Pomtow, Hans R.
Beiträge zur Topographie von Delphi — Berlin, 1889

Page: 41
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Theater. Quellen.

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fast ganz verschütteten Bau's wird erst bei den Ausgrabungen zu Tage kommen, frei-
lich in sehr zerstörter Gestalt.

Die meist durch Chandler abgeschriebenen, zuerst von allen Delphischen Manu-
missionen bekannt gewordenen Theatermauer-Inschriften finden sich auf der Südwand
desselben in Haus 212/213. Auf dem Tafel IV nr. 7 beigegebenen Plan dieser Wand
(1 : 100) sind die Stellen dieser, sowie aller übrigen zumeist unedirten Texte — im
Ganzen 20 — verzeichnet.

Ob die heut die Hinterfronten der Häuser 214/215 u. 218 bildende von N.
nach 8. verlaufende Quadermauer mit zu der Ostwand des Theaters gehört oder als
selbständige Hinterwand der Lesche aufzufassen ist, die sich an das Theater lehnte
oder unmittelbar neben ihm befand — ist bei der jetzigen völligen Ueberbauung nicht
auszumachen. Dass die Lesche aber genau an dieser Stelle, n. w. oberhalb des
H. Nicolaus-Brunnens liegt und die hier vorhandenen Reste zu ihr gehören, ist völlig
gesichert (vgl. Ulrichs p. 107).

Die seit Ulrichs für abgeschlossen geltende Frage betreffs Tdentilicirung der
jetzt vorhandenen Brunnen und Quellen mit den überlieferten antiken verlangt neuer-
dings eine Richtigstellung. Schon Thiersch1) und später Foucart (mein. p. 101) hatten
darauf hingewiesen, dass der 'Brunnen des H. Nicolaos', die sogen. Cassotis keine hier
entspringende Quelle, sondern ein abgeleitetes Wasser sei. Trotzdem ist nicht zu
bezweifeln, dass Pausanias (X 24,7) mit der Benennung'Cassotis' grade diese Quelle
gemeint hat, wie Ulrichs nachwies. Wenn letzterer aber nun der grossen Quelle
Kernä, die im Norden des jetzigen Dorfes unter mächtigen Felsen entspringt, den
Namen' Delphusa' vindicirt und namentlich wenn er in ihr den' Stadtbrunnen Delphi's'2)
. erkennen will, so unterliegt das gewichtigen Bedenken. Die Stadt Delphi war von
dieser Quelle durch den gewaltigen Umfang des Temenos geschieden und beginnt erst
in einer Tiefe von über 100 metern unterhalb derselben. Da kann von einem'Stadt-
brunpen' nicht die Rede sein. Der Name' Delphusa' ist einzig bei Steph. Byz. erhalten
und erscheint wegen der Gleichheit mit der im Homer. Hymnus eine so grosse Rolle
spielenden boeotischen Quelle 'Telphusa' nicht unverdächtig. Die Entscheidung hängt
von dem Nachweise ab, ob in der That das Wasser der Cassotis in directer Leitung
- aus der Kernä, herab kommt; ist dies der Fall — und nach Thiersch's Beschreibung,
der die Gegend damals noch weniger verschüttet sah, ist daran kaum zu zweifeln —

') Abh. d. Bair. Ak., 1840, III p. 18: „aus seinem Fusse (sc. dem Kernafelsen) strömt ein
reichlicher Quell, der sich gegen die Kirche des heil. Nicolaos hinwendet, bald unter der Erde in
einer alten, künstlichen Leitung verschwindet und bei der Kirche des heil. Nicolaos wieder zum
Vorschein kommt".

2) a. a. 0. p. 104 in der Ueberschrift: 'Stadtbrunnen Delphusa', für welche Bezeichnung
er in des Stephanus Byz. Worten Bestätigung zu finden meint: p. 114 not. 32; vgl. auch p. 110.

Pomtow, Beiträge z. Topographie v. Delphi. 6
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