polias (A.v.P. Bd. II), nördlich der Tempel des Trajan (A. v. P. Bd. V 2).
Den nordöstlichen Streifen nahm eine Reihe dicht aneinander gedrängter Gebäude ein, in denen
wir die einsüge Wohnung der Herrscher, ihres Gelindes und ihrer militärischen Wachen erblicken
dürfen. Die einzelnen Anlagen zeigen nach Plan, Ausführungsart und Baumaterial meist deut-
liche Eigenart und manche Verschiedenheit gegen die Nachbargebäude, sodaß wenigstens eine
Anzahl von Hauptgruppen deutlich erkannt und gesondert werden kann. Der folgenden Be-
schreibung der Baureste soll eine Gliederung in sechs Gruppen zu Grunde gelegt werden, wobei
die Betrachtung der Gebäude mit den höhergelegenen Teilen im Nordwesten beginnen und dem
Abfall des örtlichen Streifens folgend sich weiter den tiefer nach Südosten folgenden Anlagen
zuwenden wird.
Die Gestalt der Hochburg ist nicht von Anfang an dieselbe geblieben. Die Umfassungsmauern
sind im Laufe der Zeit wesentlich verschoben worden. Wohl hat sich längs der Nordostseite die
ursprüngliche Grenze infolge natürlicher Bodengestaltung auf lange Strecken fortgesetzt erhalten,
im Norden und Süden dieser Front haben aber bedeutende Erweiterungen stattgefunden. Auch
die Südgrenze folgt im wesentlichen der alten Besestigungslinie. Dagegen scheint die Südwest-
front am meisten verändert; kaum, daß die ursprüngliche Form an einzelnen Stellen erkennbar ist.
Die Nordwestgrenze entzieht sich unter den noch flehenden hohen späteren Überbäuungen der
Beurteilung.
Ebenso sind auch diejenigen baulichen Anlagen, deren Grundrisse in den Zeichnungen jetzt be-
herrschend hervortreten, nicht die ursprünglichen; fast durchweg sind sie, oft ohne Rücksichtnahme
auf das Vorhandene, in veränderter Richtung über die älteren Gründungen fortgebaut, oder sie
stellen sich im Anschluß an jene nur als Erweiterungen und Umbauten dar. Wir kommen später
im einzelnen darauf zurück.
Nirgend im Bereich des Stadtberges ist die Zerstörung eine so gründliche gewesen, wie ge-
rade auf diesem höchsten Punkte des Burghügels. Der Aufbau (s. u. S. l6f.) ist mit geringen
Ausnahmen überall verschwunden, selbst die Fundamente lassen sich oft nur in ihren allertiefsten
Schichten oder in den Bearbeitungen des natürlichen Felsens nachweisen. Wir mussen daher
von vornherein darauf verzichten, eine ins einzelne gehende Rekonstruktion versuchen zu wollen,
umsomehr als auch die Bauglieder bis auf einige wenige zerftreut gefundene Fragmente ver-
schwunden sind. Wir mussen uns begnügen, die Grundrisse im wesentlichen klarzustellen.
Vor der Aufdeckung stellte sich die gesamte Oberfläche als ein mit zahlreichen Trümmern
und Gestrüpp bedecktes Rasenseld dar, aus welchem mehrfach der gewachsene Felsen hervorschaute,
Pergamon Vi. I
loading ...